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Sonntag, 12. Februar 2012
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Günter Grass: Grimms Wörter A wie Apostel, M wie Moral

24.08.2010 ·  Reden wir über mich, reden wir über Deutschland: Günter Grass legt den dritten und letzten Teil seiner Autobiographie vor, die zugleich vom Wirken der Brüder Grimm erzählt.

Von Hans-Martin Gauger
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Dies sei, hört man von ihm, wohl sein letztes Buch. Eine unfaire Ankündigung. Denn was soll man da sagen? Natürlich nimmt man sie respektvoll erschüttert zur Kenntnis - angesichts der sehr langen Zeit, die Günter Grass zumindest die älteren Leser sprachmächtig begleitet hat, von den 1956 erschienenen „Vorzügen der Windhühner“ an. Der Riesendurchbruch mit der „Blechtrommel“ kam drei Jahre später, fiel also gerade auch noch in die seit langem als dumpf steril apostrophierten fünfziger Jahre. Und das Politische, das sich, direkt und indirekt, in diesem Werk so oft zeigt, gehört ebenfalls zu jener langen Begleitung. In diesem Punkt, das muss man sich klarmachen, ist Grass, bei aller Beachtung der Verschiedenheit der Umstände, durchaus Thomas Mann vergleichbar. Dieser hat sich freilich einmal, in der Weimarer Zeit, sehr gewandelt. Ihm gegenüber ist Grass, jedenfalls seit Mai 1945, da war er siebzehn, von schierer Geradlinigkeit.

Zunächst sind „Grimms Wörter“ ein wunderschön aufgemachtes und also aufzumachendes Buch. Es ist eine Autobiographie und eine Biographie. Was die Autobiographie angeht, ist es nach „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006) und „Die Box“ (2008), deren dritter und letzter Teil. Dieser bezieht sich nun also auf den reifen Mann (oder was man so nennt) und besonders auf dessen öffentliche Rolle. Es ist in der Tat gerechter, das Buch autobiographisch zu nehmen, auch wenn sich die meisten seiner Seiten auf Jacob und auf Wilhelm Grimm beziehen. Nimmt man es so, ist es nicht überraschend oder irritierend, dass der Autor so oft von sich redet.

A wie „Abwrackprämie“ oder „Arbeitsspeicher“'

Grass wollte seine Autobiographie also nicht einfach plan zusammenstellend beenden, sondern auch literarisch Komplexeres schaffen. Zunächst wollte er autobiographisch die Grimms (da sah er Parallelen) als Folie für sich benutzen. Da ist vor allem die Sache mit dem Eid bei den „Göttinger Sieben“, zu denen beide Brüder gehörten, die dann vom König von Hannover entlassen wurden und nach Kassel ins Ausland gingen. Später wurden sie von Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin berufen. Inzwischen hatten sie von den Verlegern Karl Reiner und Salomon Hirzel den Auftrag erhalten, ein großes „Deutsches Wörterbuch“ zu erarbeiten. Es wurde in zweiunddreißig Bänden erst 1960 fertig, und es wurde zuletzt in beiden Teilen Deutschlands daran gearbeitet, auch dies für Grass ein wichtiger Punkt. Für ihn ist dieses Wörterbuch ein anderer Name für die deutsche Sprache. „Grimms Wörter“ klingt ja unüberhörbar an „Grimms Märchen“ an und meint also über deren „Wörterbuch“ unsere Sprache, in der ja auch diese für uns wichtigen Märchen geschrieben sind. Darauf bezieht sich der Untertitel „Eine Liebeserklärung“.

Grass wollte hier also zunächst eine vor allem politische autobiographische Rekapitulation, dann, gerade auch wegen jener Parallelen (durchaus ein wenig „Parallele Leben“) eine Biographie der Brüder Grimm, und er wollte dem Deutschen huldigen. Unter den Wörtern, wie sie sich alphabetisch ordnen, wollte er vor allem auch solche

in Erwägung ziehen, die nicht im „Grimm“ stehen oder wegen ihrer Neuheit nicht stehen können, so etwa, gleich beim A, ,Abwrackprämie' oder ,Arbeitsspeicher', und dies erlaubt es ihm nun wiederum, auf autobiographisch Politisches zu rekurrieren. Literarisch hatte Grass also die von ihm selbst gestellte Aufgabe, die drei Themen Autobiographie, Biographie der Grimms und deutsche Sprache sinn- und reizvoll ineinanderzuschieben, zu koordinieren. Denn das Abhandlungsmäßige, natürlich, wollte er vermeiden.

Manchmal fast schon im Fontane'schen Ton

Übrigens ist die Gleichsetzung einer Sprache mit ihren Wörtern sprachwissenschaftlich eine recht großzügige Geste, weil es ja auch noch die Grammatik gibt. Aber ganz fehl geht die Gleichsetzung dennoch nicht, denn Verschiedenheit der Sprache heißt für das Sprachbewusstsein zu Recht zunächst einmal Verschiedenheit der Wörter - Verschiedenheit nicht nur in ihren Lautformen, sondern auch - und dies ist weit interessanter - in ihren Inhalten. Und zu einem eigentlichen ,Lob der deutschern Sprache' setzt Grass vernünftigerweise gar nicht erst an, denn es ist ja wohl so, dass jedem literarischen Schriftsteller die eigene Sprache gefällt.

