Zu den interessantesten literaturgeschichtlichen Phänomenen gehören die Alterungsprozesse, denen literarische Stoffe unterworfen sind. Manche erleben einen kometenhaften Aufstieg, um dann rasch wieder in die Grube zu fahren; andere bleiben ewig jugendfrisch, weil die Menschheitsprobleme, die in ihnen ihre bildhafte Ausformung erfuhren, noch weit davon entfernt sind, ihre Lösung gefunden zu haben: Medea, Odysseus, wohl auch Faust. Zu den prominenten literarischen Themen der neuzeitlichen Literatur Europas, die in das Stadium letzter Vergreisung getreten sind, zählt, wenn nicht alles täuscht, dasjenige des Don Juan.
Geboren wurde die Figur des Don Juan zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts - nur fünfundzwanzig Jahre nach dem anderen großen Repräsentanten des modernen Individualismus: Faust, der wie Don Juan eine Figur radikaler Grenzüberschreitung ist. Der Stoff des Don Juan sollte aus dem Geist der Gegenreformation vor einer Sittenlosigkeit warnen, die gegen die engen Grenzen des frühneuzeitlichen Moralkodex verstieß. Es ist kein Zufall, daß die Stofftradition des Don Juan ihren künstlerischen Höhepunkt noch kurz vor dem Ausbruch der Französischen Revolution erfuhr, als sich die Warnstruktur des Don-Juan-Stoffs endgültig auflöste; die Prager Uraufführung 1787 von da Pontes und Mozarts "Don Giovanni" - im Zuschauerraum Casanova! - war eines der letzten künstlerischen Großereignisse des Ancien régime. Im achtzehnten Jahrhundert, das im Zeichen der Aufklärung die Emanzipation der Sinnlichkeit des Menschen vorangetrieben hatte, überlagerte sich der Mythos des Don Juan ohnehin schon mit der Realität der großen Libertins. Für seine zahllosen Liebesabenteuer traf Casanova, den größten unter ihnen, nur noch eine Strafe: all das, was er einst erlebt hatte, am Ende aufschreiben zu müssen, was zugleich bedeutete, die gelebte Lust durch die imaginäre Lust zu ersetzen.
Im neunzehnten Jahrhundert dann lebte das Don-Juan-Thema allenfalls noch vom Schrecken der Leporelloliste. Wenn technischer Fortschritt und ökonomische Prosperität unendliche Wunscherfüllung zum Ziel hatten, konnte diese selbst nicht mehr unter Strafe stehen; wohl aber entstand die Furcht, es werde, wo jeder Trieb befriedigt und jeder Wunsch erfüllt werden kann, die Langeweile der ewigen Wiederkehr des Gleichen einkehren. Deshalb wurde Don Juan - man lese vergessene Autoren wie Nikolaus Lenau! - zum Melancholiker: zum bleichen Bruder des noch bleicheren Tannhäuser, der überall leben möchte, nur nicht länger im Venusberg. Und ein melancholischer Intellektueller ist Don Juan noch im zwanzigsten Jahrhundert etwa bei Max Frisch, der Don Juans Liebe zu den Frauen durch diejenige zur Geometrie ersetzt. Darüber aber, wie intim die Sehnsucht nach Fleischeslust und jene nach intellektueller Erkenntnis beieinanderwohnen, verrät uns heute jeder Film von Woody Allen mehr als die gesamte Stofftradition des Don Juan. Warum also den alten Knaben, dessen taperige Resümees erotischer Höchstleistungen in nicht einmal besseren Zeiten uns mittlerweile doch ein wenig peinlich sind, noch einmal poetisch galvanisieren?
