01.08.2008 · Ingo Schulze, Chronist der Vor- und Nachwendezeit, veröffentlicht nächste Woche seinen neuen Roman „Adam und Evelyn“. Im F.A.Z.-Gespräch fällt sein Fazit fast zwanzig Jahre nach dem Mauerfall eher düster aus: „Auch die alte Bundesrepublik war gerechter.“
Ingo Schulze, Chronist der Vor- und Nachwendezeit, veröffentlicht nächste Woche seinen neuen Roman „Adam und Evelyn“. Sein Fazit fast zwanzig Jahre nach dem Mauerfall fällt eher düster aus: „Auch die alte Bundesrepublik war gerechter.“
Ihr neues Buch erzählt von den letzten Monaten der DDR, aber Sie fangen bei Adam und Eva an. Warum diese Namen, und warum wollten Sie eine Liebesgeschichte erzählen?
Im Spätsommer 1989 entsteht unerwarteterweise eine Wahlsituation, die es so vorher nicht gab und die bald darauf auch wieder verschwindet, weil der Osten verschwindet. An dieser Stelle bricht viel auf, alle Selbstverständlichkeiten werden in Frage gestellt, nicht nur die des Ostens. Gehen oder Zurückgehen? Oder versucht man, die Wahlsituation zu erhalten, also den Urlaub zu verlängern? Für mich gibt es da Entsprechungen zu der Ursituation, wie wir sie aus dem Sündenfall kennen. Dort dreht es sich auch darum, ob man im zeitlosen Status quo verbleibt oder seiner Neugier, seiner Sehnsucht und den Versprechungen folgt und etwas riskiert. Eva und Adam war wohl klar, dass es um Verlust und Gewinn gleichzeitig geht. Schon damals fand das entscheidende Ereignis als Liebesgeschichte, als Beziehungskonflikt statt. Indem ich unsere Welt zu den alten Geschichten in Beziehung setze, messe ich eigene Erfahrung an Menschheitserfahrung.
Bereits der Titel Ihres Buches spielt auf die Schöpfungsgeschichte an, und auch im Verlauf des Romans wecken Sie immer wieder Assoziationen an die Vertreibung aus dem Paradies. Aus welchem Paradies werden die beiden eigentlich vertrieben? Und worin liegt in Ihrer Geschichte der Sündenfall?
Paradies und Sündenfall, Verlockung und ewiges Leben sind vor allem Kriterien, die praktisch in jedem Kapitel eine Rolle spielen. Und sie werden stets anders gedeutet. Man könnte es Flucht aus dem Paradies oder Flucht in das Paradies nennen. Zu bleiben oder zu gehen kann gleichermaßen sündhaft werden. War man im Osten glücklicher als im Westen, oder ist man im Westen glücklicher als im Osten? Wo lebe ich besser und länger?
Die DDR steht vor dem Zusammenbruch, aber Ihr Paar interessiert sich fast nur für sein Privatleben. Sind Adam und Evelyn typisch für die Endphase der DDR?
Wo sonst, wenn nicht im Alltag, spürte man, dass etwas passiert oder passieren muss? So ist es ja auch heute. Die Krise, in die Adam und Evelyn geraten, wäre ein halbes Jahr früher oder später ganz anders verlaufen. Evelyn hat plötzlich die Möglichkeit, nicht nur Adam, sondern ein ganzes Land hinter sich zu lassen. Das gesamte Koordinatensystem ändert sich von heute auf morgen. Wer das einmal miterlebt hat, bringt wahrscheinlich auch heute eher Distanz zu dem auf, was als selbstverständlich oder gar als natürlich gilt. An dem, was plötzlich in einer Beziehung wichtig wird, kann man ja Rückschlüsse auf die Verhältnisse ziehen. Adam und Evelyn haben eigentlich nie wirklich über Geld nachgedacht, jedenfalls spielt es bei der Berufswahl keine Rolle. Ich selbst habe im Frühjahr 1990 auch zum ersten Mal wirklich über Geld nachgedacht. Dadurch ist man auch anfälliger für Extreme, sei es die Gier oder die Verweigerung, aber das erzählt über den Westen mindestens genau so viel wie über den Osten.
Adam ist Damenschneider, Hobbyfotograf und Frauenheld. Aber vor allem ist er jemand, der sich perfekt mit den Verhältnissen arrangiert hat; er ist zufrieden mit seinem Leben. Wollten Sie das zeigen: ein stilles Glück in der Nische der Anpassung und dessen abruptes Ende?
