13.01.2012 · Ein seltsames Paar: In seiner neuen Novelle „Sire, ich eile“ betrachtet Hans Joachim Schädlich Friedrich II. und Voltaire. Der preußische Monarch und der französische Philosoph geben sich ein literarisch höchst ergiebiges Stelldichein.
Von Lena BoppIn jüngster Zeit erlebt die Historie in der Literatur eine bemerkenswerte Renaissance. Natürlich haben sich Schriftsteller immer in der ein oder anderen Form der Geschichte bedient, sei es der ihres Landes, ihrer Familie oder ihrer ganz persönlichen. In den letzten Monaten aber fiel auf, dass nicht nur private Episoden und vergangene Epochen in literarischen Werken verarbeitet wurden, sondern dass sich wichtige Werke herausragenden Figuren der Geschichte widmeten, ohne dass es sich bei ihnen deshalb um Biographien handelte: Sibylle Lewitscharoff begab sich ins Studierzimmer von Hans Blumenberg, Karl-Heinz Ott untersuchte in „Wintzenried“ den Spezialfall Jean-Jacques Rousseau und Michael Kumpfmüller ging Kafka und Dora Diamant nach. Nun nimmt sich Hans Joachim Schädlich in „Sire, ich eile“ gleich zwei große Figuren des achtzehnten Jahrhunderts vor: Voltaire und Friedrich den Großen.
Dass dieses kleine erzählerische Bravourstück gerade jetzt, rechtzeitig zum bevorstehenden dreihundertsten Geburtstag des Preußenkönigs, fertig geworden ist, dürfte den Verlag zwar freuen. Mehr als für einen Geburtstag, davon darf man bei einem Schriftsteller vom Schlage Schädlichs wohl ausgehen, interessiert sich der Autor aber für das dramatische Potential seiner Figuren. Und da befindet man sich mit den Gegenspielern Voltaire und Friedrich augenblicklich in einer Welt, in der sich Schädlich, dieser Experte für janusköpfige Wesen, schon oft aufgehalten hat. Ihm ging es immer um die großen Fragen, um das Verhältnis von Macht und Moral, von Freiheit und Verrat, von Wahrheit und Lüge. Wie man weiß, eignet sich die wechselvolle Beziehung zwischen dem französischen Philosophen und dem preußischen Monarchen für eine derartig motivierte Betrachtung ausgezeichnet.
Um es gleich zu sagen: „Sire, ich eile“ ist kein Werk, mit dem der 1935 geborene Schädlich in eine neue Dimension seines Schaffens vordringt. Im Gegenteil bleibt er sich und seinem Stil angenehm treu. So haben wir es mit einem Text zu tun, dessen Bedeutung sich wieder einmal in einem höchst präzisen Umgang mit der Sprache, in dem bewusst gewählten Wort und, in diesem besonderen Fall, auch in den sinnstiftend gegeneinander gesetzten historischen Fakten eröffnet. So beginnt das Drama bei Schädlich schon mit dem allerersten Brief, den Friedrich im Alter von vierundzwanzig Jahren 1736 an den fast zwanzig Jahre älteren Voltaire sandte. In ihm gibt sich der Kronprinz untertänigst, umschmeichelt den Autor „so vieler Meisterwerke“ und würdigte selbst dessen Epos „Henriade“, diesen Lobgesang auf den als tolerant geltenden Heinrich IV., mit den Worten, das Buch werde zweifellos über „die wenig gerechte Kritik“ triumphieren.
Doch am Ende schreibt er einen Satz, aus dem der Autor Schädlich ein einziges Wort herausgreifen wird, um seine Geschichte von vornherein in ein Zwielicht zu setzen, dessen Berechtigung sich schon bald zeigt. Friedrich schreibt: „Falls mein Schicksal es mir nicht vergönnt, Sie selbst zu besitzen, so kann ich doch zumindest hoffen, eines Tages den Mann zu sehen, den ich seit so langer Zeit von weitem bewundere, und Ihnen mit erregter Stimme zu versichern, dass ich mit aller Wertschätzung, die jenen Menschen zusteht, die der Flamme der Wahrheit folgen und ihr Tun dem allgemeinen Wohl widmen, Ihr zutiefst ergebener Freund bin.“
Das Wort des Anstoßes lautet „besitzen“. In Schädlichs Novelle ist es Voltaires langjährige Geliebte, Émilie du Châtelet, die seine Brisanz sofort erspürt. Anders als Voltaire, der an seinem Glauben an den Fortschritt durch den vernunftbegabten Menschen festhält, misstraut sie Friedrich von Anfang an und tritt auf diese Weise in ein Konkurrenzverhältnis zu ihm, in dem es bei weitem nicht nur um Fragen gerechter Herrschaft geht. Die bewusste Einbeziehung der Marquise du Châtelet in die Geschichte erweitert die Motivlage somit von Anfang an um eine erotische Dimension. Denn bei Hans Joachim Schädlich ist Friedrich ein Mann, der offen die Männer liebt. Hinzu kommt bald, dass auch Voltaire eben nicht nur an einem aufgeklärten Herrscher interessiert ist, sondern mindestens genauso am schnöden Mammon, der sich in Preußen machen ließ. Es geht hier also keinesfalls nur um gute Ideen und hehre Ideale. Schädlich präsentiert seine Helden vielmehr als Menschen, die sich inmitten eines komplizierten Geflechts aus verschiedenen Loyalitäten und Interessen verhalten wie heutzutage du und ich.
Vor allem Friedrich zeigt sich voller Widersprüche. In seinen Briefen bekniet er den großen Aufklärer zwar, ihn doch endlich besuchen zu kommen. Doch genau an dem Tag, an dem es 1740 zur ersten Begegnung auf Schloss Moyland kommt, lässt Friedrich in der nahen Stadt Herstal, das erste Mal seit seiner Thronbesteigung, seine militärischen Muskeln spielen. Doch auch Voltaire, an dem die Nachrichten von den späteren Feldzügen des preußischen Militärs sicher nicht vorbeigegangen sind, scheint keine Bedenken zu haben, nach dem Tode Émilies 1749 gleich für mehrere Jahre nach Potsdam zu reisen.
Was sich aus den brieflich ausgetauschten Bemerkungen beider Männer schon erahnen ließ, bestätigt sich nun: Das Kräfteverhältnis verändert sich. Wo Friedrich zu Beginn der Korrespondenz als unerfahrener, bittstellender Kronprinz auftrat, der seinen Meister um Unterweisung in die Kunst der französischen Versdichtung bat, ist er später ein herrschsüchtiger Despot, der seine Gunst reihum verteilt, wie es ihm gerade passt.
Dies ist der Bogen, den Hans Joachim Schädlich in seiner Erzählung kunstvoll spannt. Dabei liegt der Clou natürlich nicht darin, mit Friedrich und Voltaire ein Paar entdeckt zu haben, dessen Geschichte sich als Parabel auf die jedes Ideal zersetzende Kraft politischer Macht inszenieren lässt. Er liegt vielmehr darin, aus einem unermesslichen Konvolut von Briefen, Biographien, historischen Dokumenten und Abhandlungen durch ebenso radikale wie feine Konzentration das unüberwindliche Ungleichgewicht zwischen einem absolutistischen Monarchen und seinen Untertanen herausgearbeitet zu haben - weil letztere immer, auch wenn der Monarch manche von ihnen noch so sehr schätzt, nichts anderes bleiben als Abhängige seines Willens. In diesem Sinn ist „Sire, ich eile“ das wunderbare Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen dem Historiker und dem Schriftsteller Hans Joachim Schädlich.