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Härten und Spannungen

03.08.2006 ·  Lyrik mit Kultwert: Paul Celan übersetzt Giuseppe Ungaretti

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Die deutsche Literatur ist reich an Übersetzungen, die um der sprachschöpferischen und dichterischen Leistung des Übersetzers und nicht primär um des übersetzten Werkes willen gelesen werden. Wer Goethes Benvenuto Cellini, Humboldts Aischylos, Georges Baudelaire oder Borchardts Dante liest, tut dies nicht, um Cellini, Aischylos, Baudelaire oder Dante, sondern um ein Werk Goethes, Humboldts, Georges oder Borchardts kennenzulernen, das jenseits aller Fragen nach der übersetzerischen Zuverlässigkeit oder Überholtheit als Werk der Poesie Bestand hat.

In die Reihe dieser Übersetzungen gehört auch Paul Celans Ungaretti. Es ist dies tatsächlich Celans Ungaretti: ein Werk, in dem der Übersetzer dem Dichter auf Augenhöhe begegnen will. Auf den Schutzumschlag der 1968 erschienenen zweisprachigen Erstausgabe von Celans Ungaretti-Übersetzungen ließ der Insel Verlag die Porträts von Dichter und Übersetzer in gleicher Größe und deren Namen in gleicher Typographie drucken. Wem es darum zu tun ist, das Werk Giuseppe Ungarettis (1888 bis 1970), des wohl größten italienischen Lyrikers im zwanzigsten Jahrhundert, kennenzulernen, der ist deshalb gut beraten, Celans Übertragungen erst einmal für geraume Zeit beiseite zu legen und auf andere Übersetzungen zurückzugreifen.

Celan entschloß sich im August 1967 erst nach langem Zögern dazu, die ihm von Anneliese Botond, der Lektorin des Insel Verlages, angetragene Übersetzung von Ungarettis schmalen späten Gedichtbänden "La terra promessa" ("Das verheißene Land", 1950) und "Il taccuino del vecchio" ("Das Notizbuch des Alten", 1960; bei Celan "Das Merkbuch des Alten") zu übernehmen: kristallklaren poetischen Konzentraten der Erinnerung, in denen das verheißene Land - das Land des Dichters: Vergil, der klagenden Dido, der der Dichter einen bewegenden Zyklus von neunzehn Chören widmet, des Äneas, der seine geschichtliche Bestimmung zu erfüllen hat - in seiner Unerreichbarkeit nur im Medium der Erinnerung als der poetischen Einbildungskraft des "Alten" vergegenwärtigt werden kann.

Ungarettis Meisterschaft zeigt sich in seinen späten Gedichten darin, wie sich äußerste Verdichtung der Aussage - der letzte von Didos Chören umfaßt nur zwei Verse - mit einer Klarheit und Transparenz der Sprache verbindet, die jeden Leser daran zweifeln lassen, es habe das Werk dieses Dichters jemals als der Inbegriff hermetischer Poesie gegolten. Vielleicht war es dies, was Celan, der sich selbst gegen den Hermetismusvorwurf zur Wehr zu setzen hatte, dazu bewog, diese späten Gedichte zu übersetzen, während Ingeborg Bachmann 1961 noch Ungarettis lyrisches Frühwerk übertragen hatte. Zu den großen Überraschungen dieser späten Lyrik gehört überdies, wie Ungaretti, der einst die Erneuerung der italienischen Dichtersprache durch den Bruch mit der rhetorischen Tradition und die Konzentration auf das dichterische Wort eingeleitet hatte, zu überlieferten Formen wie der Canzone und selbst der Sestine (mit dem "Rezitativ des Palinurus", das in Celans Übersetzung freilich nur von ferne noch an eine Sestine erinnert) zurückfand.

Es ist also begreiflich, daß Celan gezögert hat, sich dieser übersetzerischen Herausforderung zu stellen - zumal er sich mit italienischer Literatur allenfalls am Rande beschäftigt hat und "des Italienischen nur begrenzt mächtig war" (wie es 1997 in dem Katalog zu der richtungweisenden Marbacher Ausstellung über Celan als Übersetzer heißt). Es ist deshalb auch nicht ganz einfach, den Ort der Ungaretti-Übertragung in Celans übersetzerischem Werk zu bestimmen; um es im Deutsch der Celan-Philologie zu sagen: "Auf merkwürdige Weise bleibt die topographische Lage der Übersetzung auf dem Meridian des Gesamtwerkes indifferent." So Peter Goßens, der sicher beste Kenner von Celans Ungaretti-Übersetzungen, im Nachwort zu der von ihm herausgegebenen aufwendigen Neuausgabe der Übertragungen.

