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Hans Magnus Enzensberger: Herr Zetts Betrachtungen : Also sprach Z.

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp Verlag

Wider die Dummheit und die falsche Autorität: Hans Magnus Enzensbergers unzeitgemäße Betrachtungen sind intelligent, vielfältig und unterhaltsam. Sie gehören auf jeden Nachttisch.

          Hans Magnus Enzensberger genießt in seinem postgoetheanischen Alter das Vorrecht des Spätstils, dessen Kraft Edward Said zufolge darin besteht, „Freude und Ernüchterung auszudrücken, ohne den Widerspruch aufzulösen“. Vom dem Zwang, originell oder gar revolutionär sein zu wollen, hat sich dieser heitere und noch immer irgendwie jugendlich wirkende Potentat der Literatur schon lange gelöst. Frei nach Goethe: Alles Gescheite ist schon gedacht worden (vor allem von Enzensberger), man muss es nur noch einmal hinschreiben.

          Derart fügen sich die gesammelten Maximen und Reflexionen seines Herrn Z. leichthin in eine Tradition der Lehre vom richtigen Leben von Epikur über Montaigne, Lichtenberg und Nietzsche zu Adornos „Minima Moralia“, während alle philosophischen Verwalter der großen Begriffe und der Substantivierungen dem Dadaismus zugeschlagen werden wie Hegel oder ins Wolkenkuckucksheim eingewiesen wie Heidegger. „Das Ganze gibt es nicht. Weder unsere Wissenschaft noch unsere Phantasie wäre imstande, es zu fassen.“

          Frischluftgedanken aus der Speaker's Corner

          Die Betrachtungen sind folglich nicht von der Art eines im Gehäuse oder in der Akademie sich den Kopf zermarternden Denkers, Frischluftgedanken vielmehr, wie sie seit dem achtzehnten Jahrhundert in englischen Landschaftsgärten gedacht werden, längst bevor im Hyde Park speaker’s corner eingerichtet wurde. Herr Z. ist nachmittäglich in einer ruhigen Ecke des Parks anzutreffen, wo er sich mit der Zeit ein Stammpublikum erworben hat. Er ist unzeitgemäß gekleidet, eine braune Melone legt er neben sich auf die Bank. Auf gutes Leben verzichtet er offensichtlich ungern, sonst wissen seine Zuhörer nicht viel über ihn.

          Unzweifelhaft ist nur seine Gelassenheit, ältere Zuhörer nehmen zudem „einen gewissen Unernst“ an ihm wahr. Dass er seine Brosamen hochmütig fallen lässt, auf dass die Armen im Geiste sich daran sättigen sollen, während er das Schmackhafte, „seine Hintergedanken für sich behält“, wollen die fiktiven Herausgeber mit dem alternativen Titel wohl nicht im Ernst sagen.

          Individuen können Herrn Z. zufolge immer dazulernen

          Ein wenig verärgert ist Herr Z. nur, als ihn ein Philosophiestudent einmal als Aphoristiker bezeichnet. Der Reiz der Fiktion einer Unterhaltung im Park besteht entsprechend darin, dass der Form des Aphorismus durch Widerspruch und Perspektivierung das unangenehm Apodiktische genommen wird, mit der ein seiner selbst gewisses Subjekt allgemeine Lehren aus seiner Erfahrung zu ziehen sich anmaßt. Herrn Z. scheint der Widerspruch nichts auszumachen, dass er sich über „die lächerliche Vorstellung“ lustig macht, „man wäre als Zeitgenosse intelligenter, tüchtiger“ oder einfach weiter als die Vorfahren, um sich dann je doch als gescheiter zu erweisen als die meisten von ihnen. Dabei kommt angeblich „schlecht weg, wer allzu geistreich erscheint“.

          Es gibt aber einfach zu viel Dummheit auf der Welt, obwohl evolutionstechnisch unklar ist, wozu sie gut sein soll. Sich ein wenig dumm zu stellen kann aber ganz nützlich sein. Individuen können Herrn Z. zufolge immerhin dazulernen. „Kollektive dagegen lernen äußerst ungern. Sie kapieren erst dann etwas, wenn der Druck derart zunimmt, daß ihnen kein anderer Ausweg mehr übrigbleibt.“ Was einem die Gesellschaft vorsetzt, sollte das Individuum also niemals ungeprüft schlucken. Doch auch berühmte Philosophen oder Dichter seien niemals dagegen gefeit, „plötzlich blödsinnige Reden zu führen“.

          Che Guevara als größter Polit-Versager

          Von Herrn Z. weiß man nicht, ob er einer Erwerbstätigkeit nachgeht. Er hat aber für jede Berufsgruppe kritische oder tröstliche Bonmots parat. „Besonders ermüdend finde er die Universitäten. Dort gebe es immerzu Sitzungen. Auch werde, wer dort zu Hause sei, von Reformen gepeinigt und schlecht bezahlt.“ Nur zu wahr. Designer sind „damit beschäftigt, alle Gebrauchsgegenstände unbrauchbar zu machen“. Die Hölle müsse man sich „als einen Ort vorstellen, der ganz und gar von Designern möbliert sei“. Bemannte Raumfahrt „sei überaus anstrengend, langweilig und wissenschaftlich unergiebig“. Der Beruf des Monarchen habe viel „mit dem des Heiratsschwindlers zu tun“. Ratlose „Berater sind mit der Zertrümmerung intakter Firmen“ beschäftigt. Politiker qualifizieren sich vor allem durch „abgrundtiefe Ignoranz“ für Spitzenpositionen.

          Der größte Versager auf dem Gebiet sei übrigens Che Guevara gewesen. Der wurde aber von Jean-Paul Sartre „der vollständigste Mensch unserer Zeit“ genannt, was Herrn Z. zeigt, „dass die Ahnungslosigkeit kein Vorrecht unserer Führungskader ist“. Herr Z. aber versteht sich als Amateur: Ich „denke mir mein Teil und freue mich, wenn mich jemand eines Besseren belehrt“. Das kommt aber selten vor.

          Auch spießige Netzbewohner werden nicht ausgespart

          Herr Z. ist kein Feind des Fortschritts, aber den Errungenschaften der Moderne steht er zurückhaltender gegenüber als dem Guten im Hergebrachten. Sogenannte Netzbewohner überträfen an Spießigkeit immer schneller die Elterngeneration. So verteidigt er auch die gute alte Zeitung und gibt sich überzeugt, dass „mindestens eine deutsche Zeitung zu den drei besten der Welt gehört“. Welche er wohl meint? Sogar die „üppig blühenden Bleiwüsten“ des Feuilletons will er nicht missen, vielleicht gerade weil im Besprechen eines Textes immer etwas von Zauberei überlebt (so wie weise Frauen Warzen besprechen).

          Überhaupt werde das Neue regelmäßig überschätzt. „Die Politik ist die ewige Wiederkehr des Gleichen. Und nicht nur sie! Auch die Kultur ist ein Wiederkäuer.“ Und nicht zu vergessen, wenn der Computer einmal wieder alles sabotiert: So viele schöne alte Sachen sind noch da, zum Beispiel Papier und Bleistift. Und so viele schöne alte Worte auch. Ein Dosis Anachronismus ist heilsam, ja gesund. „Es ist schlimm genug, dass wir zur Zeitgenossenschaft verurteilt sind.“ Im Übrigen altert das Alte viel langsamer als das Neue.

          Dazu wartet Herr Z. vielfach mit geradezu diätetischen Ratschlägen auf. So empfiehlt er, einmal wieder einen botanischen Garten aufzusuchen, wie er in dieser Welt der Zwecke wundersamerweise noch immer aufwendig unterhalten wird. Das sei nicht nur gesund, sondern biete auch ergötzliche Einsicht in die Vielfalt der Benennungen, die den kurzlebigen Umbenennungen der Medienwelt unendlich überlegen sei.

          Am Ende, es ist Winter geworden, verfällt Herr Z. einem Lieblingsmotiv seines Schöpfers: Er verschwindet umstandslos aus dem Mikrokosmos seines Parks. Was er seinem Publikum hinterlässt, ist ein Erbauungsbüchlein, mit dem sich der Leser auf intelligente, vielfältige und unterhaltsame Weise von seiner Zeitgenossenschaft erholen kann. Dieser neue alte Enzensberger gehört, sofern es das Wort und den Gegenstand noch geben sollte, auf jedes Nachtschränkchen.

          Hans Magnus Enzensberger: „Herrn Zetts Betrachtungen, oder Brosamen, die er fallen ließ, aufgelesen von seinen Zuhörern“. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 229 S., geb., 15,- €.

          Quelle: F.A.Z.

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