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H.G. Adler: Panorama : Der Prager Frischling

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Ein Leben im Guckkasten: Zum hundertsten Geburtstag des Schriftstellers H. G. Adler erscheint sein „Panorama“ von 1948 in einer Neuausgabe. Hier ist ein Autorauf Augenhöhe mit der Weltliteratur zu entdecken – und einen heimlicher Humorist.

          H. G. Adler, der am 3. Juli 1910 in Prag geboren wurde, wollte niemals einer bestimmten Gruppe oder Schule angehören (auch dem sogenannten Prager Kreis nicht), und sein folgenschwerer Entschluss, als Historiker und Romancier seine Erfahrungen in Theresienstadt, Auschwitz und Buchenwald in deutscher Sprache zu schreiben, hat sein Leben als Einzelgänger mitbestimmt. Ich weiß, wie ungehalten er später darüber war, wenn man ihn mit seinen Vornamen ansprechen wollte (denn SS-Sturmbannführer Hans Günther, unter dem Kommando Adolf Eichmanns, war einer der Gestapo-Organisatoren der böhmischen Judendeportationen), und auch in seinem Londoner Exil zögerte Adler keinen Augenblick, in deutscher Sprache fortzuschreiben. Er wollte nirgends zu Hause sein, auch in Israel nicht, und das Exil war ihm die gemäße und produktivste Lebensform.

          Lange Verzögerung

          Ursprünglich war Adler aus den Lagern in seine Geburtsstadt zurückgekehrt, sorgte dort mit dem tschechischen protestantischen Prediger Pemysl Pitter heroisch für jüdische und deutsche Waisenkinder, aber in der parteipolitisch und chauvinistisch erregten Atmosphäre wollte er nicht bleiben, und sein Roman „Panorama“, der erste gesammelte Blick auf seine Lebenserfahrungen, entstand binnen wenigen Wochen des Jahres 1948, sogleich nach seiner Ankunft in England.

          Es dauerte dann zwanzig Jahre, ehe ein Verlag den Mut hatte, den Roman zu publizieren, und die deutsche Leserschaft hatte ihre Gründe, Adler damals eher als Historiker und Soziologen zu sehen, der eben die erste wissenschaftliche Untersuchung über Theresienstadt (1955) und ein Buch über die Juden in der deutschen Geschichte (1960) veröffentlicht hatte, und nicht als Schriftsteller, der die weithin sichtbaren Autoren der Gruppe 47 in die Schranken zu fordern vermochte.

          Autobiographische Sättigung

          Adler hat sich selbst dagegen gewehrt, sein „Panorama“ ausschließlich als autobiographischen Roman zu charakterisieren. Er wollte ihn lieber als „autobiographisch gesättigt“ interpretiert wissen. Er gibt uns jedenfalls die Chance, seine Erfahrungen in Alltag und Geschichte in zehn Guckkastenbildern zu begreifen, das ungeliebte Kind, von den Tanten eher als von den Eltern umhegt, die Jahre, in denen man ihn in die Schule eines südböhmischen Dorfes und dann als Dreizehnjährigen in die Zucht-und-Ordnung-Vorhölle einer Dresdner Erziehungsanstalt relegiert, aber auch einen friedlicheren Sommer als „Landfahrer“ in einer jugendbewegten jüdischen Pfadfindergruppe, die ihre Zelte in den böhmischen Wäldern baut.

          In seinen frühen Jahren als Student und Doktor der Philosophie (er verrät uns allerdings mit keinem Wort, dass er seine Dissertation über Klopstock und die Musik schrieb) hatte er es nicht leicht, seinen eigenen Weg zu finden; er widersteht der Verlockung, Mitglied eines Zirkels mystischer Amateure zu werden, der sich um einen berühmten tschechischen Künstler sammelt; als Hauslehrer in einer großbürgerlichen Familie steht er jeder vorgetäuschten Bildung ratlos gegenüber, und als Hilfskraft im „Prager Kulturhaus“ (der berühmten „Urania“) darf er, in einem bürokratischen Chaos, das letzte Rad am Wagen spielen.

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