Home
http://www.faz.net/-gr4-6laq1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Günter Herburger: Ein Loch in der Landschaft Der Dornenbarsch unter den Dichtern

 ·  Oder ist er eher der Berliner Stadtspatz? In welchem Gewand auch immer: Günter Herburger entzückt mit neuen Gedichten.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wer noch zeitgenössische Gedichte liest, weiß, wie selten die Irritation auch in der Lyrik geworden ist. Es gibt wenig, was den einmal gesicherten Bereich wieder verlässt, damit „die Augen meiner Augen aufgehen“, wie E.E. Cummings es nannte. Unter dem Zwang zur Innovation werden Gedichte, die verblüffen, verwirren oder gar verstören, rar.

Eine Ausnahmeerscheinung ist der 1932 in Isny im Allgäu geborene Günter Herburger, der seit 1964 veröffentlicht, Mitglied der Gruppe 47 war und für seine Lyrik und seine Romane unter anderem den Peter-Huchel-Preis und den Hans-Erich-Nossack-Preis erhielt, beides vor fast zwanzig Jahren. Herburger ersann Fotonovellen, schrieb Reisejournale, Hörspiele, skurril-phantastische Kinderbücher. Bewundert wurden seine Aufzeichnungen zum Marathonlauf.

Von irritierender Schönheit

An vielen, teils absurden Orten lief er die antike Distanz und ist hierzulande vielleicht deshalb einer der wenigen, die unbeirrbar, voller Ausdauer und Selbstironie auch mitten durch die literarische Landschaft hindurchrennen. „Mein Beruf ist voll märchenhafter Neigungen“, schrieb er 1999 in „Der Schrecken Süße“. „Da ich ihn fortführe bis zum Sarge, wird Heimat bleiben.“ Kein Land und keinen Landstrich meint dieser Heimatbegriff.

Allein Imagination erschafft Landschaft; flüchtig genug, um Heimat zu sein, ist nur die Phantasie. Davon erzählen die Gedichte aus „Eine fliegende Festung“ (2002) und „Der Kuss“(2008). Mit seinem neuen Band „Ein Loch in der Landschaft“ geht Günter Herburger nun, mit 78 Jahren, erneut ein gutes Stück weiter. Irritierend schöne Gedichte blicken hier auf, durch und hinter die Erscheinungen.

Ein zaubrisches Raunen unter einem Sprachhelm

Immer wieder stellt sich beim Lesen der Eindruck ein, man lausche einer Musik aus Bedeutungen und Informationen, radikal in ihrer Vielfalt, Klangfülle und Benennungsakribie. Ein zaubrisches Raunen unter einem Sprachhelm - hier sucht Dichtung nach Ausdrucksmöglichkeiten für die fast komplette Virtualisierung der Welt und ihrer Wahrnehmung. Ihre belebende Irritation erlangen die Gedichte jedoch durch klassischen Strophenbau, herkömmliche Interpunktion und Rechtschreibung sowie einen feinsinnig Satz und Vers in Einklang bringenden Zeilenumbruch. Woran liegt das?

Es gibt keinen zeichensetzerischen Flitter, keine Mottos, nicht mal Kapitel. Ein Gedicht folgt aufs andere, nicht wenige bleiben rätselhaft und fordern nochmalige Lektüre: In „Cadillac“ ist von Mücken, einem geköpften Huhn, der Sprache der Bäume und von Asseln die Rede, in „Spandau“ begegnet man weisen Pferden in Huflattichwäldern, „Caspar David Friedrich“ handelt von einem zigarettenliebenden Gorilla. Eine einzige Wortschöpfung findet sich in 62 Gedichten: „Sobald die Wälder des Victoriasees / wieder knospen, napolionen durch sie / neue Buntbarsche“, heißt es in „Reichtum“ über Napoleon-Lippfische. Mit ihnen korrespondiert eines der eindringlichsten Gedichte des Bandes, „Der Dornenbarsch“: „Manchmal steigt der Züchter, / ein Biologe, ins Bassin, / möchte, um ihn zu lieben, / seinen Tauchanzug ablegen, / was ihm erst gelingen wird, / wenn er geworden ist wie er.“

Herburgers Gott ist müde

Ist der Dornenbarschzüchter also der Dornenbarschdichter? Der Autor, auch das eine irritierende Stärke seiner Gedichte, bleibt unsichtbar, Günter Herburger als Person kommt nicht vor - oder aber verbirgt sich hinter Masken und in Rollen, pseudowissenschaftlichen Exkursen (Dornenbarsche gibt es nicht), Minidramoletten, biographischen Skizzen, so als Berliner Stadtspatz, Lady Shelley, Pelikan, Picasso oder, noch prominenter, Gott. Herburgers Gott ist müde, er möchte nur noch würfeln.

Ein immenser Witz ist den Gedichten zu eigen. Des Öfteren erinnern sie an Günter Eichs „Maulwürfe“, denen gleichfalls nichts heilig ist, alles aber wertvoll, weil verstörend, berührend. So muss in Herburgers „Ostern“ Maria Magdalena ihren alten Beruf wiederaufnehmen. „Kunden, die nicht bezahlen / wollen, erschreckt sie / mit einem Heiligenschein.“

„Ein Loch in der Landschaft“ blickt auf Banalitäten, peinigende Schilderungen der Angst, die Schönheit der Tiere, den Trost menschlichen Miteinanders. Auf die schöne, neue, bizarre Welt, von der einmal mehr alles gesagt scheint, auf die sich keiner mehr einen Reim machen kann oder will, aber die beinahe jeder abfotografiert und durchanalysiert, auf sie blicken Günter Herburgers Gedichte spöttisch, traurig, böse, weise. Wer sie liest, der riskiert, die Augen seiner Augen zu öffnen.

Günter Herburger: „Ein Loch in der Landschaft“. Gedichte. A 1 Verlag, München 2010. 104 S., geb., 18,80 Euro

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen