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Håkan Nesser: Am Abend des Mordes : Gunnar Barbarottis Abmachung mit Gott

Bild: btb Verlag

Håkan Nesser ist der Philosoph unter den Krimiautoren Skandinaviens. Nun schickt er einen frisch verwitweten Kommissar in seinen letzten Fall und auf die Suche nach Gott.

          „Es ist Trauern besser als Lachen; denn durch Trauern wird das Herz gebessert. Das Herz der Weisen ist im Klagehause, und das Herz der Narren im Hause der Freude.“ (Prediger 7,3). Ein Spruch aus dem Alten Testament, der einen Mann, der morgens aufwacht und feststellt, dass seine Frau tot neben ihm im Bett liegt, nicht unbedingt aufheitern wird. Andererseits, ganz abwegig erscheint er diesem Mann auch nicht: „Genau. Mir geht es schlecht und warum auch nicht. Kurzum, je schlechter desto besser.“ - So denkt Gunnar Barbarotti, der Witwer und Kriminalinspektor, den sein Erfinder, der schwedische Autor Håkan Nesser, in diesem desolaten Zustand in seinen fünften und letzten Fall schickt.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Auch Nesser, Jahrgang 1950, hat Abwanderungspläne. In Interviews hat er angekündigt, sich aus dem Krimi-Genre zurückziehen zu wollen; drei Romane noch zu den bislang vierundzwanzig auf Deutsch vorliegenden Büchern, dann sei Schluss. Aber wohl nicht mit dem Romanschreiben insgesamt. Das ist die gute Nachricht für seine Gemeinde, die ohnehin nicht zur Hard-boiled-Fraktion zu zählen ist. Nesser ist der Philosoph unter der Skandinaviern, wer vor lauter Suspense an jedem Kapitelende von der Klippe hängen will, wird auch bei „Die Schlächterin von Klein-Burma“ - so der wesentlich originellere Originaltitel des vorliegenden, mit einem Nullachtfünfzehn-Cover entwerteten Bandes - nicht heimisch werden.

          Er wittert doch wieder eine Fährte

          Als Ermittler ist Barbarotti eigentlich durch, der Tod seiner erst siebenundvierzigjährigen Frau Marianne, verschuldet von einem Aneurysma, hat ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Sein Trauertherapeut Rönn hatte gewiss schon pflegeleichtere Patienten. Denn der Herr Kriminalinspektor spricht nicht nur mit Gott, sondern hat sogar eine Abmachung mit ihm. Zum Wiedereinstieg ins Berufsleben beschert Asunander, der kurz vor der Pensionierung stehende Chef Barbarottis, seinem erfahrensten Beamten einen wenig verlockenden cold case. Die sind gerade sehr angesagt, Jussi Adler-Olsens Sonderermittler Carl Mørk bricht Verkaufsrekorde in Deutschland.

          Fünf Jahre vor Beginn der Handlung im April 2012 verschwindet Arnold Morinder spurlos, sein Moped findet man im Wald, die Leiche fehlt. Der Fall hat das Aktenzeichen „Ungelöst“ - und das ist deshalb besonders unbefriedigend, weil die Frau des Verschwundenen vor mehr als zwei Jahrzehnten ihren Mann erschlagen, zerlegt und in Plastiktüten verstaut in den Wald geworfen hat. Freilich, Ellen Bjarnebo hat allen Grund gehabt: Der Mann quälte die Frau und den vor lauter Frust verstummten zwölfjährigen Sohn. Ein menschliches Schwein, dem keiner nachtrauert. Die als „Schlächterin von Klein-Burma“ bekannt gewordene Frau hat eine elfjährige Strafe abgesessen und ist naturgemäß die Hauptverdächtige beim spurlosen Abschied ihres zweiten Mannes.

          Da man ihr nichts nachweisen kann, ist Barbarotti wenig angetan, beim Wiedereinstieg diesen Fall zugewiesen zu bekommen, zumal ihn Asunander über seine wahren Motive im Unklaren lässt. Obendrein entzieht sich Ellen Bjarnebo einer erneuten Vernehmung; sie verschanzt sich in einer Pension in Lappland. Also rollt Barbarotti den Fall in aller Gemächlichkeit erst mit Vernehmungen im fiktiven südschwedischen Kymlinge und in Stockholm auf, befragt Angehörige und Freunde beider Fälle unter der Prämisse, die Fälle hingen doch miteinander zusammen. Bald erweist sich, dass die Vernehmungsprotokolle gravierende Fehler aufweisen, und es geschieht, was der ebenso umständliche wie gewissenhafte Barbarotti, der sich rührend um fünf Kinder seiner Patchworkfamilie zu kümmern versucht, nicht für möglich gehalten hätte - er hat doch wieder eine Fährte gewittert.

          Der Herrgott sieht es mit Wohlgefallen

          Håkan Nesser beherrscht die Kunst, mit verknapptem Stil Atmosphäre zu schaffen ebenso wie die, einen Plot fein auszubalancieren, auf beeindruckende Weise. In Rückblicken werden beide Fälle aus Sicht der Frau gegen die Ermittlungen von Barbarotti und seiner Kollegin Eva Backman geschnitten. Die recherchiert einen politisch brisanten Todesfall: Ein Abgeordneter der rechten Schwedendemokraten ist vergiftet worden. Gunnar und Eva, das ist die Combo, die seit zwanzig Jahren zusammenarbeitet; sie frisch geschieden, er frisch verwitwet, und nur die verstorbene Marianne hatte den Weitblick, was es für die Liebe bedeuten kann, wenn sich zwei Menschen so gut kennen. Marianne wusste auch, dass Barbarotti ein gläubiger Mensch ist, einer der hadert und zweifelt, aber immer wieder sucht und auf Glaubensgewissheiten stößt. Das ist für den Protagonisten eines Kriminalromans das eigentlich Ungewöhnliche: Er spielt - wie es einst Max Frisch in seinem Stück „Biographie“ tat - die Möglichkeiten durch, sein Leben noch einmal anders zu leben.

          Das Jenseits spielt immer mit: Auch Ellen Bjarnebo hat eine oberste Instanz, eine Stimme, die ihr Handlungsanweisungen gibt; auch sie hat Entscheidungen getroffen, die sie jenseits von Recht und Gesetz stellen, möglicherweise aber diesseits der Menschlichkeit bestehen lassen. Als der tapfere Gottessucher Barbarotti schließlich die Antworten findet, wird er sie nicht mehr zu den Polizeiakten geben. Für den Herbst hat er schon andere Pläne. Er will seinen Vater suchen, in Italien. Der Herrgott sieht es mit Wohlgefallen.

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