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Heinrich Detering: Wrist : Chuck Berry rockt zu Rilke

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Bild: Verlag

Kurzweilige Andacht: Heinrich Detering, Dichter, Kritiker und Literaturwissenschaftler, weiß um die sentimentalen Schlagseiten der Andachtsästhetik. Wiederverzauberung der Welt durch poetische Askese lautet deshalb sein poetologisches Programm.

          Seit der Romantik hadert die Literatur mit einem besonders anspruchsvollen Wahrnehmungsmodell: einer Ästhetik, die auf Andacht, Ergriffenheit, hohe Töne, große Gefühle zielt und dem Betrachter so lange Geduld abverlangt, bis er sich erweckt fühlt. Wilhelm Heinrich Wackenroders „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ (1796) mit ihren frommen Geschichten über Kunst, Malerei und Literatur verkörperten diese Ästhetik eindrücklich, und prompt zog Goethe gegen das „klosterbrudisierende Unwesen“ ins Feld. Heinz Schlaffer brachte das Problem einmal auf den Punkt. Seit den Desillusionierungen der Moderne gelte die Andachtsästhetik als Kitsch. Er setzt stattdessen auf Flüchtigkeit, auf eine Schönheit, die sich nur zufällig einstellt und schnell wieder vergeht.

          Dabei könnte man es belassen, wäre nicht gerade ein Gedichtband erschienen, dem die Kritik an der Andachtsästhetik zugleich sympathisch und unbefriedigend erscheint. Heinrich Detering, Dichter, Kritiker und Literaturwissenschaftler, weiß um die sentimentalen Schlagseiten der Andachtsästhetik. Wiederverzauberung der Welt durch poetische Askese lautet deshalb Deterings poetologisches Programm. Es ist ein Programm für eine Welt, der mit dem Religiösen auch ihre Ausdrucksformen, das Pathos, der hohe Ton, abhandengekommen sind. Sie kann sich ihren Mysterien nur auf umgekehrtem Weg, durch Ironie und nüchternes Silbenzählen nähern.

          Wenn das Weltgericht anbricht

          Mit kurzen Texten und heiterem Trotz reibt sich der Dichter Detering an einer prosaischen Welt ohne Gott und Teufel, einer Welt, die sich mit dem materiellen Hier und Jetzt zufriedengibt. Die Texte sind lose thematisch miteinander verbunden und in vier Gruppen gegliedert: Eine erste Gruppe („Semiotik in Erlangen“) handelt von Reisen, Legenden, eigentümlichen Ereignissen, eine zweite von Vergangenheit und Tod („Leichenschatten“), eine dritte über Historisches („unter den Pappeln“) und eine vierte über die letzten Dinge. Sie ist nach dem gleichnamigen Gedicht „Königstür“ überschrieben und zeigt den nicht unerheblichen Spannungsbogen des Bandes an: Bei der Königstür handelt es sich um den wichtigsten liturgischen Baukörper der orthodoxen Kirche. Sie öffnet sich, so heißt es, wenn das Weltgericht anbricht.

          Wer so hoch greift, muss genau prüfen, welche poetischen Traditionen er beerben will. Die metaphysischen Dichter des siebzehnten Jahrhunderts etwa zählen nur bedingt dazu. Bei aller Bewunderung möchte Detering kein John Donne sein: „die Metaphysik as we know it / is often hard to share / doch ein metaphysical poet ist auch nicht irgendwer“, heißt es lakonisch. Metaphysischen Dichtern stand offenkundig zu Gebote, was den Gegenwärtigen nicht mehr zukommt: „betörende Wörter / wie Pan und parasakral“.

          Sein Wahnfried heißt Wrist

          Auch eine neue Kunstreligion hat der Dichter nicht zu bieten. Sein Wahnfried heißt Wrist: Im wirklichen Leben ist Wrist ein kleiner Ort an der Bahnstrecke zwischen Hamburg und Kiel; im Gedicht wird er zur Chiffre für ein unentdecktes „Zwischenreich / aus Himmeln und aus Mooren“, wo - wie alte Landkarten schreiben - die Löwen wohnen. Deterings Sprecher hat sich hier schnoddrig und mit Chuzpe eingerichtet, um zu sehen, was nach der Welt kommt: „Hier werd ich sein wenn nichts mehr ist / nicht Löwe Land noch Karte / Die Ewigkeit sieht aus wie Wrist / Ich habe Zeit Ich warte“.

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