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Heinrich Hoffmann: Der Struwwelpeter : Kleine Teufel unter dem Zeichenstift

  • -Aktualisiert am

Bild: Reclam

Seinen „Struwwelpeter“ kennt jeder, aber sein Schöpfer ist auch zweihundert Jahre nach seiner Geburt ein großer Unbekannter: Heinrich Hoffmann war Arzt und Psychiater, politischer Aktivist - und begeisterter Vater. Davon zehrt die Welt bis heute.

          Jedes Kind kennt den langhaarigen Kerl, kaum jemand aber dessen Schöpfer: Heinrich Hoffmann, der Zeichner und Dichter des „Struwwelpeter“, wurde am 13. Juni 1809 in der Frankfurter Sauallee, der heutigen Großen Bockenheimer Straße, geboren. Im Hauptberuf war er Arzt, Anatomielehrer und Psychiater, im Nebenamt Anhänger der Revolution von 1848, politischer Satiriker und Vorkämpfer für eine demokratische Verfassung in der Frankfurter Paulskirche. Seine größte Passion galt aber seinen Kindern und Enkeln – ihr folgte er als zeichnender und dichtender Schalk unter Pseudonymen wie Reimerich Kinderlieb oder Heulalius von Heulenburg. „Der Struwwelpeter oder lustige Geschichten und drollige Bilder“ ist lediglich sein bekanntestes Werk, das seit der ersten Ausgabe von 1845 einen beispiellosen Siegeszug um die Welt antrat und dessen fester Platz im Kanon jetzt mit der Aufnahme in Reclams Universalbibliothek bestätigt wird.

          Erstaunlich ist das in mehrfacher Hinsicht, erscheint dieses Bilderbuch doch als rätselhaftes Unding: Es erheitert und vergnügt Kinder gegen alle Regeln klügelnder Psychologie und Pädagogik (welch ein Triumph!), es verliert gegen jede Medienkonkurrenz und Mode seit hundertfünfzig Jahren nichts von seiner magischen Anziehungskraft, ist zugleich aber von frappierendem Dilettantismus. Der Charakterisierung durch den Herausgeber Peter von Matt als schlichte „Sonntagszeichnerei und Sonntagsreimerei“ kann man kaum widersprechen. Und doch – oder vielleicht gerade deshalb? – ist der Erfolg überwältigend.

          Daumenlutscher, Suppen-Kaspar, Zappel-Philipp

          Die Pointe: Hoffmann will über die vielen Auflagen hinweg nichts glätten, bessern, perfektionieren, das Büchlein soll so roh und unvollkommen fortbestehen, wie er es einst in Ermangelung geeigneter Kinderliteratur zum Hausgebrauch für seinen Sohn gezeichnet hat. Lediglich die Titelfigur modifizierte er über mehrere Stufen bis zum endgültigen Afrolook und entsprach dem einhelligen Votum der Kinder, als er den Strubbelkopf ab der dritten Auflage von der letzten Seite an den Anfang und auf den Einband rückte.

          Völlig unbeabsichtigt war so die ursprüngliche Nebenfigur zum mythischen Antihelden, zum Rebellen gegen jede Disziplin und Ordnung, gegen alle Lehrer und Erzieher geworden: Struwwelpeter, der selbst ganz ohne Geschichte bleibt, hat sich als Anführer des Daumenlutschers und Suppen-Kaspars, des bösen Friederich und des zündelnden Paulinchen, des Zappel-Philipp und des Hanns Guck-in-die-Luft ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben. Kaum eine kindliche Begegnung ist unvergesslicher, und auch Verse wie „Und die Mutter blicket stumm / Auf dem ganzen Tisch herum“ wird man wohl nie wieder los. Psychoanalytiker, die den Text schon früh und mit verbissener Ausdauer für sich entdeckten, werden nicht müde, davor zu warnen.

          Reizvolle Regelverletzungen

          Die etwas grausamen, oft fatal endenden Geschichten von aufsässigen Kindern, deren Daumen abgeschnitten, die zur Strafe ins Tintenfass getunkt werden, durch Kostverweigerung oder Stubenfeuer sterben, reaktivieren – so meinen Freuds Adepten – unbewusste Phantasien. Der ironischen und sarkastischen Übertreibung seien Kinder aber noch gar nicht gewachsen. Das ist hinzunehmen, zumal jeder Einspruch aussichtslos wäre, basiert die Psychoanalyse doch auf der Prämisse, immer recht zu behalten. Hoffmanns höchst erfolgreiches Rezept, dessen dosierte Anwendung Eltern selbst verantworten müssen, besteht indes im Kampf kindlichen Übermuts mit erzieherischen Sanktionen.

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