Um ein Haar wäre eine der schockierendsten Gedichtsammlungen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht veröffentlicht worden. Der Wilmersdorfer Ein-Mann-Verleger Alfred Richard Meyer wollte das „wirre Manuskript“ schon wegwerfen, als ihm der angehängte Zyklus derart ins Auge stach, dass er „aufschrie“, wie es in seinen Erinnerungen heißt. Auf den paar Seiten, die dem Konvolut beigegeben waren, hatte der damals noch gänzlich unbekannte, knapp sechsundzwanzig Jahre alte Gottfried Benn die berüchtigten „Morgue“-Gedichte niedergeschrieben. Im März 1912 - das genaue Datum ist nicht mehr ermittelbar - erschienen die neun Gedichte in Meyers „Lyrischen Flugblättern“ mit einer Auflage von fünfhundert Stück zu je fünfzig Pfennig unter dem Titel „Morgue und andere Gedichte“. Hier kam einer, so der Verleger begeistert, nicht aus der Theorie, sondern aus den „Erlebnissen des ärztlichen Berufs“.
Der Praxisbezug war alles andere als harmlos, erzählten die Verse doch von den unappetitlichen, zum Teil buchstäblich kalten Seiten des Metiers. In Anlehnung an das berühmte Pariser Leichenschauhaus „La Morgue“ bedichtet Benn Begebenheiten aus einem eben solchen, in dem leblose Körper aufgeschlitzt und ausgenommen werden wie Vieh, aus der „Krebsbaracke“, in der hoffnungslose Fälle vor sich hin vegetieren, oder aus dem Geburtshaus, wo vor Schmerzen „kreissende“, kreischende Frauen ihre bläulichen, mit Exkrementen „gesalbten“ Neugeborenen zur Welt bringen.
Kalt waren nicht nur die Räume der Pathologie am Klinikum in Moabit, wo Benn bei einem Sektionskurs im Herbst 1911 Anschauungsmaterial bekommen hatte, sondern vor allem, so der Haupteinwand vieler bürgerlich-konservativer Rezensenten, sein Blick auf das menschliche Elend, das sich ihm bot. Pervers und zynisch seien die Gedichte, „von wildem Ekel und geilem Grauen erfüllt“, hieß es, nur zu ertragen mit einem „sehr steifen Grog“, und man überlasse diesen immerhin „interessanten“ Fall lieber „den Psychiatern“.
Der Zusammenstellung hätte Benn nie zugestimmt
Der furiosen Lyrik wird bis heute nicht ohne Vorbehalt begegnet: Als vor einem Jahr die Züge des Berliner Nahverkehrs im Auftrag der Gottfried-Benn-Gesellschaft mit ausgewählten Gedichten plakatiert werden sollten, wurde das Eröffnungsgedicht des „Morgue“-Zyklus „Kleine Aster“ von den Verkehrsbetrieben aussortiert. Offenbar wollte man mit Leichenschändung nichts zu tun haben: Das lyrische Ich hat statt Stift ein Skalpell zur Hand und wünscht keineswegs dem vor ihm liegenden „ersoffenen Bierfahrer“, sanft zu ruhen, sondern der titelgebenden „dunkelhellila Aster“, die er in den mit Holzwolle gefüllten Brustkorb steckt: „Trink Dich satt in Deiner Vase!“
Benn konnte sich im Frühjahr 1912 über die starke Wirkung der Gedichte nicht freuen, wie aus einem erst vor fünf Jahren aufgetauchten Brief hervorgeht (F.A.Z. vom 11. Januar 2007) - allerdings nicht, weil „ein paar Spießer, Familienväter, Oberfeldärzte u. ähnliche Kanaken aus ihrer Ruhe gestört“ wurden, sondern weil er, trotz durchaus auch positiver Kritik, dieser Zusammenstellung niemals zugestimmt hätte: Er fühlte sich von seinem Verleger „schamlos ausgenutzt“ und bedauerte die Veröffentlichung. Das alles rieche „nach Sensation“ und schmecke „nach Kino“.
Drastischer Ekel, heute wie gestern ein Faszinosum
Ins Kino haben es Benn-Texte noch nicht geschafft. Vielleicht sollte man die Mitte März bei Klett-Cotta erscheinende Jubiläumsausgabe einmal David Lynch zukommen lassen. Der optisch an der Erstausgabe orientierte Band ist mit düsteren, nach deren Entstehen in den sechziger Jahren ebenfalls skandalisierten Bildern von Georg Baselitz garniert. Unklar allerdings bleibt, ob Baselitz sich damit auf Benn beziehen wollte oder ob die Idee, die beiden nun als Duo infernale zusammenzuspannen, dem Verlag zu verdanken ist.
