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1 Buch, 1 Satz zu Molinari : Inselexistenz ohne Werkzeugkasten

Bild: FAZ.NET

Eine Erzählerin von stoischem Naturell, die nirgends eine Heimat findet: Gianna Molinaris Roman „Hier ist noch alles möglich“ verstört und betört.

          Durch diesen Roman streunt ein Wolf. Das hatten wir jüngst schon einmal in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (bei Roland Schimmelpfennig), und wenn wir die Füchse noch dazunähmen (in den jüngsten Büchern von Saša Stanišić, Nis-Momme Stockmann, Mareike Krügel, Lutz Seiler, Annika Scheffel), könnten wir mit Fug eine veritable Raubtierinvasion ins einheimische Erzählen konstatieren – und damit eine textimmanente Verunsicherung. Allerdings ist der Wolf in Gianna Molinaris „Hier ist noch alles möglich“ eher Schimäre als Chiffre. Ob es ihn wirklich gibt, muss offenbleiben. Aber auf dem kurz vor der Schließung stehenden Werksgelände einer Verpackungsfabrik sind die Überwachungskameras eifrig auf der Suche nach ihm. Und da sich wilde Tiere nicht an Regelarbeitszeiten halten, wird eine junge Frau, die früher als Bibliothekarin tätig war, als Nachtwächterin eingestellt, die sich mit einem Kollegen namens Clemens schichtweise abwechselt, um lückenlose Überwachung zu gewährleisten. Warum sich der Chef allerdings mehr Gedanken um den Wolf als um die Pleite macht, ist eines jener schönen Paradoxa, von denen die Psychologie seit jeher lebt. Und die Literatur sowieso.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Gianna Molinari ist Schweizerin, gerade dreißig Jahre alt und beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2017 mit dem 3Sat-Preis nach Hause gefahren. Gelesen hatte sie damals einen Auszug aus diesem Roman. Die Ich-Erzählerin, deren Name nie genannt wird, verschreibt sich darin mit Haut und Haaren ihrer neuen Tätigkeit. Sie zieht aufs Fabrikgelände, ihre Kontakte beschränken sich fortan auf das noch verbliebene, sehr überschaubare Personal. Die ihr so verbleibende Welt ist schnell umrissen: „Da sind die Fabrik, die Gebäude, meine Halle und die Wände in der Halle, die abgebröckelten Stellen daran, mein Bett, das Buch Canis Lupus, das Universal-General-Lexikon und weitere Bücher, der Stuhl, meine Kleider, das Waschbecken, das Glas, meine Zahnbürste darin, der Spiegel, der Tisch, die Blätter auf dem Tisch, die Blätter am Boden, der Kopierer, die Fenster, die Aussicht aus dem Fenster, der Koch, der Chef, Lose, Clemens, kein Wolf.“

          So lapidar, wie diese Passage klingt, ist das ganze Buch geschrieben. Exaltierte Figuren sind Molinaris Sache nicht, Gefühlsausbrüche darf man also nicht erwarten, es gibt keine Liebesgeschichten. Es ist auch kein Abenteuerroman: Die Ich-Erzählerin und Clemens heben zwar eine Fallgrube für den Wolf aus, deren Wände einzustürzen drohen, doch als das Ereignis eintritt, ist es ebenso unspektakulär wie die ganze Handlung. Warum ist „Hier ist noch alles möglich“ trotzdem ein begeisternder Roman?

          Weil er eine Psychostudie in mehrfacher Hinsicht ist. Die Ich-Erzählerin hat zwar eine Vergangenheit, aber die ist rein beruflich bestimmt. Ihre Persönlichkeit ergibt sich allein aus dem, was sie über ihr Inneres preisgibt, und das ist nicht viel. Man kann dennoch von einem pathologischen Fall sprechen, denn als sie in der Fabrik einzieht, stellt sie fest, dass sie „Teil einer Geschichte sein will oder vieler Geschichten zugleich“. Dafür hat sie die alte Sicherheit über Bord geworfen, den Ausstieg aus der gutbürgerlichen Existenz gesucht. Aber im Gepäck hat sie die noch, vor allem in Form der Bücher, etwa des erwähnten Universal-General-Lexikons – ein wunderbarer Pleonasmus –, das sie um Stichworte ergänzt, die dort keine Aufnahme fanden, aber für die Erzählerin von elementarer Bedeutung sind: „Wolf“ natürlich oder „Fabrik“. Aber auch „Clemens“ – nicht etwa aus amouröser Faszination, sondern weil er fester Bestandteil ihrer Welt geworden ist. Und diese Nachtwächterin zeichnet, wenn ihr Dinge unerklärlich werden; ihre Zeichnungen wiederum sind Bestandteil der Handlung. Kleine Fotostrecken gibt es auch noch: erst Aufnahmen aus Untersicht von wildwüchsigen Randstreifen entlang einer Mauer, später dann Blicke in einen wolkenreichen, aber unfokussierten Himmel. Es sind jeweils Abbilder der Ich-Perspektive, die man als Leser bald schon so ungreifbar findet wie die Nachtwächterin den Wolf. Und doch halten beide Objekte der Beobachtung erst das jeweilige Interesse wach.

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