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Hans Sahl: Die Wenigen und die Vielen Flaneur des Schreckens

Der Roman „Die Wenigen und die Vielen“ von Hans Sahl, ein Hauptwerk der Exilliteratur, lässt den Geschmack einer ganzen Epoche spüren. Es gehört zum Besten, was deutsche Schriftsteller über den Umbruch des Jahres 1933 geschrieben haben.

© Verlag Vergrößern

Ich bin aufgewachsen in einem Land, das von Hunger und Bürgerkrieg heimgesucht war und in dem finstere Gedanken die Gehirne verwüsteten.“ Knapper kann man das Deutschland seit 1917, in dem sich das Verhängnis des Nationalsozialismus vorbereitete, nicht beschreiben. Der Leitfaden von Sahls Roman ist die eigene, von der Politik gehetzte Lebensgeschichte. Geboren wurde er 1902 in Dresden, als Sohn eines jüdischen Industriellen. In der Weimarer Republik machte er sich einen Namen als Kritiker, schrieb Gedichte, Erzählungen, Theaterstücke – und war mit dreißig am politisch bedingten Ende dieser Karriere. In den fünfziger Jahren meldete er sich aus dem amerikanischen Exil zurück als Kulturkorrespondent. Er übersetzte Thornton Wilder, Tennessee Williams und Arthur Miller. 1993 ist er in Tübingen gestorben.

Sein einziger Roman erschien 1959, im Wunderjahr der jungen bundesrepublikanischen Literatur. Die Rahmenhandlung spielt in New York. Der emigrierte Autor Georg Kobbe lebt in einem winzigen Hotelzimmer, durchstreift die Straßenschluchten und sucht andere Gestrandete aus Europa auf. Unterdessen rumort in seinem Kopf das Erlebte, die verlorene Zeit. Am Broadway denkt er mit Sehnsucht an die Krumme Lanke. In vielen Rückblenden wird das Lebensgefühl im Berlin der späten Weimarer Republik vergegenwärtigt, das Jahr 1933, die Schikanen der Verhöre, die Schrecken der Verfolgung.

Kaum begreiflich für Nachgeborene

Die (gut bekannten) geschichtlichen Tatsachen sind das eine; die historische Atmosphäre etwas anderes, das die Nachgeborenen viel schwerer begreifen. Mit diesem Buch fällt es etwas leichter. Sahl beschreibt mit staunend geweiteten Augen den rapiden Klimawandel im Deutschland jener Jahre. Er schildert, wie sich das „Blut und Boden“-Vokabular, das vorher wenige ernst genommen haben, auflädt mit der Aura des Zeitgemäßen, wie die „Cäsaren des Mittelstands“ ihre Rollen einüben und die Lust an „Entschlossenheit“ und gewaltsamen Lösungen epidemisch zunimmt. „Wie gut die Gewalt roch, wenn man sie mit dem Glorienschein geschichtlicher Notwendigkeit verbrämte“, grübelt Kobbe. „Menschen brauchen ein Ideal, um mit gutem Gewissen morden zu können.“ Die Kreise des jüdischen und liberalen Bürgertums gehen unterdessen weiter ihrem Alltag nach, verdienen und feiern, ohne zu begreifen, dass ihre Uhr abläuft.

Sahls Interesse ist nicht die politische Analyse. Er befasst sich kaum mit dem sozialen Elend, dem verbreiteten Gefühl der nationalen Kränkung und anderen Gründen für den Aufstieg Hitlers; er begreift 1933 als Kulturrevolution. Was verändert sich plötzlich im Umgangston der Menschen, im Auftreten der Amtspersonen und der Redakteure, mit denen Kobbe zu tun hat? „Dies hier ist mein Land, und ich will wissen, woher dieser Wandel der Gesichter kommt, diese Fremdheit, die wie Nebel aus dem Grund der Städte aufsteigt.“ Sahl vermeidet simple Erklärungen; er sieht, wie sich alles mischt bei den Deutschen des Jahres 1933: „Neid, Ressentiment und Opferbereitschaft, Hingabe und Zynismus, kalter Betrug und gläubige Besessenheit.“

Großes Buch der kleinen Episoden

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Veröffentlicht: 30.07.2010, 13:45 Uhr