Manche Szene aus der „Morgue“ könnte es vom Ekelgrad jedenfalls durchaus mit der verfilmten Literaturgeschichte aufnehmen - man denke an die berühmte Angelszene aus dem „Blechtrommel“-Film, bei der ein Pferdekopf als Köcher für Aale dient. Aber der junge Benn war in dieser Hinsicht drastischer: Im Gedicht „Schöne Jugend“ beherbergt ein im Schilf gefundener Mädchenkörper eine Rattenfamilie, deren Junge in der zum Wirt degradierten Leiche eine „schöne Jugend“ verlebt hatten. Der anschließende Rattentod durch Ersäufen war „kurz und schön“.
Benns Verdruss über die effektheischerische Publikation hat jedenfalls endgültig die Legende destruiert, die besagte, dass der angehende Dichter bereits im Herbst 1911 auf Berliner Cabaret-Bühnen die Gedichte vorgetragen habe. Dass Benn damals anderes im Sinn gehabt haben dürfte, könnte auch der eigentliche Grund für deren Entstehung gewesen sein - und vielleicht eine Erklärung dafür, warum diese noch heute so lesenswert sind. Mit Ekligem und Anrüchigem allein kann man heute niemanden mehr hinterm Computer hervorlocken. Was also fasziniert uns noch heute an diesen Gedichten?
Der eigenen Rezeption Vorschub geleistet
Die „Morgue“-Gedichte berühren und verstören, weil sie von einer schwer aushaltbaren Spannung getragen sind, die Benn selbst als „suspendierten Tod“ bezeichnet hat. Der nur aufgeschobene Tod war nicht nur naturwissenschaftliche Gewissheit, der er im Anatomieunterricht begegnete, sondern hatte für Benn eine sehr persönliche Dimension: Das Dahinsiechen seiner krebskranken Mutter begleitete ihn beim Schreiben der Gedichte im Winterhalbjahr 1911/12. Dachte er an ihren bevorstehenden Tod, als er den Gang „durch die Krebsbaracke“ schilderte, in der man einer Sterbenden „erst noch ein Kind aus dem verkrebsten Schoß“ schnitt? Galt sein „Requiem“ auch ihrem Leib, der nun, „den Schädel auf, die Brust entzwei“, ein „allerletztes Mal“ „gebären“ sollte? Benns Mutter starb vierundfünfzigjährig, wenige Wochen nach Erscheinen der Gedichte 1912. Aus Rache, so deutete es Benn wenig später an, habe er die Gedichte geschrieben - aber an wem oder woran? Am Vater, der als Pastor den Sohn das angeblich von Gott gegebene Leid nicht lindern ließ? An der Medizin, die viel versprach, aber nichts ausrichten konnte? Vielleicht auch an der Ärztezunft, die mit dem Körper eines geliebten Menschen so pietätlos umsprang wie im Gedicht mit dem Ertrunkenen oder dem toten Mädchen? Oder gar an Gott, der all das zuließ?
Viel später erst liefert Benn poetologisch gut klingende Erklärungen, dass etwa die Gedichte damals in Moabit im Dämmerzustand wie von selbst „aufstiegen, sich heraufwarfen“, und leistete damit seiner jahrzehntelangen Rezeption als Rausch-Künstler Vorschub. Aber auch die Diagnose vom amoralischen, kalten Artisten, der sich mit zynischer Distanz das menschliche Leid vom Hals hielt, ist nur ein Teil der Wahrheit. Aufschluss gibt das eher unbekannte Gedicht „Mutter“, das ein Jahr später im Nachfolgeband „Söhne“ erschien. Darin ist von Rausch, Rache oder Kälte keine Spur, sondern nur von Schmerz und Trauer. Benn trägt den Verlust wie eine „Wunde“ auf der Stirn, „die sich nicht schließt“. Oft bemerke er das (Mutter-)Mal nicht einmal mehr, „nur manchmal plötzlich bin ich blind und spüre / Blut im Munde“. Im Sinne dieses „Mutter-Mals“ wird es Zeit, Benns “Morgue“-Gedichte gegen lange gültige Vorgaben zu lesen.