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Gunther Geltinger: Moor Wenn das Moor spricht, macht es leider ziemlich viele Worte

Schon an seinem Schauplatz kann ein Roman scheitern: Gunther Geltinger hat sein jüngstes Buch in einer geschwätzigen Leidenslandschaft angesiedelt, in der es versinkt wie ein Stein.

© Suhrkamp Vergrößern

Wenn es gut läuft für den Jungen Dion, wenn also seine Mutter hinreichend nah und die Grenze zwischen ihr und ihm gerade richtig gezogen ist, dann ist auch das Moor eine Landschaft voller Verheißungen. Dion wohnt seit dem Tod des Vaters, der Bauer war, allein mit seiner Mutter im norddeutschen Fenndorf, im letzten Gebäude hinter den Ställen. In der Früh, wenn die Mutter ihr Bad im Teich nimmt, kann er den Wind in den Binsen hören. Er sieht den Dampf in den Gräben, „das unentschlossene Licht zwischen den Stämmen“, und die Mutter, nackt, „ihr Spiegelbild auf dem Wasser“. Dann ist es sehr laut in dem Kind, das schon fast erwachsen ist, aber eben nur fast.

Gunther Geltinger lässt die Phantasien dieses verstummten Dreizehnjährigen mit wuchtiger Sprache zirkulieren, und man muss sich manchmal davor schützen wie vor zu viel Innenwelt. In prallen Sätzen breitet sich das Elend des zu früh Erwachsenwerdens vor dem Leser aus: erste Sehnsucht nach zärtlicher Berührung, wenn der Junge seinen Finger in ein Mooskissen steckt; der Ekel beim Schnuppern an der mütterlichen Unterhose; die Libellen, die er ersatzweise liebt und penibel untersucht. So wie ein Sonderling ohne Freunde das tut: mit Lexikonwissen.

Alkohol, Schlafschweiß und Abgestandenes

Gerne vermischt Dion sein biologisches Wissen mit den Wunschfantasien über eine Schulkameradin, die darin zur liebesbereiten Partnerin wird: „Neben dir rauscht Tanja empor, das rote Kleid ausgebreitet zu Flügeln“. Bis Tanja ihre Arme „flink kreiselnd“ durch die Luft bewegt „wie das flirrende Rad eines Propellers“, bis Dion endlich Anlauf nimmt für diesen Höhepunkt, dem unbedingt nötigen symbolischen Akt der Befreiuung aus dem Würgegriff einer durchweg beklemmenden Atmosphäre, ist schon viel geschehen und wieder zerbrochen in diesem Roman.

Ein Albtraum mit durchaus starken, surrealistischen Passagen ist das. Aber ebenso ein Sozialdrama, das leider nicht nur bei der Perspektive dieses gebrochenen Jungen bleibt, sondern unbedingt auch der anderen Seite, der völlig überforderten Mutter, eine Stimme mehr überstülpt als verleiht. Marga bekommt viel Raum. Eine Zugezogene, vor vierzehn Jahren von einem ihrer Freier in dieses Kaff verschleppt, hat sie so gar nichts Warmes. Im besten Fall duftet sie nach Lavendel, meistens aber stinkt sie nach Alkohol, nach Schlafschweiß und Abgestandenem.

Vorführen der trostlosen Wirklichkeit

Tablettensüchtig seit Jahren, pendelt sie immer noch täglich in die Stadt, wo sie bei einem Herrenausstatter mit Hinterzimmer arbeitet. Bald hat sie sich an dieses Leben gewöhnt, und mehr schlecht als recht hilft sie sich über Widersprüche mit Launen hinweg. Mal kocht sie ausgiebig, dann wieder gar nicht. Mal nimmt sie Anteil an Dion, dann wieder gar nicht. Mal hat sie deswegen ein schlechtes Gewissen, dann wieder vergisst sie ihren Sohn ganz. Eigentlich wollte sie Malerin werden, hatte aber keinen Erfolg. Den Abend, an welchem ihr die Zukunftslosigkeit klarwird, bestimmt sie zu ihrem letzten. Der Selbstmordversuch im Bett ihres Sohnes, den sie im Schlaf mit Erbrochenem begießt, misslingt. „Sauer, voll abgestorbenem Leben“, so ist der Geruch dieser Szene, die einen Wendepunkt einleiten könnte.

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