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Helene Hegemann: Axolotl Roadkill : Mir zerfallen die Worte im Mund wie schlechte Pillen

  • -Aktualisiert am

Helene Hegemann Bild: Ullstein Verlag

Die 1992 geborene Filmemacherin und Autorin Helene Hegemann ist die Sensation der ebenfalls noch sehr jungen Literatursaison. Ihr Debüt ist ein wütender Adoleszenzroman, den die Erkenntnis schmerzt, dass alles Entscheidende schon gesagt ist.

          Geschichten, die hart, brutal und vulgär sind, gibt es viele. Geschichten, die gerade deswegen schön sind, gibt es selten. Es ist halb fünf, am Tag oder in der Nacht, das ist egal, denn alle Konturen und Grenzen sind ohnehin verwischt, als die sechzehnjährige Mifti zu sich kommt. Drei Matratzen entfernt liegt Edmond, ihr Bruder, er schläft, nackt, ein tätowierter Glatzentyp kniet grinsend über ihm und macht Nahaufnahmen von seinen rasierten Genitalien. Aus der Küche dringt die Stimme von Annika, ihrer Schwester, die gerade erörtert, welche drei Songs den Übergang vom Altrock zum Punk markieren, etwas schrill klingt sie, wahrscheinlich wegen eines Restes vom Heroin. Im fahlen Licht des Mac Book Pro sitzt ein Kleinkind, Äneas, und kräht, weil es nicht zum Yoga will.

          Es ist also alles wie immer, in diesem Zustand der Wohlstandsverwahrlosung, der Normalität ist, wenn die Mutter tot und der Vater „eines dieser linken durchsetzungsfähigen Arschlöcher“ ist, das sein überdurchschnittliches Einkommen mit dem Zusammenkleben von Plattencovern zu expressionistisch melancholischen Kunstwerken verdient, wenn der Bruder Kapuzenpullover entwirft, auf denen in Schwarzrotgold der Slogan „Unsere Nationalfarben sind beschissen“ steht, und die Schwester als „durchtriebene Marketingbitch“ Raves auf Kornfeldern organisiert. Man vertreibt sich so die Zeit, sieht Dokudramen über belgische Pinguinfetischisten und Vergewaltigungen von Achtjährigen, liest aufgeklärte Belletristik über pakistanische Psychoanalytiker und die gesammelten Klassiker der Poptheorie, schläft mit taxifahrenden Schauspielern und der besten Freundin, fuchtelt kurz mit der geklauten Halbautomatikpistole, kippt auch den achten Wodka Tonic, streitet noch etwas über Foucault, den Feminismus und die Furunkel am Hintern von Karl Marx und verschwindet dann hinter der Stahltür einer Bar oder unter zerkoksten Medienleuten auf vierhundert Quadratmetern Parkettboden irgendwo in Berlin.

          Ich weiß genau, was ich will

          Ein Erlebnis fließt ins andere, nichts nimmt eine Wendung, zum Guten oder auch zum Schlechten, weil es nur eine einzige Gewissheit gibt, die alles umfasst: „Ich weiß genau, was ich will: nicht erwachsen werden“, so wie das Axolotl, ein nachtaktiver Lurch, der lebenslang im Larvenstadium bleibt und den Mifti in einer Plastiktüte durch ihre „Zwischenweltexzesse“ in Prenzlauer Berg, Mitte und Charlottenburg schleppt.

          Bild: Verlag

          „Axolotl Roadkill“ ist ein hartes, brutales, vulgäres Buch. Es ist die Geschichte einer Sechzehnjährigen, der Sex, Gewalt und Drogen die einzige Abwechslung in einem Leben bieten, das schon am Ende scheint, bevor es richtig angefangen hat. Es ist der erste Roman von Helene Hegemann, Jahrgang 1992, die bereits mit Filmen, Theaterstücken und Hörspielen aufgefallen ist. So betrachtet, ist alles gesagt. „Axolotl Roadkill“ ist nämlich eines dieser Bücher, auf die gewöhnlich nur mit zusammengekniffenen Augen geschaut wird: auf der einen Seite der Lupenblick des Ethnologen, der ein Exemplar der exotischen Gattung der Jugendlichen erkunden will, auf der anderen Seite die besorgt hochgezogenen Brauen des gutmeinenden Pädagogen, der in jeder radikalen Äußerung nichts anderes hören kann als einen unterdrückten Schrei nach Anerkennung.

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