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Harry Mulisch: Archibald Strohalm : Implosion einer Persönlichkeit

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Bild: Verlag

Kleingeschrieben aufs Große: Harry Mulischs Debütroman nach fünfzig Jahren erstmals in deutscher Übersetzung

          Seine Namensschreibweise bezeichnet eine der entscheidenden Zäsuren in Archibald Strohalms Leben, eine, die sein Autor Harry Mulisch „eine Explosion seiner Persönlichkeit“ nennt: „Es stimmt, er ging aus ihr vollkommen verändert hervor - auf eine Weise verändert, die man vielleicht am besten zum Ausdruck bringen kann, indem man sagt, daß seinem Namen die Großbuchstaben genommen wurden.“ So geschieht es fortan, und so heißt denn auch das ganze Buch „archibald strohalm“.

          Die Explosion seiner Persönlichkeit erlebt archibald strohalm nicht als Raumgewinn, in den er sich ausdehnen könnte. Ja, die Sprengwirkung dieser Explosion, verpufft sogar, und was bleibt, ist eine zerfallende Existenz. Deshalb ist die Explosion denn doch mehr aus der Wahrnehmung archibald strohalms als Metapher zu verstehen, denn was er eigentlich durchlebt, ist eine Implosion. Das wird deutlich, wenn Mulisch seinen Protagonisten ins Spiegelkabinett auf dem Jahrmarkt schickt: „Wo war er? Dort oder hier? Sofort war es wieder verschwunden; etwas Leeres und Ungewisses blieb in ihm zurück.“ Und so passiert, was geschehen muß: „Es schien, als vertrieben die Spiegel ihn langsam aus sich selbst.“ Diese Austreibung seiner selbst durch das eigene Abbild, das sich schon zuvor in Wahngebilden (und natürlich in früherer Großschreibung als Archibald Strohalm) dem bedauernswerten archibald strohalm beigesellt hatte, entspricht der Wandlung, die die Person Strohalms, als sie noch groß geschrieben wurde, durchlaufen hat. Es ist der Zorn, der diese Wandlung antreibt.

          Man kann bei einem Autor wie Mulisch guten Gewissens das Motiv der Wandlung auch als ein theologisches verstehen. Und es ist hilfreich, wenn man seine späteren gut zehn Romane zumindest teilweise und soweit auf deutsch greifbar gelesen hat, um zu verstehen, worin die Besonderheit von „archibald strohalm“ als Roman besteht. Es ist Mulischs erster, erschienen 1952; der Autor war damals gerade fünfundzwanzig Jahre alt. Und von der überbordenden Fülle an Informationen, Bildungsversatzstücken und Beobachtungen, die so manches Erstlingswerk junger Schriftsteller enthält, hat auch „archibald strohalm“ einiges abbekommen. Das führt so weit, daß man dem Roman - gäbe es nicht einige explizite Verweise auf Handlungszeit (die Jahre 1949 und 1950) und gesellschaftliches Umfeld (die Niederlande nach der schockierenden Erfahrung der deutschen Besetzung von 1940 bis 1945) - kaum anmerken würde, in welcher Zeit er spielt, weil hier ein Sammelsurium unterschiedlichster narrativer Traditionen des europäischen Romans sich ein Stelldichein gibt, so daß daraus ein Werk entsteht, das man eher im schlechteren Sinne als zeitlos bezeichnen muß.

          Allerdings ergibt die Lektüre einen seltsamen Kontrast, denn so beliebig man die Handlung in sämtlichen Jahrzehnten zwischen Reformation und spätem zwanzigsten Jahrhundert ansiedeln könnte, so eindeutig verweist Mulischs damaliger Schreibstil auf den Zeitpunkt der Entstehung. In manchen Passagen, vor allem jenen, die die ins Gewaltige mißgebildete Gestalt des Malers Boris Bronislaw vorstellen, meint man Elias Canettis Stimme zu hören, wie sie aus der „Blendung“ oder der „Hochzeit“ spricht. Dann wieder setzt Mulisch surrealistische Signale und läßt Telefonhörer in archibald strohalms Wahrnehmung wie „ein gehäutetes Tier in der Gabel“ hängen. Den direkten Verweis auf „kommunizierende Röhren“, der wenige Seiten darauf erfolgt (unmittelbar, bevor auch von einer „surrealistischen Maschine“ die Rede ist), kann man nicht anders denn als direkten Verweis auf Bretons gleichnamiges Buch von 1931 lesen. Und in die zentrale Jahrmarktsschilderung wiederum ist eine Genauigkeit der szenischen Beschreibung eingegangen, die an das Beste erinnert, was über eine solche Szenerie geschrieben worden ist, wenn auch erst wenige Jahre später: Arno Schmidts Erzählung „Sommermeteor“ von 1956.

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