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Halgrímur Helgasons: Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen : Entschuldigung, die Schwarze Liste ist nur für Stammgäste

  • -Aktualisiert am

Bild: Tropen Verlag

Der Killer, der niemandem weh tun wollte: Mit „Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen“ hat der isländische Autor Hallgrímur Helgason seinen bisher schrägsten und abgründigsten Roman geschrieben.

          Statistiken machen das Leben überschaubar. Im Leben von Toxic, dem Erzähler von Hallgrímur Helgasons „Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen“, sind vor allem zwei von ihnen wesentlich. Mit Hilfe der einen Statistik bestimmt er den Attraktivitätsgrad jeder Frau, die ihm über den Weg läuft: An welchem Tag begänne er von ihr zu träumen, wäre sie das einzige weibliche Wesen in seiner Einheit, die einen Monat lang in den Bergen eingeschlossen ist? Mit der zweiten Statistik hält er die Morde fest, die er bisher begangen hat.

          Toxic ist Auftragskiller der kroatischen Mafia. „The Zagreb Samovar“ heißt das New Yorker Restaurant, in dem er offiziell als Kellner angestellt ist, auf den nächsten Auftrag wartet oder ihn nicht selten auch gleich vor Ort erledigt. Tja. „The Zagreb Samovar“ habe eben keine Stammgäste. Nicht nur äußerst treffsicher ist dieser Killer, sondern auch ein Virtuose geschmacklosester Kalauer, die er mit wahrhaft beeindruckendem Tempo aus der Hüfte schüttelt und mit denen er permanent gute Laune produziert, allen voran sich selbst.

          Ein Faible für Schräges

          Das ist auch bitter nötig. Schuss Nr. 66 nämlich ist ein Fehlschuss. Zwar trifft die Kugel den anvisierten Kopf, dummerweise nur stellt sich dieser im Nachhinein als der eines FBI-Mannes heraus. Was als diskreter Mord getreu Toxics Devise MWA (möglichst wenig Aufsehen) geplant war, landet in den Abendnachrichten und Toxic wenig später mit einem russischen Pass und einem Ticket nach Zagreb am Flughafen. Einmal aus dem Tritt gebracht, ist es aber vorläufig dahin mit Toxics Souveränität.

          Zwei vermeintliche Ermittler machen ihn glauben, seine Tarnung sei aufgeflogen, also wird ein Priester auf der Flughafentoilette zu Nr. 67, und kurz darauf sitzt Toxic, wiederum mit neuem Pass, als Father Friendly und mit Kollar um den Hals in einem Flieger nach Reykjavík. Und ehe er sich versieht, steht der kroatische Auftragskiller noch am selben Abend als Gast im winzigen, zugerumpelten Fernsehstudio eines isländischen Bibelsenders und führt Fachgespräche über die Heilige Schrift. Da macht es auch nichts mehr, dass er sich vorher das eine oder andere Bier genehmigt hat.

          Dass es absurder kaum noch werden kann, mag selbst annehmen, wer die früheren Romane des isländischen Autors, Malers und zwischenzeitlichen Stand-up Comedian Helgason kennt, der in Deutschland vor allem durch „101 Reykjavík“ bekannt wurde und der seit jeher ein Faible für schräg eingehängte Männerfiguren und Dramaturgien hat. Aber: Es kommt noch absurder. „Ich bin Anne Frank 2.0“, befindet Toxic etwa, nachdem auch seine Priester-Tarnung aufgeflogen ist und er sich – zu seinem nicht unwesentlichen Vergnügen – auf dem Dachboden einer attraktiven isländischen Blondine versteckt hält.

          Traumata und Schuld

          Fast schon banal oder aber klischeehaft könnte klingen, dass all die Schrägheit und von Toxic zur Schau getragene Lässigkeit seine Abgründigkeiten zunehmend schlechter übertünchen können. Denn er, den es als mehr oder minder freiwilligen Gast einer Fernsehpfarrer-Familie ins abgelegene Island geführt hat, wo es scheinbar weder Waffen zu kaufen, geschweige denn Morde gibt, wird unversehens und unter reichlich abseitigem Zutun seiner christlichen Gastgeber hineingeworfen in die eigene Vergangenheit, die er doch luftdicht in Statistiken verpackt zu haben glaubte.

          Toxic, der geborene Kroate, hat als junger Mann im Jugoslawien-Krieg gekämpft, Massengräber ausgehoben, Leichenberge nach einer passenden Brille für seinen Vorgesetzten durchwühlt und die Vergewaltigung seiner Freundin mit angesehen. Manchmal wäre man angesichts dieser abrupt auftauchenden Grausamkeiten – über Frauenhände etwa, die aus Massengräbern ragen und die Toxic plötzlich vor Augen hat, als sein Blick auf die säuberlich manikürten Hände seiner Reykjavíker Blondine fällt – ganz dankbar für ein bisschen Zahlenmaterial, das das Konkrete überschaubar und dadurch unkenntlich macht.

          Witz trifft auf Schrecken

          Im Gegensatz dazu haben Toxics gelistete Auftragsarbeiten geradezu etwas Beschauliches. „Ich war doch nur ein Killer. Ich wollte niemandem weh tun“, sagt Toxic einmal, und nicht nur wegen seines osteuropäischen Revolverheldencharmes glaubt man ihm das vorbehaltlos. Aber je mehr Erinnerungen an den Krieg Toxic formulieren kann, desto mehr Gesichter und Geschichten kommen auch hinter seinen New Yorker Auftragsmorden zum Vorschein.

          Dass das bei Helgason nun weder kitschig noch banal gerät, liegt daran, dass er nicht etwa eine einfache Saulus-Paulus-Geschichte erzählt. Und mehr noch liegt es an der sprachlichen Wucht, mit der er fortwährend Witz und Greuel zusammenprallen lässt, ohne dass Ersterer zugunsten von Letzterem nachlassen würde. Noch gar nicht begriffen hat man ein Schreckensbild, da rattert die Kalauermaschine schon weiter. Ohne die wäre es auch kaum zu ertragen, weder für Toxic noch für den Leser.

          Hochtourige Verfolgungsjagd

          Helgason, der mit „101 Reykjavík“ und zuletzt mit „Rokland“ wunderbar schrille Nabelschauen der Mediengesellschaft betrieben hat, erzählt in seinem neuen Roman, der noch schräger, schneller und sehr viel kürzer ist als seine bisherigen, ein Stück europäische Zeitgeschichte. Er erzählt durch das paradoxe Umklappen zwischen Witz und Grauen eine Traumatisierung, die im glasklaren Licht Islands beinahe schon wieder unwirklich erscheinen will. Erst im letzten Drittel des Romans, als er darüber nachzudenken beginnt, sein Leben in Island nicht nur als Folge in einer hochtourigen Verfolgungsjagd zu betrachten, geht Toxic und mit ihm der Geschichte ein wenig die Puste aus. Aber darüber ist man angesichts des Vorangegangenen fast ein wenig dankbar. Um indes zu ahnen, dass Biographien wie die von Toxic selten in Harmonie münden, braucht es weder Prophetie noch Statistik.

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