Sie spricht in kleiner Typographie, denn sie ist winzig. So winzig, wie man es auf der ersten Illustration im Text vorgeführt bekommt: Da sitzt eine possierliche Maus auf einer Treppenstufe vor den riesigen nackten Füßen eines Herrn im Bademantel. Die Maus ist Lady Earl Grey; nach ihr ist das Buch benannt. Der Herr trägt den Namen Russla; er ist der Ich-Erzähler dieser Geschichte.
Ihr Ausgangspunkt ist ein brillanter Einfall des Verfassers Hanns Zischler, den alle als Schauspieler und erfreulicherweise mittlerweile auch viele als Schriftsteller kennen. An einem Wintermorgen findet sein Herr Russla (der eine erstaunliche Ähnlichkeit mit seinem Autor aufweist) auf der Treppe in die Bibliothek eine kleine Maus mit verschmortem Schwanz. Er spricht sie an, sie spricht zurück. Aber nicht so, wie es Märchenwesen tun, die natürlich das Vorbild für die Grundidee von „Lady Earl Grey“ gewesen sind, sondern höchst gewählt, als die Überlegene der beiden Gesprächspartner und Hausgenossen. Lady Earl Grey, die sich als Letzte eines alten Geschlechts von hochwohlgeborenen Mäusen erweist, das schon jahrhundertelang das Haus der Russlas bewohnt (und somit viel ältere Rechte daran hat), spricht im Tonfall einer Königin mit dem staunenden Menschen: „Er duftet ja nach Bergamotte!“ Kein Wunder, dass sofort eine gewisse Grundsympathie da ist (mit Bergamotte wird Earl-Grey-Tee parfümiert), auch wenn das Wärmebedürfnis von Frau Russla dafür verantwortlich war, dass der Schwanz der Lady versehrt wurde.
Den Ursprung in der Aufklärung
Alsbald führen Maus und Mensch gelehrte Konversation über ihre Lieblingautoren - die Lady tut sich nämlich besonders gern an schön gestalteten Büchern der Bibliothek gütlich („Nur wer das Gedruckte frisst, behält es auch“), und die Rede kommt darüber hinaus auf Freunde, Feinde und Technik. Konfrontiert damit, dass der Mensch ein Bedieninstrument seines Computer als „Maus“ bezeichnet, verliert die wahre Maus den Glauben an sich selbst: „Man hätte Uns wenigstens fragen können!“
Es gibt in dieser wechselseitig respektvollen Bekanntschaft noch viel mehr an Miss- wie Einverständnissen. Die naive, aber würdige Haltung der traditionsbewussten Maus erlaubt Hanns Zischler die Konstruktion einer Geschichte, die ihre literarischen Ursprünge in der Aufklärung hat, in Montesquieus „Lettres persanes“, die auch zwei Gesprächspartner von denkbar unterschiedlicher Herkunft zusammenbrachte. Und wie dort erweist sich auch in „Lady Earl Grey“ das uns eigentlich Fremde als das weitaus Kultiviertere.
Aber was ist „Lady Earl Grey“ in einem Zeitalter, das sich doch längst für aufgeklärt hält? Ein Märchen? Eine Parabel? Eine Satire? Ein Bilderbuch? Von all dem ist es etwas, doch leider am meisten vom Letzteren. „Leider“ deshalb, weil mit dem Münchner Maler Hanno Rink zwar ein virtuoser Maler und Illustrator für die Bebilderung von Zischlers Text gewonnen wurde, doch seine Bilder nur selten einen eigenen Zauber haben, der dem des Erzählten gleichgewichtig wäre. Das, was Zischlers Prosa ausmacht - die Eleganz -, fehlt den Illustrationen, die sich bisweilen ganz- oder gar doppelseitig breitmachen, als gälte es, Platz zu schinden. Und die durchweg kalten Farben evozieren den Winter, aber nicht die Wärme, die Lady Earl Grey und Russla füreinander entwickeln.
Ganz am Schluss der Geschichte aber zeichnet Rink mit wenigen Tuschelinien ein Porträt der Lady: zwei Haken, zwei winzige Kreise, ein welliger Strich - schnell fertig ist das Mausgesicht. Es ist doch so einfach, und genau so erzählt Hanns Zischler.