Deren Herzstück bildet das Faksimile von Celans Handexemplaren der beiden Bücher Ungarettis, in denen Celan unter den gedruckten Text jeweils seine Übersetzungen geschrieben hat, und weiterer Manuskriptblätter der Übertragung. Man betrachtet diese Zeugnisse für Celans Arbeitsweise, von denen mehrere - dort freilich besser lesbar - bereits im Marbacher Katalog abgebildet waren, mit Ehrfurcht, aber doch auch ein wenig ratlos, weil Celans Handschrift, ihrer prinzipiell guten Lesbarkeit zum Trotz, im Einheitsgrau der Reproduktionen so verschwimmt, daß der Kultwert dieser fotografischen Nachbildungen ihren philologischen Wert beträchtlich übersteigt. Immerhin gewinnt der Leser einen guten Eindruck von Celans übersetzerischem Arbeitsverfahren und hat im übrigen Gelegenheit, sich an der wunderbaren Typographie der italienischen Originalausgaben von Ungarettis Gedichten zu erfreuen, in denen die Gedichte auf großzügig eingerichteten Seiten sich frei entfalten und atmen können, während Celans Übertragung der beiden Zyklen in diesem Neudruck auf 32 Seiten brutal zusammengestopft wird. Es ist ein Graus.

In dem schmalen Briefwechsel Celans mit Anneliese Botond über die Übertragung, der hier zum ersten Mal erscheint, findet sich die einzige wichtige Äußerung Celans zu seiner übersetzerischen Intention im Falle Ungarettis: "Ich habe mich vor allem darum bemüht, die Härten und Spannungen zu wahren, aus denen das Original lebt." Faktisch hat er diese Härten und Spannungen im Sinne seiner eigenen Poetik verstärkt. Die Reaktion der Kritik war denn auch, bei aller Anerkennung von Celans Versuch, "etwas Poetisch-Adäquates schaffen" zu wollen (so Horst Bienek am 22. März 1969 in dieser Zeitung), vorwiegend negativ, zum Teil sogar, wie im Falle Alice Vollenweiders, heftig ablehnend: "falsches Pathos", "Manierismen", "stilistische Mätzchen", "stilistische Marotte", "stilistischer Tick", "preziös", "monströs", "pathetisch aufgeputzt", um nur eine Auswahl aus Vollenweiders kritischem Repertoire zu geben. Es können nicht die schlechtesten Zeiten gewesen sein, in denen so erbittert um die Übersetzung großer Poesie gestritten wurde.

Es war eine kluge Entscheidung des Herausgebers, die zeitgenössischen Rezensionen vollständig abzudrucken. Man liest sie heute mit Respekt vor der Genauigkeit der übersetzungskritischen Lektüre und dem poetischen Sachverstand der Kritiker und stimmt im übrigen dem souveränen Urteil von Werner Ross zu, der zwar einerseits angesichts von Celans "hingeworfenen Rätselwendungen" konstatieren muß: "Da hilft auch das heftigste Nachdenken nichts", andererseits aber doch auch mit Bewunderung den hohen poetischen Gewinn bilanziert, der aus dem Kräftemessen zweier großer Dichter erwuchs: "Stücke, die Ungaretti nicht verraten und doch Celan geworden sind."

Diese Rezensionen gewähren auch eine angenehme Erinnerung daran, mit welcher Entspanntheit sich über das dichterische und übersetzerische Werk Celans in den Zeiten vor dessen Kanonisierung urteilen ließ, mit der in die Celan-Philologie der hohe Ton einzog. Von dem ist auch das Nachwort des gescheiten Herausgebers nicht frei, der eine große Vorliebe für den Begriff des Existentiellen hat: "Während es Ungaretti in erster Linie um eine Aktualisierung mythisch-topischer Darstellungsformen geht, transformiert Celan das Gedicht in eine existentielle Ebene und macht es mit sich selbst identisch." Das ist der affirmative Ton, der an der Celan-Philologie so oft irritiert. Denn will Peter Goßens im Ernste damit sagen, Ungarettis Gedicht sei vor seiner Übertragung durch Celan nicht "mit sich selbst identisch" gewesen? Vermutlich aber will er gar nichts anderes ausdrücken als das, was er am Ende seines langen Nachworts so formuliert: Paul Celan habe, indem er "die Strukturen seines Sprechens auch in der Übersetzung geltend" machte, das "Original" "in eine andere Existenz übertragen" - in seine eigene nämlich. Das freilich hatten, auf erfrischend unwirsche Weise allerdings, bereits Celans zeitgenössische Kritiker konstatiert.

ERNST OSTERKAMP

"Angefügt, nahtlos, ans Heute. Agglutinati all'oggi". Paul Celan übersetzt Giuseppe Ungaretti. Handschriften. Erstdruck. Dokumente. Herausgegeben von Peter Goßens. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2006. 222 S., geb., 45,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.08.2006, Nr. 178 / Seite 32
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