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Heidelberger Poetikdozentur : Vorsicht, Sprache!

Literarisch-philosophische Doppelbegabung: Peter Bieri alias Pascal Mercier Bild: Denzel

Der Philosoph und Bestsellerautor Peter Bieri alias Pascal Mercier beherrscht das Denken über die Sprache nicht weniger gut als das Schreiben selbst. Auf der Heidelberger Poetikdozentur brachte er seine Einsichten wie Lehrsätze zu Protokoll: Wer nicht sorgfältig spricht, erlebt auch nicht viel.

          Es war ganz gut, dass da eine Doppelbegabung ans Pult trat, jemand, der vom Denken und der Sprache gleichermaßen etwas versteht (kann man das überhaupt trennen?); der, um den Erzähler aus dem „Zauberberg“ zu bemühen, sogar ein richtiger „Berufsdenker“ ist, obwohl er vergangenes Jahr seinen Dienst auf dem Lehrstuhl für Sprachphilosophie als Nachfolger von Ernst Tugendhat an der Freien Universität Berlin aus Überdruss an den universitären Verhältnissen einfach und ganz souverän quittiert hat; und der gleichzeitig und nunmehr hauptberuflich Schriftsteller ist, Verfasser von bisher vier Romanen, die teilweise Bestsellerstatus haben (“Nachtzug nach Lissabon“, 2004, „Lea“, 2007).

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Es war sicherlich auch der Zugkraft dieser Romane zu danken, dass Peter Bieri unter seinem Schriftstellernamen Pascal Mercier seine dreiteilige, von Michaela Kopp-Marx sehr instruktiv eingeführte Heidelberger Poetikdozentur jeweils vor einer sehr stattlichen, für Veranstaltungen dieser Art sogar ungewöhnlich großen Zuhörerschaft abhielt. Es war aber auch ein Heimspiel: Der Student hatte 1964 im Alt-Heidelberger Stadtteil Handschuhsheim ein Zimmer mit Kohleofen bezogen - die Lektüre der Upanischaden, Kants und weiteren knallharten Stoffs wurde ihm in jeder Hinsicht ein sinnliches Erlebnis.

          Aufräumarbeiten vor dem Schreiben

          Dies erzählte Bieri gewissermaßen freihändig und zum Warmwerden; aber auch wenn es gar nicht im Manuskript stand - die Kohlepartikel, die sich damals auf die dicken Schwarten gelegt hatten, schwebten hier irgendwie noch im Raum, so anschaulich hatte Bieri sie beschrieben. Das taten sie natürlich nur metaphorisch: als Warnung nämlich, mit solchen Ausdrücken vorsichtig zu sein, lieber auf ein Bild zu verzichten, als ein verkehrtes zu benutzen.

          Denn alsbald nahm Bieris bedächtiger Berner Singsang einen energischen Ton an: Er beginne zu kochen, sagte er, als er auf sprachliche Genauigkeit beziehungsweise eben Ungenauigkeit zu sprechen kam: „Deshalb gehört zur Leidenschaft des Schreibens der unablässige Kampf gegen sprachlichen Schutt, der Erfahrungen verstellt, statt sie transparent zu machen. Und dieser Kampf macht die besondere Wachheit aus, die zur literarischen Arbeit gehört.“ Was aber hat Genauigkeit mit Leidenschaft zu tun? Im Nu wäre man bei Thomas Mann, der schon in seinem Essay „Bilse und ich“ (1906) vom treffenden Wort schwärmte, das ins Schwarze trifft. Doch Bieri sparte sich diesen Hinweis; seine Heiligen sind andere, Flaubert, Frisch, Dürrenmatt, Salinger, Handke, Martin Amis.

          Von schiefen Worten vergiftet

          Es ist jedenfalls nicht egal, wie wir uns ausdrücken. Bieri brachte das wohl jedermann geläufige, überaus schmerzliche Empfinden zum Ausdruck, das sich einstellt, wenn die Dinge, vor allem die inneren, beim falschen, schiefen Namen genannt werden: „Manche Erfahrungen erholen sich niemals davon, dass sie durch falsche Worte vergiftet wurden.“ Also: bitte etwas mehr Mühe! Dies war gewissermaßen Bieris heimliches Thema. Und es wurde schnell klar: Sorgfalt ist mehr als die halbe Miete, wenn es ums Schreiben geht.

          Die Ausführungen, die sich wie ein musikalischer Dreiklang aus den Kapiteln „Erfahrung zur Sprache bringen“, „Erzählungen verstehen“, „Erzählungen schreiben“ zusammensetzten, waren vielleicht nicht in allen Einzelheiten neu und vielleicht auch nicht immer auf der Höhe jüngerer und jüngster Literaturtheorien; aber sie waren in ihrer geduldig vorgetragenen Art so grundlegend, dass der Zusammenhang von Denken, Sprache und literarischem Erzählen quasi mit Händen greifbar wurde - fast könnte man sagen: wie die Kohlepartikel auf Bieris alten Büchern in Heidelberg-Handschuhsheim. Aber nach Bieris Lektionen sollte man mit solchen Vergleichen vorsichtig sein.

          Sprechen und Erleben

          Trotz einer gewissen Neigung zu Lehrsätzen wollte Bieri an das Geheimnis, das Literatur und literarische Produktion am Ende auch für ihn bedeutet, nicht richtig rühren; er machte sozusagen immer wieder kurz davor kehrt. Wer die Skepsis dieses Sprachphilosophen von Rang gegenüber neurowissenschaftlichen Befunden kennt, mit denen die Hirnforschung glaubt, geistig-mentale Vorgänge sicht- und erklärbar machen zu können, wird das für konsequent und richtig halten.

          Wie präzise, vielfältig und - auch dies vermochte der Poetikdozent aus eigener Erfahrung immer wieder zu vermitteln - wie beglückend Sprache zu wirken vermag, machte ein Satz deutlich, über den man wahrscheinlich gar nicht genug nachdenken kann: „Wenn unsere Sprache des Erlebens differenzierter wird, wird es auch das Erleben selbst.“ Literatur, Sprache als unergründliche Nervenkunst, die in uns etwas aufruft, was sich von allein nicht bemerkbar macht - wenn das nicht Grund genug ist, vorsichtig zu sein und sich beim Reden und Schreiben Mühe zu geben!?

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