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Glück ist ein heller Herrenschuh

Jazz im Sägewerk: Eine Novelle von Hansjörg Schertenleib

Vom Glück ist in diesem Buch viel die Rede, und manches davon klingt so, als stamme es aus einem der vielen optimistischen Ratgeber, die ihren Lesern ein Leben in ungetrübtem Rosarot versprechen. "Das Leben ist leicht. Schwer ist nur die Angst davor", verrät ein etwas kumpelhafter Erzähler, und weiter: "Man muß das Glück erkennen, wenn es einem begegnet." Dagegen läßt sich schwer etwas einwenden.

Muß man aber diese Novelle lesen, wenn sie einem begegnet? Es wäre nicht die schlechteste Idee für ein verregnetes Wochenende oder einen vor sich hin dümpelnden Urlaubstag. Denn Hansjörg Schertenleib hat in diesem schmalen Buch mehr zu bieten als aufdringliche Glücksmaximen. Mit leichter Hand zeichnet er das Porträt eines liebenswürdigen Lebenskünstlers. Ein regelrechter Hans im Glück scheint dieser This Studer zu sein: Als Jazztrompeter bekommt der Achtundvierzigjährige interessante Engagements, seit Jahren ist er glücklich mit der Töpferin Daniela verheiratet, die Pubertätsnöte der Tochter Anna vermögen das Familienglück nicht wirklich zu trüben, und sein alter Kumpel Henk in Amsterdam ist ein verrückter Kerl, aber zugleich ein verläßlicher und treuer Freund.

Mit ihm plaudert This beim Rauch einer Haschischpfeife entspannt von alten Zeiten; und mit ihm kann er ungeniert das tun, was gemeinhin als typische Frauensache gilt. Ein gemeinsamer Schuhkauf der beiden nicht mehr ganz jungen Freunde demonstriert die Befreiung von alten Rollenzwängen. Denn auch Männer, so bringt es uns Schertenleib nahe, haben Lieblingsschuhe, mögen es Mokassins oder grellbunte Turnschuhe sein. Als die beiden Freunde glücklich mit ihrem neuen, leuchtenden Schuhwerk an den Füßen durch Amsterdam bummeln, scheint die Welt für sie fraglos in Ordnung zu sein.

Das alles klingt unspektakulär. Tatsächlich hat sich Schertenleib mit diesem Buch weit von dem reißerischen Stil entfernt, der seine letzten Romane, etwa den antiklerikalen Thriller "Die Namenlosen" (2000), dominiert hat. Diesmal hat er einen spielerischen Ton gefunden, um von der unbeschwerten Reise seines Helden aus der Schweiz nach Amsterdam und ihrem unerwarteten Ende zu erzählen. Mit zarter Ironie schildert er die Erlebnisse seines glücklichen Jazztrompeters, die sich zu einem großen Dreiklang aus Liebe, Freundschaft und Musik zusammenfinden.

Doch so, wie sich jede Idylle von einem düsteren Hintergrund abhebt, gibt es auch im Leben von This Studer dunkle Momente. Ein zottiger Hund, dem er in den unbeschwerten Amsterdamer Tagen mehrfach begegnet, bringt ihm die Erinnerung an seine Kindheit zurück. Allmählich schieben sich im Erzählen zwei Zeitebenen übereinander, Freundliches und Bedrohliches treten in enge Nachbarschaft. Versöhnlich sind Studers Erinnerungen an seinen Großvater, der den Knaben im Büro seines Sägewerks mit den großen Namen des Jazz vertraut gemacht hat - ungetrübte Momente des Einverständnisses zwischen Jung und Alt entstehen in der Rückbesinnung.

Ambivalenter, also interessanter ist indes eine andere Kindheitserinnerung, die der Erzähler mit reichlich Symbolkraft versieht: Ein aggressiver Kettenhund auf einem Nachbarbauernhof wurde für den heranwachsenden Knaben zur faszinierenden Herausforderung, gleichermaßen gefürchtet und bewundert: "In seiner Erinnerung ist der Hund immer da: schwarz, schwer, mit mächtigem Schädel und tropfenden Lefzen." Auch ungeübte Novellenleser erkennen schnell den Zeichencharakter dieser Szene. In der Konfrontation mit dem wütenden Tier erlebt der Junge seine eigenen schwer kontrollierbaren Aggressionen, wird er aus Angst und Faszination selbst zum Angreifer, der den angeketteten Hund mit Steinwürfen traktiert.

Zugegeben, die Metaphorik könnte aus einem Leitfaden für kreatives Schreiben stammen: Schwarzes Tier meint dunkle Triebe. Dennoch gelingt es Schertenleib, immer wieder zurück zu dem heiteren Grundton seiner Sommererzählung zu finden, in der die Jazzkneipen Amsterdams zur Bühne für erfüllte Lebensmomente und unbeschwerte Begegnungen werden. Allerdings wird der Glückspilz This Studer die von Musik getränkte Metropole nicht mehr verlassen, weil er einem fremden Hund das Leben retten will und darüber sein eigenes verliert. Das aber, versichert uns der Erzähler, ist kein tragisches Ende, sondern nur eine neue Manifestation der großen Harmonie, in der sich sein trompetender Held seit langem bewegt: "Das Glück ist nicht blind. Blind sind die, die es nicht sehen können, die es nicht sehen wollen." Man mag es glauben oder nicht, an den liebenswerten This mit seinen bunten Turnschuhen aber wird man sich erinnern wie an einen fernen, heiteren Ferientag.

SABINE DOERING

Hansjörg Schertenleib: "Der Glückliche". Novelle. Aufbau Verlag, Berlin 2005. 134 S., geb., 16,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.09.2005, Nr. 224 / Seite 38

 
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Veröffentlicht: 26.09.2005, 12:00 Uhr