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Grégoire Bouillier: Ich über mich Diesen Dornröschen-Erweckungskuss der ganzen Welt

Stete Improvisation stärkt die Seele und die Kunst: Grégoire Bouilliers Lebensbericht „Ich über mich“ liest sich wie ein Krimi in eigener Sache.

© Nagel & Kimche Vergrößern

Leibniz schloss den Zufall aus, indem er erklärte, dass jede Monade eine Spezies für sich ist und durch die Gesamtheit ihrer Prädikate definiert wird. Alles, was demnach einem Menschen widerfährt, ist charakteristisch für ihn und gehört zu seinem Wesen.

Auch der autobiographische Roman Grégoire Bouilliers „Ich über mich“ handelt von untergründigen Gesetzen und Bedeutungen, die so scheinbar belanglose Dinge wie das Muster einer Bluse oder der Vokal in der letzten Silbe eines Namens für sein Leben haben. Ihr Einfluss auf ihn entfaltet sich in der Sprache. So setzt er die Tintenflecke, als die er das Blusenmuster einer ihn faszinierenden Frau identifiziert, in einen ursächlichen Zusammenhang zum Tintenfass, das er vier Jahre später im Streit mit ihr an die Wand wirft. Und eine gemeinsame Amerika-Reise ergibt für ihn erst Sinn, als ihn der Golf von Mexiko an eine Kindheitsepisode erinnert, in der es um einen Golfausflug ging, der nie stattfand. Dass er mit vierzig zu schreiben begann, erklärt er mit einer gefährlichen Infektion, derentwegen er als Kind in Quarantäne lag. Quarante, vierzig: „Ein Wort mit sieben Buchstaben zog also die Grenzen meiner Welt. Als mir klarwurde, dass Sprache mein Leben strukturierte, war ich niedergeschmettert.“ Bouilliers Kabbalistik des Ephemeren ist ein existentieller Strukturalismus, eine Landschaft der Wortriffs, radikal individuell und nur literarisch zu erkunden.

Zugang zu den Verdrängungen

Seit Sigmund Freud die sprachliche Struktur des Unbewussten entdeckte, wissen wir, dass sich der Mensch durch Wortverschiebungen, Metonymien und Metaphern Zugang zu seinen Verdrängungen ertrotzt. Bouillier entdeckt, dass die Psyche auch in libertinären Zeiten noch sprachliche Rätsel und Mythen generiert. Für ihn enthalten sie das schicksalhafte Muster seiner Existenz, seinen seelischen Gencode sozusagen. Dabei variiert er die These vom Todestrieb, der nach Freud alles Lebendige ins Anorganische zurückstreben lässt. Bei Bouillier gibt es eine Instanz, die an biographischen Schlüsselereignissen hängt und diese fortwährend repliziert. Gerade weil es dabei auf Namen und historische Details ankommt, hat er auf jede Retusche verzichtet. Sein entwaffnend offener Lebensbericht liest sich wie ein Krimi in eigener Sache.

Und obwohl er zur Generation Michel Houellebecqs gehört, könnten die Unterschiede nicht größer sein. Wie sein Kollege ist Bouillier Kind freizügiger Eltern, die sich gerne zu mehreren vergnügten und die die zum Gruppensex geladenen Gäste hinterher auf dem Wohnzimmersofa übernachten ließen. Doch im Gegensatz zu Houellebecq hat die Erfahrung Bouillier nicht zynisch gemacht. Eine Dame, die er schlafend auf der Couch entdeckt, zieht ihn so magisch an, dass er ihre Brüste entblößt: „Ich möchte mich zu ihr legen, sie soll mich in ihre Arme nehmen, mich küssen und sich von mir berühren lassen.“ Mit dieser Begegnung verbindet der Autor seine Vorliebe für das Dornröschen-Märchen: „Später küsste ich die Frauen, die mir begegneten, mit Leidenschaft und hoffte, sie endlich zu erwecken.“

Amoralischer Kinderblick

Wo Houellebecq sich für ein bitteres „Alles schon gesehen“ entscheidet, rettet Bouillier die Naivität des amoralischen Kinderblicks. Gerade aus seinen erotischen Grenzerfahrungen werden ganze Sinnsysteme generiert. Die Einladung zur Golfpartie stammt von der Mutter eines Schulfreunds, die er kurz zuvor im Bad am Bidet überrascht hat. Gebannt betrachtet er ihren nackten Rücken und das hohle Kreuz. Sie bemerkt ihn nicht und schlägt den Kindern kurz darauf gut gelaunt den Golfausflug vor: „Ich kann nicht ermessen, was ich diesem Lächeln verdanke. Es sagt mir, dass ich nicht schuldig bin, dass niemals alles verloren ist, dass das Dasein reine Freude ist und das Unvorhergesehene das einzig Lebensbejahende.“ Doch dann informiert die Großmutter ihre Tochter über den Voyeur, und die Reaktion ist vernichtend. Nicht nur wird der Ausflug abgesagt, jeder Kontakt des Helden mit der Familie bricht ab, und sie selbst siedelt kurz darauf auf einen anderen Kontinent über.

Bouillier trägt aus der Episode keinen Menschenhass davon, er gewinnt ihr eine private Utopie ab, die unter dem Stichwort „Golf“ archiviert ist. Was seinen Wortzauber so provokativ macht, ist, dass er ihn nicht den Triebinteressen des Unbewussten zurechnet, sondern eine Schicht tiefer in einer Realität ansiedelt, die jenseits von Zeit, Raum und Kausalität liegt. Die sprachlichen Entdeckungen, durch die er sich diesem Bereich nähert, sind nichts als Kontrastflüssigkeit für seine Lebensthemen. Daher gibt es noch eine andere Traditionslinie, die an Freud vorbei zu Bouillier führt. Sie läuft von den Jenaer Romantikern mit ihrer divinatorischen Kritik und der Suche nach einer Neuen Mythologie über die Surrealisten bis zu Walter Benjamins Opiumexperimenten.

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Veröffentlicht: 12.06.2010, 08:00 Uhr