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Gyula Krúdy: Das Gespenst von Podolin : Der beste Eintopf der Welt

Bild: Verlag

Schon 1906 waren Schauerromane aus der Mode. Trotzdem schuf der Ungar Gyula Krúdy mit „Das Gespenst von Podolin“ ein unterhaltsames Exemplar der Gattung, das nun zur Wiederentdeckung freigegeben ist.

          Wer es unfreundlich meint mit Gyula Krúdys“ Roman „Das Gespenst von Podolin“ von 1906, der nun zum erstenmal auf Deutsch erschienen ist, wer außerdem zur oberflächlichen Lektüre neigt und gern von seinesgleichen liest, der wird das Buch rasch aus der Hand legen. Immerhin begegnen ihm hier schon rasch ein wunderlicher Alter in einem verwunschenen Städtchen im slowakisch-ungarischen Grenzgebiet, ferner ein Burgherr, der sich in seinem bröckelnden Gemäuer mit dem Leibhaftigen ein tagelanges Saufduell liefert und schließlich verliert; die Runde wird komplettiert durch eine züchtige blonde Uhrmachertochter aus Heidelberg, die jeden Abend die Harfe schlägt, von einem ungarischen Untermieter geheiratet werden soll und am Tag der Hochzeit mit dem anderen davonläuft – dass in diesem Rahmen glühend geliebt und mächtig gehasst wird, dass es Duelle und vorzeitige Begräbnisse gibt, dass Waisenmädchen gequält und alte Sünder vor Schreck tot zu Boden fallen, versteht sich in diesem Rahmen von selbst.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Arsenal des Schauerromans

          Was die hier zusammengerührten Motive angeht, haben wir es also mit Kolportage aus dem Arsenal des Schauerromans zu tun, der freilich, als „Das Gespenst von Podolin“ erschien, schon ein knappes Jahrhundert aus der Mode war. Und natürlich war der 1878 geborene Gyula Krúdy, der sich schon früh mit dem Schreiben von Feuilletons und Fortsetzungsromanen über Wasser hielt, sich dessen vollkommen bewusst: Er verdichtet sein Material derart, dass es im Ergebnis zur Groteske wird, und wenn sich die Dinge bis zum offenen Widerspruch steigern, fühlt er sich zweifellos am wohlsten – so lässt er das blonde Fräulein erleben, wie ihr Liebster im Duell getötet wird, woraufhin sie eine Karriere als Kunstreiterin einschlägt und unzählige Männerherzen bricht. Dann kehrt sie in die Burg des Verlobten zurück, errichtet dort nach dessen Tod ein klandestines Matriarchat und trauert um den einstigen Verführer, ihre einzige große Liebe, wie sie sagt, nur dass sie am Ende alles in Schutt und Asche legt, als ein anderer Verehrer ein junges Mädchen heiraten will, was Krúdy wiederum in eine prächtige Don-Giovanni-Szene gießt, in der das rachsüchtige Fräulein den steinernen Gast gibt.

          Berge und Schafhirten

          Folgt man Krúdy bis hierhin, wird man es aufgeben, hinter dem Geschehen irgendeinen großen Sinn zu suchen, ein Gesellschaftspanorama etwa, ein realistisches Bild von Land und Leuten. Trotzdem entfaltet sich das Geschehen vor einer bestimmten Kulisse, in der Berge und Schafhirten eine Rolle spielen. Die Kultur der Zipser Ungarn am Rande des Habsburgerreiches, die alten Städte wie das titelgebende Podolin (slowakisch Podolínec, deutsch Pudlein, bis heute ein verschlafenes Nest mit dreitausend Einwohnern), die unsicheren Wege, die dicken Stadtmauern und die knarrenden Schlösser (nicht zufällig ist eine besonders liebenswerte Gestalt ein Spezialist für derlei), und das im ungarischen Roman des späten neunzehnten Jahrhundert gern geschilderte Klischeebild des bornierten Landadels werden hier mit kräftigem Pinsel gemalt. Ganz von fern spielen die Auswanderer hinein, die sich in Amerika durchschlagen und als Nachweis, dass sie noch am Leben sind, hin und wieder Geld schicken – bleibt das aus, spielen sie für die Daheimgebliebenen keine Rolle mehr, und diese Intensität des Gedenkens und Vergessens ist das vertuschte Hauptthema des Romans.

          Als Krúdy sieben Jahre nach dem „Gespenst von Podolin“ einen anderen Roman namens „Die Rote Postkutsche“ ebenfalls zur Fortsetzung in einer Zeitschrift verfasste, schickte er dem Verleger einen Brief. „Während meiner Laufbahn als Schriftsteller“, heißt es da, „haben mich meine Verleger bisher mittelbar oder unmittelbar, aber stets über ihren eigenen Geschmack oder den ihres Publikums unterrichtet.“ Es folgt eine Aufzählung von Personenskizzen und Motiven, die sich alle mehr oder weniger in dem früheren Roman finden. Schließlich dankt Krúdy dem Verleger ausdrücklich dafür, dass er ihm „bei der Auswahl meiner Helden und Heldinnen freie Hand gelassen hat und dass er nicht darauf besteht, dass die Handlung so glaubhaft und wahrscheinlich sein soll, wie es das Publikum durch das Wirken der Schriftsteller gewohnt ist“.

          Roman mit Weingeruch

          Diesen Stoßseufzer kauft man Krúdy sofort ab, besonders, wenn man sich seine späteren Texte vor Augen hält, die sich fröhlich im Surrealen bewegen und dabei konsequent einer ganz eigenen Ästhetik folgen. Allerdings mit der Einschränkung, dass Krúdy schon im „Gespenst von Podolin“ einen Weg findet, das mutmaßlich Geforderte zu liefern und gleichzeitig ad absurdum zu führen – und zwar zum ausgesprochenen Vergnügen jener Leser, die sich vom Spiel des Autors mitreißen lassen. Die sich am Erzählfuror erfreuen, der mühelos die Suche nach dem besten Eintopf der Welt mit einem Zimmer voller Schnürschuhe verbindet. Die gern den Geruch der entkorkten Weinflaschen atmen, der den Roman von Anfang bis Ende durchzieht. Und die Sinn für die grotesken Schicksalsschläge beweisen, die der Autor jenem unglücklichen Waisenmädchen zumutet, das am Ende freilich märchenhaft reich ist, ohne dafür den den ihm zugedachten alten Zausel heiraten zu müssen.

          Gyula Krúdys Wiederentdeckung steht trotz des enormen Anschubs, den Ungarns Auftritt als Buchmessengastland vor nunmehr zehn Jahren für die Verbreitung seiner Literatur bedeutete, in Deutschland noch immer aus, obwohl es an Angeboten, seine Bekanntschaft zu machen, nicht mangelt: Einige Romane liegen auf Deutsch vor, darunter „Die rote Postkutsche“ von 1913 und „Meinerzeit“, der meisterliche Abgesang auf die Doppelmonarchie. Vielleicht wird auch diese Edition nichts an Krúdys Schattendasein ändern. Doch den Versuch ist es allemal wert.

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