http://www.faz.net/-gr3-7969j

Heinz Strunk: Junge rettet Freund aus Teich : Huckleberry Halfpape in Todtglüsingen

  • -Aktualisiert am

Bild: Rowohlt

Wäre ja noch schöner, wenn das Leben schön wäre: Heinz Strunks Roman „Junge rettet Freund aus Teich“ setzt den Bericht vom beschädigten Leben der Landjugend fort.

          Dieses Buch ist ein Exerzitium der Erinnerung. Wer schon immer wissen wollte, welche Kuchen die Großmutter von Mathias Halfpape (so der bürgerliche Name von Heinz Strunk) Nachmittag für Nachmittag buk, während der Sechsjährige auf zu hohe Bäume kletterte, von denen er sich dann nicht mehr herunter traute - der bekommt hier detaillierte Informationen in romanhafter Aufbereitung.

          Jede glückliche Kindheit ist anders, die unglücklichen aber ähneln sich. Deshalb hat dieses Buch, so tief es sich in den privaten Erinnerungsstollen hineinbohrt, zugleich einen repräsentativen Charakter. Menschen, die in den Babyboomer-Jahrgängen der Sechziger geboren wurden, bekommen von Heinz Strunk manches Kleingebäck zum Zweck unfreiwilliger Erinnerung geboten. Von poetischem Puderzucker keine Spur, der Beigeschmack der Füllung ist übel, darauf versteht sich dieser Autor wie kein Zweiter. Wäre ja noch schöner, wenn das Leben schön wäre.

          Schluss mit Comedy

          Drei Schichten der Kindheit und Jugend werden aufgegraben: „1966“, „1970“ und „1974“ sind die Abschnitte des Buches überschrieben. Sie widmen sich Mathias im Alter von sechs, zehn und vierzehn Jahren. Der erste Teil schildert eine schräge, aber gerade noch im Lot befindliche Großeltern-Idylle, der zweite hat einen Beigeschmack von jungenhafter Abenteuerromantik, von Huckleberry Halfpape in Todtglüsingen, der dritte bringt eine Abfolge des Schlimmen und Schlimmeren: Pubertät, Mutters Psychose, das Absterben der Großeltern.

          Denn Mathias ist ein Großelternkind. Die Mutter erteilt Unterricht an der Musikschule Hanhoopsfeld (Blockflöte, Klavier) in Hamburg-Harburg, dort sind ihre Hoffnungen gestrandet wie ein Wal: „Für meine Mutter kommen nur Männer in Frage wie Herbert von Karajan oder ein Arzt oder Professor. Meinen Vater hätte sie auch genommen, aber der war schon verheiratet. Viel mehr weiß ich darüber nicht.“ Lakonischer kann eine schmerzende Leerstelle nicht markiert werden. Das Schicksal der Mutter, das im Hintergrund des Romans bleibt, ist todtraurig. Nach einem harten Arbeitstag voller unbegabter Schüler korrigiert sie noch die missglückten Schulaufgaben des Sohnes, um dann zutiefst erschöpft früh schlafen zu gehen. Hier ist Schluss mit Comedy, Strunk erweist sich als einfühlsamer Literat.

          Tendenz zum Kriminellen

          Große Ferien - kleine Reisen. Südliche Sommer-Exotik ist im Haus Halfpape nicht vorgesehen. Einmal berichtet ein Freund von einem Spanien-Urlaub: viel zu heiß und das Meer voller gefährlicher Quallen, so dass man nicht ins Wasser konnte. Damit verglichen hat es Mathias gar nicht so schlecht, wenn er Jahr um Jahr mit dem Regionalzug zu Oma Emmi hinaus ins Rübenbauerngebiet nach Todtglüsingen fährt, wo es sogar einen (verbotenen) Badesee gibt. Oma Emmi ist eigentlich seine Großtante, eine etwas verwahrloste, das Geschirr in einer abscheulichen Abwaschwasserkloake spülende, aber ungemein gutwillige alte Frau. Mathias ersetzt ihr ein bisschen den verstorbenen Mann. Jedenfalls schläft er mit ihr händchenhaltend ein im Ehebett.

          Weitere Themen

          Wal im Hafenbecken Video-Seite öffnen

          Verirrt : Wal im Hafenbecken

          In Marseille mussten die Einsatzkräfte einen 15 Meter langen Wal aus einer Notsituation retten. So einen Einsatz habe es laut der Polizei in Marseille noch nie gegeben.

          Topmeldungen

          Austrittsverhandlungen : Die positive Brexit-Erzählung

          Einen Durchbruch bei den Verhandlungen gab wieder nicht – aber eine etwas bessere Stimmung. Für alle Fälle gehen die Briten aber schon das „No Deal“-Szenario durch.
          Martialische Auftritte wie im September in Estland sind noch möglich, aber die Verteidigungsbereitschaft der Nato lässt zu Wüschen übrig.

          Geheimer Nato-Bericht : Allianz nicht verteidigungsfähig?

          Das Verteidigungsbündnis sei einer Auseinandersetzung mit Russland nicht gewachsen, heißt es in einem geheimen Nato-Bericht, aus dem der „Spiegel“ berichtet. Das liege vor allem an dem Niedergang seit dem Kalten Krieg.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.