Peter Handke weiß eine Antwort: weil alle Don Juans, die seit vier Jahrhunderten die Weltliteratur bevölkern, falsche Don Juans sind - "auch der von Molière; auch der von Mozart. Ich kann es bezeugen: Don Juan ist ein anderer." Sollten wir uns also in Don Juan immer getäuscht haben? Aber andererseits: Ein Don Juan, in dessen Absichten man sich täuschen kann, ist keiner mehr. Natürlich kann der Leser auf keinen Don Juan gespannter sein als auf einen, der dem Bleistift des Peter Handke entsprungen ist, denn dieser Dichter kennt sich in weiblichen Seelen vorzüglich aus und weiß komplexe Gefühlswelten so subtil zu beschreiben wie kein anderer. Nur: Wenn sein Don Juan ein ganz anderer ist als derjenige von Molière oder Mozart, dann belegt er gerade damit die Auszehrung der Stofftradition.
Handkes Don Juan hat deshalb kaum etwas von dem, was die Stoffgeschichte von ihm verlangt, wohl aber alles, was man von einem Handkeschen Helden ohnehin erwartet. Er ist also ein Virtuose der wahren Empfindung und ein Spezialist für erfüllte Augenblicke. Der Leser wird ihn rasch mögen, diesen Mann zum Gernhaben. Aber jene erotische Überraschung, die sein Name verspricht, gewährt er wahrhaftig nicht.
Der enttäuschte Voyeur.
Dabei gestaltet Handke den Auftritt seines Don Juan erzählerisch durchaus überraschungsvoll: Er stürzt auf der Flucht vor einem Pärchen, dem er eher zufällig beim Liebesakt zugeschaut hat, plötzlich über die Mauer des dem Ich-Erzähler - einem Koch und Leser, der aber das Kochen und Lesen gerade eingestellt hat - gehörenden Gartens in der Nähe der Klosterruine von Port-Royal-des-Champs. Schon der Bericht über das Ereignis, das seine Flucht ausgelöst hat, gibt sein fundamentales Desinteresse an jenem physischen Akt zu erkennen, dessen virtuose Bewältigung herkömmlich mit seinem Namen verbunden wird. Denn er hat dem Paar nicht aus sexueller Neugier, sondern allein in der Erwartung zugeschaut, "daß sich doch noch mit den beiden etwas ereigne, das dem Lauf der Dinge widerspräche".
Dieses Etwas, das sich in dem sexuellen Akt des beobachteten Paars nicht ereignet: was soll es sein? Don Juan spricht es zunächst nicht aus, sondern überläßt es dem Geist der Erzählung, eine Vorstellung von diesem ganz anderen, den gewöhnlichen Lauf der Dinge Durchbrechenden zu vermitteln, das in der intimsten - und das heißt nicht notwendig: sexuellen - Begegnung zwischen Mann und Frau Wirklichkeit werden kann. Es geht Handkes Don Juan um die Herstellung von Gleichzeitigkeit zwischen zwei Menschen: "Gleichzeitigkeit mit ihr, der anderen, die sich so auf den ersten Blick nicht mehr als die andere erlebte, gleichwie auch ihn, den fremden Mann, nicht mehr als den anderen." Denn das Problem dieses Don Juan ist nicht der Eros, sondern die Zeit. Er will Herr seiner Zeit sein, und weil die Frauen in ihm den Herrn der Zeit erkennen, erkennen sie in ihm in einem Augenblick auch "ihren Herrn": "eine Art Retter", der sie "wegbringen" kann, "von hier, hier und hier".
Suche nach dem Grundanderen.
Das klingt nun zunächst ein bißchen trocken, denn Handke verzichtet leider ungern darauf, gelegentlich in dürren Begriffen auszusprechen, was er ganz dem Geist der Erzählung anvertrauen möchte und könnte: wie sich zwischen zwei Menschen, für alle anderen unsichtbar und unhörbar, jene ungeheuerlichen Augenblicke ereignen, in denen alle Trennungen überwunden sind in einem sich jeder Beschreibung entziehenden Einklang. Das sind dann die Handkeschen ewigen Augenblicke eines "vollkommen übereinstimmenden Zeitsinns", in denen Don Juan sich zwar nicht mehr als Erotiker, wohl aber als ein Held der erfüllten Zeit noch einmal in gewohntem Virtuosentum bewährt. Sobald Handke seinen Helden von den Geheimnissen dieser unwiederholbaren Augenblicke erzählen läßt, ist er ganz auf der Höhe seiner Kunst. Dann gelingt ihm in seinen besten Momenten - denn auch der Autor ist ja ein von der Suche nach dem Grundanderen der absolut erfüllten Zeit getriebener Don Juan - dasjenige, was nach wie vor nur Peter Handke gelingt: die dichte Beschreibung unbeschreiblicher Gefühlsmysterien.
