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Veröffentlicht: 15.02.2013, 15:34 Uhr

Hans Magnus Enzensberger: Blauwärts. Ein Ausflug zu dritt Lob des Webfehlers

Hans Magnus Enzensberger, Jan Peter Tripp und Justine Landat unternehmen einen poetischen Ausflug zu dritt. Das Ergebnis: ein Ragtime auf dem Klavier der alten Weisheiten.

von Heinrich Detering
© Suhrkamp

Mit Hans Magnus Enzensberger ist es ein bisschen wie mit Leonard Cohen: Die späten Konzerte sind die schönsten, weil die Variationen der alten Songs mit den Jahren so durchsichtig und zart geworden sind wie die Erscheinung des Sängers selbst, weil sich mit der Zeit aus der alten Lässigkeit eine neue Gelassenheit ergeben hat, eine sanfte und selbstironische Höflichkeit gegenüber seinem Publikum, weil der Beschwörer der Luftgeister nun beinahe selbst einer geworden ist. Und zugleich ist er noch immer der romantische Liebhaber, der nicht zur Ruhe kommt, solange ihn noch die schönen Geheimnisse rufen.

Einundfünfzig Gedichte umfasst sein neuer Band, und sie führen mit kalkuliertem Understatement die alten Tricks noch einmal vor: die ausgefuchste Einfachheit der Sujets und der Soundeffekte („in Aalen, Adelaide oder Aschgabad“), den raschen Wechsel der Register von der Parlando-Frage zum philosophischen Satz, von der Sinnlichkeit zur Algebra, von den „Drachen und Schwalben“ zu den Mandelbrot-Mengen. Wie stets ergibt sich die rhythmische Bewegung ganz beiläufig und unauffällig aus dem schlendernden Flaniertempo; im Gedicht über die durchs Meer treibenden Quallen beispielsweise, in dem die Daktylen flüchtig wie die mythischen Assoziationen kommen und vergehen: „Das meiste an ihr/ist vollkommen schleierhaft“.

Der Luftgeist

„Blauwärts“ heißt die Sammlung, ein Titel wie von Novalis. Mit romantischer Ironie gibt sich der dreiundachtzigjährige Enzensberger als ein entlaufener Romantiker zu erkennen, der halb amüsiert, halb sehnsüchtig auf diese sonderbare Landschaft zurückblickt, der er entkommen ist oder aus der ihn die Umstände vertrieben haben. Tatsächlich nach innen geht der geheimnisvolle Weg, nicht allerdings - schließlich sind wir bei Enzensberger - in diffuse Gefühlszonen, sondern durchs eigene Hirn und darüber hinaus, dorthin, wo das Denken sich selbst transzendiert. So beginnt das letzte, das Titelgedicht des Bandes: „Hinter der Nebelwand im Gehirn/gibt es noch andere Gegenden,/die blauer sind, als du denkst.“ Um sie aber zu erreichen, müsste man einen Blickpunkt außerhalb der zeitlichen Welt gewinnen. Und so steigen also, mit einem fragenden Konjunktiv, die nächsten Verse des Gedichts dorthin auf, wo nur noch Bläue ist und dünne Luft und wo endlich auch das Ich verschwindet: „Wie klein sähe die Geschichte aus,/von oben gesehen. Kühl und hell,/schwerelos ginge dein Atem dort,/wo dein Ich nichts wiegt.“

So kühl und hell endet das Konzert, buchstäblich und beiläufig im Himmel - als hätte der Luftgeist sich vor unseren Augen in Luft aufgelöst. Auch das ist wiedererkennbar, ein Leitmotiv von Enzensbergers späten Gedichten, von dem Band „Leichter als Luft“ 1999 bis zur „Geschichte der Wolken“ 2003. Aber nie war die Lakonik so luftig wie jetzt, so schwerelos und genau; nie schwebte der Fliegende Robert, den Enzensberger in einem früheren Gedicht zu seinem Alter Ego erklärte, so leicht und frei ins Blau davon.

Im verfremdenden Bildausschnitt

Mit dem Schlussgedicht ist eine bevorzugte Perspektive benannt, aus der diese Gedichte schon von den ersten Zeilen an ihre Verfremdungseffekte gewinnen. Distanziert, neugierig und immer etwas verwundert blicken sie auf eine Welt, der sie doch zugleich noch mit Leib und Seele gehören. Wie sich für diese relativierende Vorstellungskraft aus hinreichend großer Höhe der Unterschied zwischen Grashüpfer und Flugzeug nivelliert, so fällt der Blick aus fortgeschrittener Lebenshöhe auch auf einen Schuljungen, der beim Rutschen auf dem Treppengeländer beobachtet wird, in der Tanzschule und beim Anhören von „Gebrüll im Radio“ - ein ferner Knabe, dem die Frage gilt: „Oder bin ich das gewesen?“ Enzensbergers Kunst liegt darin, dass diese Frage nicht bloß rhetorisch klingt. Wie der „ernste Schläfer“ seines gleichnamigen Gedichts „gibt er sich nicht ab mit sich“: denn „da, wo er ist,/ist er nicht“. Wenn er sich ansieht, erblickt er einen Fremden. Und darum haben auch wir ihn nur, indem er sich uns entzieht.

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