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: Glitzernder Kosmos

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In Klagenfurt fing das an, im Sommer vor neun Jahren. Thor Kunkel las die Geschichte des Fernsehtechnikers Anton Kuhlmann, genannt Kuhl. "Testbild . . . Eins Komma zwei Millionen winzige Phosphorsonnen, dahinter die Bildröhre . . . Ein Universum." Es war der Anfang seines ersten Romans "Das Schwarzlicht-Terrarium", ...

          In Klagenfurt fing das an, im Sommer vor neun Jahren. Thor Kunkel las die Geschichte des Fernsehtechnikers Anton Kuhlmann, genannt Kuhl. "Testbild . . . Eins Komma zwei Millionen winzige Phosphorsonnen, dahinter die Bildröhre . . . Ein Universum." Es war der Anfang seines ersten Romans "Das Schwarzlicht-Terrarium", er las mit leichtem hessischem Akzent die Geschichte von Kuhl, dem Mann aus dem sogenannten Kamerun, der Frankfurter Armutswüste im Westen des Gallus-Viertels, und die Geschichte seiner Freunde, gescheiterter Astronauten, Drogen-Laboranten, Waffenhändler, Traumlebewesen im Dreck, Versager alle nach den Maßstäben des bürgerlichen Lebens, mit einer klaren Sicht auf den Grund aller Dinge, zwischen Genialität und unendlicher Geistesschlichtheit. In der Kameruner Lebensphilosophie passte das mühelos zusammen.

          Kunkel errang mit dem Text den zweiten Preis, im Frühjahr darauf erschien das Buch bei Rowohlt, ein schönes südhessisches Versagerbuch, kurz darauf kam ein zweites Buch, der Kriminalroman "Ein Brief an Hanny Porter", und das dritte kündigte der Verlag für das Frühjahr 2004 in seinem Katalog mit den Worten an: "In seinem packenden, minutiös recherchierten Porträt der morbiden Nazi-Gesellschaft vernetzt der Autor Geschichte und Sexualität, Wissenschaft und Okkultismus und schildert den Untergang des ,Dritten Reichs' als furioses Ende der ,technisch überlegenen' Welt von einst." Doch kurz vor Erscheinen wollte der Verlag von der Ankündigung nichts mehr wissen, das Buch durfte bei Rowohlt nicht erscheinen, ohne Angabe von Gründen zunächst, später ließ der Verleger Alexander Fest einem "Spiegel"-Reporter gegenüber doch politische Bedenken durchblicken und nannte Kunkel die "Wiedergeburt Parsifals als rechten Schläger".

          Der geplante Titel des Buches war "Endstufe", die Protagonisten waren Vorläufer der späteren Kameruner Drogenlaboranten. Konstruktion und Perspektive waren dem in diesem Jahr auf Deutsch erschienenen Roman "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell nicht unähnlich. Kunkels Helden sind skrupellose Genuss-Sucher, die im SS-Hygiene-Institut arbeiten, mit einer halbgeheimen Porno-Industrie für die Regierung Rohstoffe tauschen und für sich selbst ein gesinnungsfreies und genussfreudiges Leben erfilmen, im untergehenden Nazi-Horror-Reich. Nazi - Porno - Buchverbot - das ist der Dreiklang, aus dem Skandale sind.

          In dieser Zeitung erschien damals der erste Text über den Vorgang. Ich hatte das Manuskript gelesen, fand es interessant, ungewöhnlich, gut geschrieben, bedauerte, dass es bei Rowohlt nicht erscheinen durfte, und wies darauf hin, dass dieses Nicht-Erscheinen kein Skandal sei, sondern dass es das selbstverständliche Recht und die Pflicht jedes Verlegers sei, nur die Bücher zu veröffentlichen, die er selbst verantworten kann und will. Das Buch erschien dann in Windeseile und ohne Zeit für ein richtiges Lektorat im Eichborn-Verlag, und die Welle der Empörung, die über diesem Werk zusammenschlug, war so einhellig, schrill und fassungslos, wie man das nur selten erlebt: Naiv, dumm, revanchistisch, antisemitisch, geschmacklos, stillos, schlecht geschrieben, rechtsradikal - das war der Tenor. Und auch wenn der Autor selbst seither in Äußerungen im Internet, in einem Interview in der rechten "Jungen Freiheit" und in persönlichen Zuschriften und Drohungen alles dafür getan hat, um seinen Kritikern von damals im Nachhinein recht zu geben, bin ich mir meines eigenen Urteils von damals nach wie vor sicher.

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