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Helmut Böttiger: „Die Gruppe 47“ und Hans Werner Richter: „Mittendrin“ Große Nachricht aus der Welt von gestern

Vor fünfundsechzig Jahren gründete Hans Werner Richter die Gruppe 47. Jetzt erscheint sein Tagebuch. Und Helmut Böttiger deutet fast alles gut.

© Verlag Vergrößern

Mitte Januar 1967 hält Hans Werner Richter vor sechshundert Bielefelder Oberstufenschülern einen Vortrag über die Sowjetunion und die sozialistischen Staaten, danach wird diskutiert. So verblüfft wie begeistert hält er im Tagebuch fest, seine Zuhörer hätten dem Thema zwar pflichtgemäße Neugier entgegengebracht, die Gruppe 47 aber, von Richter zwanzig Jahre zuvor gegründet, habe sie „mehr interessiert als alles andere“. „Für sie, für diese Jugendlichen“, fügt er hinzu, „ist die Gruppe 47 die neue Welt, die Welt von heute.“

Jochen Hieber Folgen:

Gut fünf Jahre später, nach einer von mehreren letzten Tagungen der schon nicht mehr existenten, aber auch nicht enden wollenden Gruppe, wird er dann ernüchtert und enttäuscht notieren: „Eine angenehme Gesellschaft, aber ohne Sprungkraft. Das Feuer ist weg, vielleicht weil die Literatur nicht mehr von allgemeinem Interesse ist oder von diesem Interesse getragen wird.“

„Maulwürfe“ in der Pulvermühle

Beide Beobachtungen stimmen. Gerade für die um 1950 Geborenen, also für die Bielefelder Gymnasiasten und ihresgleichen in der Bundesrepublik, wurden die zwanzig, dreißig Jahre älteren Autoren im Kern der Gruppe 47, wurden Böll, Grass, Walser, Eich, Enzensberger, Johnson, Peter Weiss, Ilse Aichinger oder Ingeborg Bachmann zur frühen Lese- und damit Welt-Offenbarung.

Richtig ist auch, dass die deutsche Literatur durch die Gruppe 47 für einen kurzen Moment lang weite Teile der Gesamtgesellschaft erreichte, anregte und aufregte, also das öffentliche Gespräch wenn nicht beherrschte, so doch kräftig befeuerte. Dieser Moment währte ziemlich exakt vom Herbst 1958, als Günter Grass in Großholzleute, einem Dorf im Allgäu, erstmals aus der „Blechtrommel“ las, bis zum Oktober 1967, als Günter Eich in der fränkischen Pulvermühle seine „Maulwürfe“ ans Licht brachte - und es die dort von einigen Gruppenmitgliedern verfasste „Anti-Springer-Resolution“ sofort in die „Tagesschau“ schaffte.

Verrat im innersten Zirkel

Diese wenigen Jahre waren ein emphatischer Augenblick der Literatur - und ein singulärer obendrein. Schon wahr, dass das literarische Leben gerade heute höchst vielfältig ist und das Publikum immer noch in Scharen zur Literatur strömt, die Gesellschaft aber verständigt und definiert sich längst nicht mehr über sie: Dieses „allgemeine Interesse“ ist perdu.

Hans-Werner Richter © Verlag Vergrößern

Aus den Bibliothekstiefen des Politikwissenschaftlers Arnulf Baring sind vor kurzem die treuhänderisch verwahrten Tagebuchnotate des 1993 gestorbenen Hans Werner Richter wundersam wiederaufgetaucht. Sie gelten den Jahren 1966 bis 1972, enthalten kaum Privates, sind als zeitgeschichtliches Dokument aber von stupendem Rang und jetzt in einer vorzüglichen Edition der Germanisten Dominik Geppert und Nina Schnutz erschienen. Richter, der noch 1965 einen Aufsatz mit dem Titel „Warum ich kein Tagebuch schreibe“ publizierte, hatte schon im Jahr darauf einen gewichtigen Grund, das Verdikt zu revidieren. Denn er sah die Gruppe 47 - und damit sein Lebenswerk - in Gefahr, und er glaubte zu wissen, woran das lag: an einem „Verrat“, der aus dem innersten Zirkel kam.

Verquast und bramarbasierend

Einst Kommunist, jetzt Sympathisant der Sozialdemokratie: Für Richter gehörten Literatur, Politik und Engagement stets zusammen. Nun aber, mit der heraufziehenden Studentenbewegung, sah er sich „zum ersten Mal in meinem Leben von links bedroht“. Als Rädelsführer identifizierte er den „Kursbuch“-Herausgeber Hans Magnus Enzensberger, seit 1955 zugleich Mitglied und bald einer der Stars der Gruppe: „Enzensberger verrät alles“, heißt es am 3. Juni 1968, „sogar sich selbst.“ Und am 6. Januar 1970 mit direktem Bezug auf das berühmt-berüchtigte fünfzehnte Heft des „Kursbuchs“: „der Verrat an der Literatur, wie ihn Enzensberger und andere begangen haben. Sie erklärten die Literatur für tot, wollten Politiker sein und sind nun gar nichts mehr.“

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Veröffentlicht: 07.12.2012, 16:21 Uhr