Es sind ja verschiedene Figuren mit meistens gegensätzlichen Ansichten, die in diesem Roman aufeinandertreffen. Man muss sie zusammen sehen, sonst verliert das Buch sein Gleichgewicht. Adam glaubt, die DDR gar nicht mehr ernst zu nehmen. Er geht nicht zur Wahl, er macht, was er will, er hat sich durch die Qualität seiner Schneiderarbeit in einem gewissen Rahmen unangreifbar gemacht. Für mich war es interessant herauszufinden, wie sich in den knapp vier Monaten, die dieses Buch umfasst, die Figuren ändern, wo und wie sie an Souveränität gewinnen oder verlieren oder wiedergewinnen. Für die einen ist es eine Befreiung, für Adam zumindest vorerst der Verlust seiner Welt. Man hat die Möglichkeit, in dieser Zeit sehr verdichtet den Wechsel der Abhängigkeiten zu studieren, Abhängigkeiten, die gerade jemandem, der nur im Westen aufgewachsen ist, oftmals gar nicht bewusst werden.
Sie haben sich von Büchern und Filmen anregen lassen, darunter Hermann Zschoches „Und nächstes Jahr am Balaton“, ein Road Movie der DDR. Welche Rolle spielt der Film für Ihr Buch? Verkörpert er das damalige Lebensgefühl Ihrer Generation?
Ja, ich denke schon. Allerdings habe ich diesen Film damals verpasst und erst jetzt gesehen, und da sind mir fast die Augen rausgefallen, weil ich dachte: Was, das war damals möglich? So hart wie in diesem Film wurde sonst kaum das Eingeschlossensein zum Thema gemacht. Schönerweise taucht der Balaton, der Plattensee, hier niemals auf, er wird nicht mal erwähnt. Man wusste im Osten aber: Die Holländerin und ihr Ostfreund Jonny treffen sich wahrscheinlich nächstes Jahr am Balaton. Der war Ost-West-Treff. Uhren spielen in diesem Film eine große Rolle, von heute aus gesehen, nahezu prophetisch.
Zschoches Film erzählte 1980 von der Sehnsucht nach Freiheit, die an den Grenzen der sozialistischen Staaten ihr Ende findet. In Ihrem Buch ist davon nicht viel zu spüren. Ist die Sehnsucht nach der Freiheit süßer als die Freiheit selbst?
Aber von der Sehnsucht ist viel die Rede. Katja und Evelyn steigern sich im Gespräch in die Behauptung hinein, man habe sogar die Pflicht, in den Westen zu gehen, man wisse doch noch gar nicht, was Leben bedeutet. Natürlich erlebt man diese Sehnsucht und die Flucht und die Ankunft erst einmal euphorischer als das Leben im Auffanglager, die Suche nach Arbeit, den Ämterkram, die Befragungen oder die Verwandtschaft, denen man nach acht Wochen immer noch das Gästeklo blockiert. Bei allen Schwierigkeiten, die die Ostdeutschen damals hatten, waren sie aber auch Flüchtlinge in der Luxus-Klasse, ihnen wurden Hilfe und Aufmerksamkeit zuteil, wie es das heute für Flüchtlinge nicht mehr gibt.
Im nächsten Jahr jährt sich der Mauerfall zum zwanzigsten Mal. Wenn man Ihren Roman liest, fällt die Bilanz zur Wiedervereinigung eher mager aus: Ist Adam nicht der typische Verlierer der deutschen Einheit, ein Mann, der sich entwertet fühlt, überflüssig und mit den neuen Verhältnissen nicht zurechtkommt?
Vielleicht unterschätzen Sie da Adam und übersehen auch die anderen, also Evelyn und Katja, die sich ja endlich ihren Traum vom Studium erfüllen können. Interessanter als den West-Ost-Vergleich finde ich die Fragestellung: Wie hat sich der Westen durch den Kollaps des Ostblocks entwickelt? Mein Buch spielt auch auf die Hoffnungen an, die es damals gab, die große Befreiung, dass die hochgerüsteten Systeme sich nicht mehr feindlich gegenüberstehen. Damals hätte es vielleicht die Chance gegeben abzurüsten. Gemessen an den Hoffnungen und Möglichkeiten, die damals bestanden, eine wirklich andere Welt zu schaffen, fällt die Bilanz tatsächlich mehr als mager aus.
Wo Katja und Evelyn Chancen sehen, fürchtet Adam Verluste. Es ist oft gesagt worden, dass viele Frauen den Abschied von der DDR besser verkraftet haben als ihre Männer. Könnte es dafür auch DDR-spezifische Gründe geben?
