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: Heilige Haxenjule

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Selten genug ist einer der zahllosen Romane des Fantasy-Genres mehr als spannendes Lesefutter. Lian Hearns Samurai-Zyklus vom "Clan der Otori" bildet eine der wenigen Ausnahmen der letzten Jahre. Umso erfreulicher, dass mit Frances Hardinges Debütroman "Die Herrin der Worte" wieder eine Neuerscheinung zu ...

          Selten genug ist einer der zahllosen Romane des Fantasy-Genres mehr als spannendes Lesefutter. Lian Hearns Samurai-Zyklus vom "Clan der Otori" bildet eine der wenigen Ausnahmen der letzten Jahre. Umso erfreulicher, dass mit Frances Hardinges Debütroman "Die Herrin der Worte" wieder eine Neuerscheinung zu verzeichnen ist, die sowohl sprachlich als auch in der Erschaffung einer ganz und gar eigenständigen Welt überzeugt. Anders als der etwas unmotiviert auf Tolkien gemünzte deutsche Titel nahelegt, schöpft die dreiunddreißig Jahre alte Autorin nicht aus keltischen Mythen und verlässt sich schon gar nicht darauf, dass exotische Namen und Orte bereits die halbe Miete sind.

          Stattdessen findet man Märchenmotive wie das Gänseliesel oder Andersens Schneekönigin und Anspielungen auf historische Ereignisse wie die Wiedertäuferherrschaft oder die beginnende Aufklärung. Magische Kräfte sind nirgends am Werk in dem namenlosen, an das England des 18. Jahrhunderts angelehnten Reich, das sich nur langsam von dunklen Jahren erholt: Der Versuch der Sekte der fanatischen "Vogelfänger", mit Terror die abstrakte Glaubenslehre der heiligen Schriften durchzusetzen, wurde blutig niedergeschlagen. Inzwischen beten die Leute wieder zu tausend kleinen Heiligen. Weil König und Parlament weit weg sind und der lokale Adel mit Intrigen und Neurosen beschäftigt ist, sorgen mächtige Handwerkergilden in den Städten für Ordnung: Schlosser, die jede Tür öffnen, und Schreiber, die jeden aufgrund eines geschriebenen Wortes zum Scheiterhaufen verurteilen können, schüren ein Klima des Misstrauens. Bücher gelten als brandgefährlich, und wer zu lesen vermag, ist bereits verdächtig.

          Mosca, eine zwölfjährige Waise in einem miesen Kaff, kann es. Sie sammelt mit Leidenschaft unbekannte Worte, "bewahrt sie in ihrem Gedächtnis und streichelt sie in ihrem Geist wie die gewölbten Rücken von zwei Katzen". Als sie den zwielichtigen Wortmeister Clent aus schwieriger Lage befreit, muss er sie und ihren einzigen Freund, einen impertinenten Ganter, in die Stadt Löwenburg mitnehmen, wo sie in jener Schule weiterlernen will, von der ihr verstorbener Vater und Lehrer erzählt hat. Dort bleibt das auffällige Trio nicht lange unbemerkt. Hinter dem immer wieder überraschenden Plot mit Schmugglern, Spionen, weltfremden Philanthropen und Fanatikern verbirgt sich geschickt das große Motiv des Lesens: Wörter sind schlüpfrig und vieldeutig und auch nicht von vornherein "wunderbar", wie Mosca manchmal versucht ist zu glauben. Sie aber zu verbieten, nutzt nur den Falschen. Um Wahrheit und Lüge zu erkennen, sollte man im Gegenteil viele Bücher lesen und sogar Irrtümern anhängen dürfen: Mosca Mye ist keine makellose Heldin - sie trickst und lügt, schämt sich aber auch dafür. Gerade weil sie nicht perfekt ist, wird sie zur sympathischen Identifikationsfigur.

          Ein Kompliment geht an Alexandra Ernst, die für die hervorragende deutsche Übersetzung verantwortlich ist und sich bei der schwierigen Suche nach Äquivalenten für die vielen sprechenden Namen der Menschen und Heiligen mal vom Klang, mal von der Bedeutung leiten ließ: Vor Haxenjule, Schwindelmaid, Soßenratsch oder Grauruhm möchte man gleich eine kleine Kerze anzünden, um gesunde Schweine oder gelungene Notlügen zu erbitten. Mosca, die "Stubenfliege", hat den "heiligen Klatschweg" zum Patron, "der die Fliegen von Gelee und Butter fernhält". Er beschützt sie gut, denn sonst hätte sie kaum Gelegenheit, zum Schluss mit der ihr eigenen Aufmüpfigkeit alle angebotenen Sicherheiten in den Wind zu schlagen: "Ich will kein glückliches Ende, ich will mehr Geschichten." Die werden wir bekommen, Frances Hardinge hat bereits für drei Folgebände unterschrieben.

          Romane übers Lesen und die Macht der Worte laufen leicht Gefahr, als überfrachtete Papierleichen zu enden. Statt programmatisch Lanzen für das Lesen zu brechen, erschließt sich der Genuss daran durch die "Herrin der Worte" ganz von selbst. Diese Mosca mit ihrer Gans hat das Zeug zu einer zeitlosen Heldin des phantastischen Genres.

          ANNETTE ZERPNER

          Frances Hardinge: "Die Herrin der Worte". Aus dem Englischen übersetzt von Alexandra Ernst. cbj Verlag, München 2006. 478 S., geb., 16,95 [Euro]. Ab 10 J.

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