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: Gottes ungleiche Zwillinge

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Die entscheidende Frage stellt der Erzähler sich erst am Schluß: "Wie erklärt man die Köpfe, das Denken. Damit ist es wie mit der Liebe. Sie sind unmöglich zu erklären. Aber wer wären wir, wenn wir es nicht versuchten." Das Unmögliche erklären, das Entrückte von nahem betrachten und das Vereinzelte beispielhaft ...

          Die entscheidende Frage stellt der Erzähler sich erst am Schluß: "Wie erklärt man die Köpfe, das Denken. Damit ist es wie mit der Liebe. Sie sind unmöglich zu erklären. Aber wer wären wir, wenn wir es nicht versuchten." Das Unmögliche erklären, das Entrückte von nahem betrachten und das Vereinzelte beispielhaft machen: Darum geht es in Per Olov Enquists neuem Buch "Lewis Reise", das sich Roman nennt, aber eigentlich keiner ist. In einer gewagten, mitunter fulminanten Mischung aus theologischem Essay, journalistischer Recherche, zweifelndem Selbstgespräch und historischem Drama von Shakespearschen Ausmaßen schildert es die Geschichte von Lewi Pethrus, dem Gründer der schwedischen Pfingstbewegung, und seinem Gefährten im Glauben, dem Poeten Sven Lidman. Es ist eine schwierige, spannungsreiche und sonderbare Geschichte, die den Autor so gepackt hat, daß er sie über Jahre erforschte.

          Per Olov Enquist, einer der bedeutendsten europäischen Erzähler der Gegenwart, hat uns anhand der Verstrickungen, Motivationen und Lebensläufe seiner unterschiedlichen Protagonisten stets auch sein Land erklärt. Diesmal tut er es unumwundener denn je. Für sein Tableau Schwedens im zwanzigsten Jahrhundert hat er zwei ebenso ungewöhnliche wie fragwürdige Persönlichkeiten ausgesucht. Der Arbeiterjunge Lewi Pethrus stellt sich 1910 an die Spitze einer Erweckungsbewegung, die durch ihn zur Volksbewegung, zu einem geistlichen Imperium mit eigener Kirche, eigenen Zeitungen, später auch mit einem Radiosender und einer Bank wird. In der Tat: Will man die schwedische Gesellschaft verstehen, kann man vielleicht mit ihm anfangen. Doch wie alle einflußreichen Führer und Enquist-Figuren ist auch Lewi Pethrus nicht denkbar ohne ein Pendant, einen Gegenspieler, der zunächst sein Freund, dann sein Partner und schließlich zu seinem Herausforderer wird: der Dichter Sven Lidman, der 1921 der Pfingstgemeinde beitritt und durch seine Arbeit als Redakteur des "Evangelii Härold" rasch zur rhethorischen Geheimwaffe der Bewegung wird.

          "Lewis Reise" stellt die Summe aller Bücher dar, die Per Olov Enquist bisher geschrieben hat; die Bezüge etwa zu "Kapitän Nemos Bibliothek", dem "Fünften Winter des Magnetiseurs" und, vor allem, zum "Besuch des Leibarztes" sind aufschlußreich. Nun ist das Ganze nicht immer größer als die Summe seiner Teile. Möglich, daß dies das "kühnste" Buch Enquists ist, wie an anderer Stelle geschrieben wurde, mancher mag es auch für das stilistisch raffinierteste halten. Ganz gewiß ist es Enquists persönlichstes Werk. Denn der Ich-Erzähler im Hintergrund ist der Schriftsteller selbst, der sich nach dem Tod seiner Mutter mit den Ursprüngen ihres radikalen Pietismus auseinandersetzt und von dem Lebensbericht eines gewissen Efraim Markström, eines entfernten Verwandten, auf die Spur der Pfingstbewegung gesetzt wird. Diese Sekte, die innerhalb eines Jahrhunderts von einer Gruppierung zur Weltgemeinschaft anschwoll, hatte in Europa vor allem in Norwegen und Schweden Erfolg, anders als in Deutschland, wo das Thema denn auch etwas abseitig erscheint. Nicht umsonst hat der Verlag einen Beiband zu "Lewis Reise" herausgebracht, der beifällige Stimmen aus der skandinavischen Presse, eine Erklärung des Autors und eine Erläuterung zum Verständnis der Pfingstbewegung in Schweden versammelt.

          Enquist entwickelt das Panorama der religiösen Volksbewegung aus den Biographien von Lewi Pethrus und Sven Lidman, diesen ungleichen "Zwillingen Gottes", und ihres loyalen Gefolgsmanns Efraim Markström, der die Widersprüchlichkeiten der Bewegung schließlich am eigenen Leib erfährt. Doch während literarische Biographien geistlicher Führer sonst danach trachten, das Erfolgsgeheimnis zu lüften und zu deuten, bleibt "Lewis Reise" nüchtern - so nüchtern, daß sich der Reiz dieser Erweckungsbewegung, welche die Menschen zeitweilig zu Tausenden anzog, nie recht nachvollziehen läßt. Zwar beschreibt Enquist die Geisttaufe, das Zungenreden, die Ekstasen der Gemeinde, doch da der Erzähler selbst skeptisch bleibt, ist auch der Leser eher mild erstaunt als fasziniert. Das liegt nicht nur an der Ausführlichkeit, mit der Enquist einige Episoden schildert und über anderes hinweghuscht, sondern vor allem am Ton. "Lewi war, wie gesagt, ein anderer." Absatz. "Wer war er denn." Da steht kein Fragezeichen, da ist kein Drängen zu spüren, auch kein wirkliches Verlangen danach, diese Fragen, die den Text durchsetzen, tatsächlich zu beantworten. "Immer umfassenderes soziales Wirken. Es wuchs." Solche mal resümierenden, mal zweifelnden Einschübe sagen wenig aus - anders als Sätze wie dieser: "Die Schlangen wurden immer länger, und da wurden die Gebete kürzer."

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