Sie freilich gelingt nur einmal in diesem sympathischen kleinen Buch, dort aber auf besonders eindrucksvolle Weise. Sieben Tage lang läßt Peter Handke Don Juan nicht etwa sein Leben, sondern Tag für Tag die Geschichten erzählen, die er in den vergangenen sieben Tagen mit sieben Frauen in sieben verschiedenen Ländern erlebt hat. In diesen sieben Tagen durchlebt der von Trauer über den Verlust des "ihm nächsten Menschen" durch die Welt getriebene Don Juan noch einmal eine "Frauenzeit", in der er den Lauf der Dinge zu durchbrechen vermag. Seine Reise verschlägt ihn zunächst in ein kaukasisches Dorf auf eine Hochzeit, bei der zuerst der Blick der Braut auf ihn, dann aber sein Blick auf die Braut fällt und in ihr das "Bewußtsein ihrer bisherigen Einsamkeit" und damit unbedingtes Begehren freisetzt. Wie Handke von dem Abenteuer dieses Augenblicks, der öffentlichen Verinselung eines Paars in Raum und Zeit und einer absoluten Seelen- und Körperverschmelzung im Medium eines einzigen Blicks, erzählt, dies macht ihm keiner nach und ist Höhe- und Glanzpunkt dieses Buches.
Danach aber setzt die Repetitionsschematik ein, die nun einmal zur Don-Juan-Existenz gehört und die selbst kleine Bücher lang machen kann, auch wenn Handke klug die schlechte Unendlichkeit durch die magische Zahl Sieben ersetzt. So bilden denn die folgenden sechs Tage eine Zeit der "Wiederholungen", in denen nur noch die "Varianten" die Würze geben. Da Handke seinen Don Juan sich nach der Geschichte des ersten Tages erzählerisch auf diese Varianten konzentrieren läßt, dünnen sich seine Geschichten sukzessive aus, womit sich dann freilich von der Magie der Gleichzeitigkeit, die Don Juan mit seinen Frauen erlebt, nur noch wenig auf den Leser überträgt. So blickt er spätestens am dritten oder vierten Tag ungeduldig und erwartungsfroh auf das Ende des schmalen Bandes, wo ihm Handke tatsächlich noch einen hübschen Komödieneffekt beschert. Denn die Frauen wollen sich naturgemäß mit den ihnen von Don Juan gewährten großen Augenblicken nicht zufriedengeben, und deshalb wird der Garten von Port Royal eines Abends von sieben Frauen belagert . . . Bei der Frage nach der Verstetigung der schönen Augenblicke setzen bekanntlich die Probleme des Lebens erst ein, und deshalb hat Handkes Erzählung hier ihr Ende.
Man geht durch diese entspannte Prosa, deren Titel heiße Sommernächte verspricht, hindurch wie durch einen warmen Frühlingshauch. Das ist angenehm; man sollte es genießen. Und am Ende doch energisch den Kopf schütteln, wenn man den Schlußsatz liest: "Don Juans Geschichte kann kein Ende haben, und das ist, sage und schreibe, die endgültige und wahre Geschichte Don Juans." Ach, nein! Man kann natürlich einen Mann, der "treu" und "freundlich" und "aufmerksam" und "väterlich" ist und dem man gern zuhört und dem man glaubt, einen Don Juan nennen, aber deshalb ist er noch längst kein Don Juan, sondern allenfalls eine besonders nette Figur von Peter Handke. Und so halten wir es denn lieber mit der Statue des Komturs, deren letzte Worte schon vor über zweihundert Jahren dem Don Juan sein Schicksal verkündet haben: "Deine Zeit ist um!"
Peter Handke: "Don Juan (erzählt von ihm selbst)". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 159 S., geb., 16,80 [Euro].