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Hartmut Lange: Das Haus in der Dorotheenstraße : Wer der Krähe folgt, ist halb schon verloren

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Bild: Diogenes

Abgründig, poetisch, zugespitzt: Mit den fünf Novellen seines neuen Bandes „Das Haus in der Dorotheenstraße“ erweist sich Hartmut Lange als Meister dieses Genres.

          Zwei Standortwechsel markieren die literarische Entwicklung des Schriftstellers Hartmut Lange: der Wechsel des Dramatikers und Dramaturgen am Ost-Berliner Deutschen Theater nach West-Berlin im Jahre 1965 und der Übergang vom Drama zur Novelle, den Lange mit den fünf Texten vollzieht, die 1984 unter dem Titel „Die Waldsteinsonate“ erscheinen. Theodor Storms Formel von der Novelle als der „Schwester des Dramas“ wird hier plausibel, denn die Werkstatt des Dramatikers Lange war die beste Schule für die Technik des novellistischen Spannungsaufbaus. Zugleich nimmt kein Autor der Gegenwart Goethes Formel von der Novelle als einer „sich ereigneten unerhörten Begebenheit“ so sehr beim Wort wie Lange, schon in der Sammlung „Die Waldsteinsonate“. In der Tat unerhört sind die Situationen Nietzsches vor dem Ausbruch des Wahnsinns, Kleists und Henriette Vogels vor dem Selbstmord am Wannsee und - surrealistisch zugespitzt - der Besuch des toten Franz Liszt bei Goebbels im Führerbunker vor der Selbstauslöschung der Familie.

          In den mehr als zehn weiteren Bänden, bis zu den Novellen „Der Abgrund des Endlichen“, verstärkt sich eine Tendenz zum Mysteriösen. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht die Verfremdung einer scheinbar augenfälligen Erfahrungswelt und einer scheinbar verbürgten historischen Vergangenheit in den „unheimlichen Begebenheiten“ des Bandes „Im Museum“ (2011). Untergraben wird hier aller Optimismus mathematisch-naturwissenschaftlichen Denkens, die heutige und die geschichtliche Welt vermessen zu können. Das „Deutsche Historische Museum“ wird zum schaurigen Labyrinth, aus dem Menschen verschwinden, ohne je den Ausgang erreicht zu haben, zu einem diffusen Albtraum, zur Diskussionsbühne für eine unbeirrbare Skepsis: Menschlicher Erfindergeist ist kriegerisch, und kriegerisches Töten wird sich „durch die Perversion des Denkens bis in alle Ewigkeit“ fortsetzen.

          Ein Beweis für die Existenz

          Von der nahezu apokalyptischen Vision des Bandes „Im Museum“ ist Hartmut Lange jetzt in den fünf Novellen des Bandes „Das Haus in der Dorotheenstraße“ zu den kleineren „unerhörten Begebenheiten“ zurückgekehrt. Der Erzähler zieht seinen Figuren und dem Leser allmählich den Boden seiner Wahrnehmungsgewohnheiten weg, aber ohne gleich den Blick in Abgründe freizugeben.

          Alle fünf Novellen sind auf Schauplätzen an einer Achse angesiedelt, die im Süden Berlins zwischen Teltow-Zehlendorf beginnt, dem Verlauf des Teltow-Kanals in westlicher Richtung folgt und im Raum um Potsdam endet. In der Novelle „Die Ewigkeit des Augenblicks“ stimmt Krähenflug und -geschrei auf Unheimlichkeit ein. Den früheren Architekten und jetzigen Taxifahrer Denninghoff treibt ein zwanghaftes Ungenügen um. Er hatte die Asche seiner Frau auf hoher See ins Wasser gestreut, nun nimmt mehr und mehr ein Gefühl der Leere von ihm Besitz. Er sucht nach einem bestimmten Beweis für die frühere Existenz seiner Frau, nach dem Bild eines impressionistischen Malers, „Regentag in Paris“, von dem eine Kopie in der früheren Wohnung hing. Dieses Bild wird zur Obsession. Er sucht es vergeblich im Pariser Museum, kehrt zurück. Am Teltowkanal findet man seinen leeren Wagen.

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