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Veröffentlicht: 01.03.2016, 22:26 Uhr

Mafia-Roman „Schwarze Seelen“ Wo selbst die Sprache keine Zukunft kennt

Tief im Süden wohnen die verlorenen Seelen: Eine Begegnung mit Gioacchino Criaco, dessen Roman über drei Schwerverbrecher aus einem kalabrischen Dorf auch zu einem Film wurde.

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© AP Es zählte nur, dem Leid der Heimat zu entkommen: Das Städtchen San Luca, eine Hochburg des organisierten Verbrechens.

Drei unzertrennliche Jugendfreunde werden Mörder und international agierende Rauschgifthändler in Mailand; nicht zuletzt, weil diese Abkömmlinge von Ziegenhirten ihr kalabrisches Heimatdorf in den Bergen des Aspromonte, das alte Africo, verloren und damit ihren Kompass von Recht und Ordnung. Ausgetrickst von „Mächtigen“, bei denen man nicht zwischen den „Reichen“, den Politikern, willfährigen Richtern und den Mafiosi der „’ndrangheta“ unterscheiden kann, nehmen die drei Entwurzelten das Recht in ihre Hand. Sie werden mit ihrem Hunger nach Leben und Reichtum zu „schwarzen Seelen“, die in ihr Heimweh-Africo nur noch zurückkehren, um die Trauer über ihre verlorene Unschuld zu pflegen oder um entführte Geiseln, Waffen und sich selbst zu verstecken.

Jörg Bremer Folgen:

So recht weiß man freilich zunächst nicht, ob man dem Romanautor Gioacchino Criaco trauen kann. Er stammt zwar aus diesem dunklen Italien, auch wenn er als Anwalt in Mailand eine solide Karriere machte; und sein Bruder sitzt wie viele ihm einst Vertraute in Haft. Auch scheint Criaco durchlebt zu haben, wovon er schreibt. Andererseits leben die Menschen des Aspromonte eher von frei erzählten Geschichten als vom geschriebenen Wort; und das kalabrische Italienisch hat eine andere Grammatik als die Hochsprache. In diesem Dialekt – so auch im kommende Woche auf Deutsch erscheinenden Buch – geht die Gegenwart unvermittelt ins Imperfekt über. Und es gibt kein Futur, Zukunft scheidet aus.

Der Zementpracht fehlen die Dächer

Aber das alte Africo gibt es tatsächlich. Allerdings haben Brombeeren das einst neuntausend Seelen zählende Bergdorf fast verschluckt, das sich wie andere Orte im Süden Kalabriens nach einem Wind nennt, hier nach einem aus Afrika. Gebirgsbäche unterspülten die alten Kopfsteingassen. Die Häuser zieren nur noch Tür- und Fensterhöhlen. In diesen Ruinen liegt der Mist von Ziegen und Schafen, die dort im Sommer Schutz vor Sonne suchen. In den himmelweit offenen Restgebälken konzertieren die Spatzen.

38854501 © Ubaldo Franco Vergrößern Darf man diesem Erzähler trauen? Gioacchino Criaco schreibt über die Dörfer seiner Jugend.

In den zwanziger Jahren, als wohl noch zweitausend Menschen in Africo lebten, hatte ein Graf mit den Geldern seiner Freunde eine Schule gebaut, einen Kindergarten und eine Krankenstation. Aber auch auf dieser Pracht von Zement fehlen heute die Dächer. Die Natur holte sich diese jüngeren Häuser genauso zurück wie Africos Kirche, wo das Wappen eines Kardinals über dem gähnend offenen Eingang daran erinnert, dass hier einst das Land jener Mönche war, die der griechische Kirchenvater Basilius und seine Nachfolger vor tausend Jahren übers Meer geschickt hatten, um den Menschen beizubringen, dass die Mutter Aspromonte ihre Schützlinge ernähren kann.

Man isst hier bestenfalls Stockfisch

Der Einsiedlermönch in der Gegend von Africo hieß Leo und liegt auf dem Friedhof vor dem Ort begraben. Er brachte den Bergbewohnern das Ackern und Säen, das Ernten und Bauen bei. „Großmutter trug noch Kleider aus selbsthergestellten Stoffen“, erzählt Criaco, „und Großvater baute sich noch seinen eigenen Ofen für das Zubereiten von Fleisch und Brot.“

Criaco wird nicht müde, über diese „Mutter“ Aspromonte – im Gegensatz zum strengen „Vater Ätna“ auf Sizilien – zu sprechen, über jenes Waldgebirge, das bis über tausend Meter hinauf Nahrung geben kann: Dabei zeigt Criaco auf alte Oliven-, Bergamotte- und Birnbäume, macht längst verwilderte Weinranken aus, erzählt davon, dass die Kastanien für die Menschen und die Eicheln fürs Vieh gewesen seien. Dann weist er auf abgewrackte Ställe, in denen Ziegen, Schafe und Kühe gehalten wurden; in den Senken Weideland, überall Holz von Eichen und Pappeln. Nur für das Salz musste man hinab ans gefürchtete Meer. Für frischen Fisch? Bestenfalls Stockfisch hat man in Africo gegessen, sagt Criaco, an frischer Scholle hätte man sich wohl vergiftet.

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