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Giovanni Boccaccio: Liebesgeschichten aus dem Decameron : Was hat es mit der Bewegung der Sterne unter dem Wortgeröll auf sich?

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag C.H. Beck

Die Liebe eignet sich durchaus als Thema einer famosen Romanistenschlacht: Kurt Flaschs gewagte Auswahl aus dem „Decameron“ erklärt Boccaccio zum Aufklärer avant la lettre.

          Dante hat den Italienern die große poetische Form geschenkt, Petrarca die neuzeitliche Lyrik in Europa begründet, Boccaccio die Novelle zur Kunstform erhoben. Das „Decameron“ des Letzteren, sein Zehntagewerk (in geistreicher Anspielung an das Hexaemeron, das Sechstagewerk Gottes, das am Anfang der Genesis steht), besteht aus hundert an zehn Tagen erzählten Novellen und bringt sich damit zugleich unübersehbar in die Nähe von Dantes „Commedia“ mit ihren hundert Gesängen.

          Aus dieser Novellengesamtheit, die sich eine vornehme Gesellschaft junger Damen und Herren erzählt, nachdem sie bei einem zufälligen Zusammentreffen in Florenz beschlossen haben, für kurze Zeit den Schrecken der in der Stadt wütenden Pest zu entfliehen, hat Kurt Flasch elf Novellen ausgesucht, die er nach eigenen Gesichtspunkten neu anordnet. Flasch ist ein leidenschaftlicher Liebhaber Boccaccios, das macht ihn, wie es leidenschaftlichen Liebhabern zu widerfahren pflegt, sehend und blind zugleich. Die von ihm gewählten Texte gehören bis auf den letzten nicht zu denen, die als exemplarische Novellen Boccaccios gelten. Sie sind vielmehr ein Konzentrat von Boccaccios avanciertesten Positionen der Kritik an Klerus und Kirche einerseits und der Verteidigung weiblicher Selbstbestimmung vor allem in erotischer Hinsicht andererseits, wenngleich es auch an weiblicher Leichtgläubigkeit nicht fehlt, die den lüsternen Klerikern ihre Schandtaten allzu leicht macht.

          Ein einseitiges Bild

          Boccaccios unvergleichliche Erzählkunst in der eleganten Diktion einer vornehmen Florentiner jeunesse dorée interessiert Flasch ebenso wenig wie die erzählerischen Innovationen vor dem Hintergrund mittelalterlicher Erzähltraditionen und -formen. Er sieht in Boccaccio den Wortführer einer emanzipativen Bewegung. Seine Auswahl dient der Schärfung von Boccaccios ideologischem Profil als Ankläger kirchlicher Heuchelei und Sittenlosigkeit und als bedingungslosem Verfechter einer noch utopischen weiblichen Selbstbestimmung. Flaschs Übersetzungsduktus, der oft in eine Drastik des Ausdrucks verfällt, die man in der urbanen Sprache der Erzählerinnen und Erzähler des „Decameron“ vergeblich sucht, steht ganz im Dienste seines polemisch zugespitzten Bilds eines von der Bocaccio-Forschung übersehenen Aufklärers avant la lettre, dem mehr an Belehrung als an Erzählkunst gelegen ist.

          Nicht zufällig wird mehr als die Hälfte der ausgewählten Novellen von Dioneo erzählt, der in der Gesellschaft die Rolle der lustigen Person und des Provokateurs spielt. Ist Dioneo insgeheim das Sprachrohr Boccaccios oder nicht vielmehr doch eher die Gegenstimme einer ihm gewährten Erzähllizenz, die es ihm erlaubt, immer wieder über die Stränge zu schlagen? Bis auf eine Ausnahme ist Dioneo nämlich jeweils der letzte Erzähler des Tages, der das Recht hat, den Tag geistreich-frech zu beschließen. Leider schießt Flasch mit seinem stellenweise – gewollt? – ärgerlichen Nachwort über sein Ziel hinaus. Ist die still alle Grausamkeiten ihres verhaltensgestörten Ehemanns erduldende Griselda, in Flaschs Sprache die „Heroin“ der letzten und rätselvollsten, abermals von Dioneo erzählten Novelle, der die Bemühung um Boccaccio immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat, wirklich „ein eindrucksvolles Dokument der Aristoteles-Rezeption“, ja ist sie gar die Verkörperung jener stoischen Selbstbeherrschung, die nach Flasch die „Tugend der großen Staatsgründer – allesamt Männer“ – war? Flasch ist überzeugt: „Boccaccio eignet einem Bauernmädchen das höchste Männerideal der Antike zu.“ Ja, er glaubt, hier als Erster den wahren Schlüssel zum Verständnis von Boccaccios Auffassung der Liebe gefunden zu haben. Aber ist nicht gerade die Griselda-Erzählung das Beispiel einer „sich ereigneten ungeheuren Begebenheit“, wie Goethe im Gespräch mit Eckermann das Prinzip der Novelle charakterisiert hat?

          Die Angriffe sind unsachlich

          Als wahrer Liebhaber verabscheut Flasch die lästigen Nebenbuhler. Die deutschen Romanisten hätten zur Zeit des „Dritten Reichs“ Boccaccio aus Feigheit nur unter dem Tisch gelesen. Das ist frei erfunden, der Verweis auf Frank-Rutger Hausmann, die Autorität in romanistischer Fachgeschichte, ist irreführend, bei diesem findet sich dazu kein Wort. Später hätte die deutsche Boccaccio-Forschung ihre Zeit mit der vergeblichen Suche nach dem „Wesen“ der Novelle verschwendet. Aber die Arbeiten von Neuschäfer, Wehle oder Brockmeier, der gerade eine neue vollständige Übersetzung des „Decameron“ mit klugen Kommentar vorgelegt hat, belegen das genaue Gegenteil: nicht Wesensgeschwafel, sondern historisch, ästhetisch und soziologisch differenzierte hochkompetente Annäherungen.

          Boccaccio, schreibt Flasch mit Emphase, habe erstmals die Liebe als großes Thema den Klerikern entrissen: „Die Liebe in ihrem ganzen Umfang von der sexuellen Regung bis zur Bewegung der Sterne unter dem Wortgeröll der Kleriker hervorzuholen, das war von 1300 bis 1350 die Aufgabe.“ Doch es gab vor Boccaccio nicht nur das „Wortgeröll der Kleriker“, sondern auch die große Liebesdichtung der Provenzalen, den höfischen Roman von Chrétien des Troyes im Zeichen einer Courtoisie, die das Ideal einer vollkommenen kommunikativen Symmetrie zwischen Ritter und Dame war, und nicht zuletzt die Liebeserzählungen der großen Dichterin am englischen Hof, Marie de France.

          Doch wie dem auch sei, auf alle Fälle kommt Kurt Flasch das Verdienst zu, einen Aspekt von Boccaccios Novellen in helles, wenn auch manchmal überhelles Licht gestellt zu haben, der in der Rezeption seiner Dichtung oft eine allzu marginale Rolle spielt.

          Giovanni Boccaccio: „Liebesgeschichten aus dem Decameron“. Aus dem Italienischen und mit einem Nachwort von Kurt Flasch. Verlag C.H. Beck, München 2013. 160 S., br., 16,95 €.

          Quelle: F.A.Z.

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