Im Ganzen gelingt es Grass in den neun Kapiteln seines Buchs, von denen die ersten sechs dem Alphabet folgen, das alles in der Tat reizvoll zusammenzubringen. Wieder bewähren sich (und im zugleich erschienenen Hörbuch gewiss noch mehr) der vitale Charme seines Redens, auch der seines munteren Assoziierens, seine Poeten-Bonhomie, der entspannte manchmal fast Fontane'sche Ton. Wer also nicht gerade eine spannende Geschichte erwartet, aber Freude an der Sprache hat und langsam genießend zu lesen vermag, wird schwerlich enttäuscht sein - vor allem, wenn er nicht ideologisch-politisch liest.

Jacob Grimm schuf etwas völlig Neues

Man sollte auch nicht kritisieren, dass sich Grass wiederholt. Natürlich kennen die professionellen Kritiker das Meiste längst, etwa die unglaubliche Geschichte, die sich vor vierzig Jahren in München mit Heinar Kipphardt zutrug. Aber die anderen Leser, an die sich das Buch doch eigentlich richtet, haben all dies weniger oder gar nicht präsent. Und dass der Autor jetzt, spät zurückblickend, das Bedürfnis hat, sich selbst zu rekapitulieren, sei ihm hier doch wohl zuzugestehen. Es entstand so ein gleichsam behagliches Buch. Oder genauer: das behagliche Buch ist nur immer mal wieder unbehaglich durchlöchert. „Eitelkeitseinbrüche“ gibt es schon. Ganz sicher ist Günter Grass kein demütiger Mensch. Aber wer, außer Fritz J. Raddatz, ist dies schon? Man muss übrigens auch gar nicht demütig sein. Bescheidenheit ist auch schon etwas.

Vor allem gibt uns Grass hier einen einfühlsamen Einblick in das bemerkenswerte Leben der beiden so eindrucksvollen Brüder. Eindrucksvoll ist jeder für sich selbst (Jacob ganz besonders), dann aber sind sie dies gerade als Brüder. Das biblische „Siehe, wie fein und lieblich ist's, dass Brüder einträchtig beieinander wohnen!“ gilt hier überaus wörtlich. Und Bettine von Arnim kommt gelegentlich hinzu: „Niemand entging ihrer Barmherzigkeit“ (so ein typischer Grass-Kommentar). Nach dem Tod des Bruders hielt Jacob seine wahrlich bewegende „Rede auf Wilhelm Grimm“, die der Steidl Verlag aus Anlass von „Grimms Wörtern“ zusammen mit jener „Über das Alter“ eigens wieder abgedruckt hat.

Was Jacob und sein Lebenswerk angeht, so fehlt bei Grass das Wichtigste. Er hat nämlich nicht nur die Germanistik, sondern die Sprachwissenschaft überhaupt begründet, aus bloßer Gelehrsamkeit zuvor machte er eine strenge Wissenschaft. Seine „Deutsche Grammatik“ (1819 bis 1837) ist die erste historische Grammatik einer Sprachfamilie, denn ,deutsch' heißt hier kühn selbstbewusst ,germanisch'. Und da ging es am wenigsten um ein „Regelwerk“, von dem Grass immer wieder redet. Jacob Grimm schuf etwas völlig Neues, durchaus vergleichbar dem, was vierzig Jahre später Darwin schuf, denn beide antworteten überzeugend auf zwei vergleichbare Fragen, die bis dahin beide letztlich noch immer durch biblischen Rekurs beantwortet wurden: Warum gibt es so viele Sprachen? Warum gibt es so viele Arten? Jacobs Name erstrahlte hell, in Deutschland ohnehin. Im Parlament der Paulskirche erhielt er in der Mitte der beiden Halbkreise direkt gegenüber dem Präsidenten einen herausgehobenen Ehrenplatz. Der englische Philologe Tom Shippey schrieb unlängst sichtlich kopfschüttelnd über die „äußerste Unmöglichkeit“ - „the utter impossibility“ - eines solchen Vorgangs in seinem Land.

Verschrien als Rechthaber, Besserwisser, Moralapostel

Wilhelm, der bessere Schreiber, bewährte sich, wie man weiß, vor allem bei der Sammlung und der Wiedergabe der Märchen. Er hat ihren Stil geprägt, der dann, wie alle, natürlich und eingestandenermaßen auch Grass geprägt hat. Da knüpft er an. Und er hätte gewiss auch einen historischen Roman über die Grimms schreiben können. Aber das wollte er zu Recht nun einmal nicht. Er wollte über sich reden und auch, weil das zu ihm gehört, über Deutschland. Er hat es übrigens auch kürzlich indirekt und mutig vor den erblassenden Mienen diplomatischer Vertreter in der Türkei getan, als er unter Berufung auf Deutschland die Türken aufforderte, sich endlich in der Armenien-Frage offen zu äußern.

Derlei ist nun einmal sein Ding. Im letzten Kapitel „Am Ziel“ beschreibt Günter Grass sich selbst so: „Verschrien als Rechthaber, Besserwisser, Moralapostel sehe ich mich, bespuckt und verhöhnt und missachtet, wie vormals der biblische Sündenbock, der belastet mit der Menschenkinder schuldhaftem Tun in die Wüste geschickt wurde, wo nicht gut predigen ist.“ Da bleibt einem nur die Frage: Ist das so?

Günter Grass: „Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung“. Steidl Verlag, Göttingen 2010. 368 S., geb., 29,80 Euro

Quelle: F.A.Z.
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