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Hans Magnus Enzensberger: Enzenbergers Panoptikum : Nur keine Panik, Überstehen ist alles

Hans Magnus Enzensberger Bild: Sebastian Willnow/ddp/dapd

Hans Magnus Enzensberger zeigt in zwanzig Zehn-Minuten-Essays, wie man unaufgeregt, aber gründlich die Gegenwart analysiert.

          Klein sind die Kronzeugen nicht, die Hans Magnus Enzensberger im Vorspruch zu seinen „Zwanzig Zehn-Minuten-Essays“ ins Feld führt. Montaigne und Lichtenberg werden aufgerufen, um daran zu erinnern, dass große Themen nicht unbedingt auf breitem Raum zu verhandeln sind, wie es also auch knapper geht und vor allem so, dass der Autor weder sich selbst noch den Leser, noch den Gegenstand erschöpft. Gründlichkeit, so Enzensberger, sei ohnehin nicht seine Stärke.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Wohl aber, wie man gleich hinzufügen muss, die gründliche und pointierte Verarbeitung solcher Ungründlichkeit, der wegen lebens- und lesezeitlichen Beschränkungen ja ohnehin nicht zu entkommen ist. Zumindest dann, wenn man sich mitunter schnell ausufernde Themen nicht verbietet: Für Enzensberger sind sie gerade der Anlass, selbst mit sicherer Hand für Konturen zu sorgen.

          So geht es also um viele verschiedene Dinge: ökonomische Prognosen, Krisen, unlösbare Probleme, Experten, das zeitgenössische Unbehagen an der Kultur, den Common Sense, die Tücken gesellschaftlicher Transparenz, Berufsimages, Wissenschaft unter Religionsverdacht, die Rente, den Schmutz und noch um einiges mehr. Auf die Übergänge, Perspektivwechsel und manchmal auch historischen Rückblenden kommt es dabei an.

          Das eigentliche Wunder

          Apokalyptik ist nicht im Programm, unerhörte Thesen auch nicht. Der Tonfall ist auf erfahrungsgesättigte Gelassenheit gestimmt, die freilich nicht mit schlichter Einstimmung in Zeitläufte und gesellschaftliche Usancen zu verwechseln ist. An Enzensberger kann man sehen, wie unaufgeregte kritische Zeitgenossenschaft aussieht. Wobei diese Unaufgeregtheit wiederum sehr gründlich befestigt wird. Etwa dann, wenn Enzensberger unter dem Titel „Normale Wunder“ unsere auf reibungslose Abläufe gestimmten Erwartungen revidiert: Sollten wir nicht im Gegenteil solche Reibungslosigkeit für den unwahrscheinlichen Fall halten, der angesichts ungezählter Störeinflüsse, heikler Interdependenzen und Unübersichtlichkeiten der gesellschaftlichen Verhältnisse erstaunlicherweise trotzdem eintritt? Dass also der Bus wirklich kommt, die Notfallambulanz funktioniert und die öffentlichen Dinge überhaupt in unserer Weltgegend in recht geordneten Bahnen ablaufen?

          Bild: Verlag

          Das ist ein schönes Beispiel von Perspektivumkehr, die aber auch noch ganz grundsätzlich vor Augen gerückt wird. Durch einen Blick ganz aus der Ferne auf unsere alltäglichen Verrichtungen, nämlich jenen des Physikers, der in ihnen nur mehr die beharrliche Gegenwehr gegen die natürliche Tendenz zur Zunahme von Unordnung erkennen kann. Womit man gleich bei den spekulativen Trieben der Physik anlangt: Ist das Universum nun ein offenes oder ein geschlossenes System?

          Mal abgesehen von der Frage, wie man sich „das Universum“ eigentlich zurechtlegen soll. Wichtiger aber noch ist die Moral dieser Abschweifung in Thermodynamik und Kosmologie: Das eigentliche Wunder ist nämlich darin zu sehen, dass es überhaupt Systeme gibt, die nicht bei der kleinsten Störung kollabieren. So wächst Zuversicht in den irgendwie möglichen Aufschub prognostizierter Totalabstürze sogar aus Kenntnis der Physik.

          Auf die Perspektive kommt es an

          Enzensbergers scharfen Blick für Zeittendenzen der fatalen Art trübt das nicht im mindesten. Dass es etwa mit der fortschreitenden Abschaffung der Privatsphäre im Zeichen von Online-Existenz und mit ihr verknüpften Datenauswertungen zügig weitergehen wird, darüber werden alle Illusionen beiseitegeräumt. Und doch folgt dann noch eine Schlusswendung, in der Enzensberger einmal mehr den entscheidenden Haken schlägt, auf den es im Feld der Kulturkritik, wo Befunde unheimlich schnell verschleißen, so sehr ankommt.

          Mit Nostalgien oder gar trotzig gehegten Hoffnungen hat sie nichts zu tun, sondern mit der Feststellung, dass die digitale Durchmusterung unserer Leben nach Kosten-Nutzen-Rechnung funktioniert – und darin ihre Grenzen findet. Die letzten Widerspenstigen auszuforschen und zu disziplinieren – ein viel zu teures Unterfangen. Bei fünf Prozent, also immerhin vier Millionen Bürgern, sieht Enzensberger die Grenze erreicht. Und das sei doch gar nicht schlecht. „Also: Nur keine Panik!“

          Die traut man Enzensberger ohnehin nicht zu. Ruhe braucht es schließlich, um nicht nur bei Max Weber nachzuschlagen oder kenntnisreich Vorstellungen von Rationalität zu glossieren, wie sie Ökonomen gern pflegen – sondern sich auch in das „Schlüsselverzeichnis für die Angaben zur Tätigkeit in den Meldungen zur Sozialversicherung“ zu versenken oder die eindrückliche Form der Rentenformel auszukosten. Auf die Perspektive kommt es an, um auch in diesen Regelwerken Poetisches auszumachen. Gedichte kommen dagegen nur en passant vor. Wer sie liest, heißt es einmal, weiß Bescheid: „Überstehen ist alles.“

          Hans Magnus Enzensberger: „Enzenbergers Panoptikum“. Zwanzig Zehn-Minuten-Essays. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 134 S., br., 14,- Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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