Generell, das ist auch meine Erfahrung, haben Frauen den Weltenwechsel besser verkraftet. Nicht ganz umsonst beginnt das Buch bei Adam, schraubt sich dann beinah drehbuchartig aus ihm heraus und endet bei Evelyn. Mir scheint, dass gerade Männer mit den wiederkehrenden Rollenbildern größere Schwierigkeiten bekamen. Der Mann als Ernährer der Familie – so hat man im Osten nicht gedacht. Aber plötzlich spielte das wieder eine Rolle. Andererseits war auch die Emanzipation im Osten anders. Ökonomische Unabhängigkeit war eigentlich die Regel. Und wenn das wegbrach, gab es immer noch die Familie – oder man suchte sich einen neuen Mann, einen, der Sicherheit versprach. Für Männer war das schwieriger.
„Adam und Evelyn“ ist ein Buch über die seltsame Zwischenphase, in der weder Abschied noch Neubeginn deutlich zu erkennen sind. Aber eine Konstante ist doch immer da. Wie ein Schatten, der kommt und geht und den Ihre Figuren sich manchmal auch nur einbilden, lassen Sie die Stasi durch den Roman wandern. Am Ende begreift man, dieser Schatten wird sich so schnell nicht abschütteln lassen. Dennoch liegt keine Bitterkeit, auch keine Schärfe in Ihrem Buch. Wie kommt das?
Sobald der Hintergrund ein ostdeutscher ist, scheint es mindestens eine Figur geben zu müssen, die als Spitzel oder Mitarbeiter der Staatssicherheit entlarvt wird. Zur Wahrheit gehört, dass Adam sagt, so, wie mich der BND in die Mangel genommen hat, so hat mich im Osten niemand befragt. Evelyn widerspricht ihm. Verschiedene Erfahrungen lassen sich immer schwer diskutieren, aber in der Literatur gibt es die Möglichkeit, sie in eine Balance zu bringen. Bittere Erfahrungen beschränken sich ja nicht auf die Zeit der DDR.
Wer die Linke als SED-Nachfolgepartei begreift, könnte den Eindruck haben, das Erbe der DDR habe nie zuvor in den letzten zwanzig Jahren eine größere Rolle gespielt als jetzt. Aber die Partei schürt vor allem alte und neue Verlustängste. Wenn Sie Adams Schicksal, das im Buch 1990 endet, in die Zukunft verlängern müssten: Wo wäre der damals unpolitische Adam heute – in den Reihen der Linken?
Im Osten das Politische zu ignorieren war ja hoch politisch. Ich möchte Adam nicht festlegen, ich bin mir aber sicher, dass er und Evelyn sich über die Linke streiten würden, dass sie das beschäftigen würde. Ich lebe ja in einer Stadt, die von der Linken seit einiger Zeit mitregiert wird, in Berlin ist das zur Normalität geworden. Die Politik, die die Linke zumindest mitträgt, ist nicht ganz so schlecht wie die ihrer Vorgänger, mitunter aber auch zum Heulen. Wenn die Privatisierung der Wasserwirtschaft in Berlin kein Sündenfall war, dann weiß ich nicht, was ein Sündenfall ist. Ich glaube aber, dass die Bundesrepublik vor neunzehn Jahren eine gerechtere Gesellschaft war als heute, und das ist in meinen Augen das Problem. Ob die Linke das ändern könnte, darüber lässt sich, wie gesagt, streiten.
Inwiefern ging es gerechter zu als heute?
Jemand, der aus dem Westen kommt, kann das sicher besser beantworten. Aber wenn ich heute jemanden treffe, der quer durch Berlin gelaufen kommt, weil er die 2,10 Euro für die Hinfahrt und die 2,10 Euro für die Rückfahrt mit der S-Bahn nicht bezahlen kann – denn das entspricht ungefähr seinem Essenssatz pro Tag –, dann ist das, gelinde gesagt, eine unwürdige Situation. Dieses Hartz-IV-Gesetz wäre Ende der Achtziger oder Anfang der Neunziger undenkbar gewesen. Oder nehmen Sie das Gesundheitswesen, das ist ein Zweiklassensystem geworden. Auch in der Bildung spielt Geld eine wachsende Rolle. Die Ideologie der Privatisierung, die Ökonomisierung aller Lebensbereiche unterwirft alles einem kurzfristigen Effizienzdenken, das langfristig für unsere Gesellschaft bedrohlich ist.