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Gespenster, die nicht in die Suppe spucken

 ·  Was bleibt: Guillermo Rosales erzählt in "Boarding Home" von Menschen, die das Leben aussortiert hat / Von Paul Ingendaay

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Aus der Entfernung gesehen, kann Tragik ergreifend, erbaulich und manchmal sogar schön sein. Sie kann das Herz rühren und die Tränen zum Fließen bringen. Die Tragik im Leben des kubanischen Schriftstellers Guillermo Rosales, der 1946 in Havanna als Sohn eines Rechtsanwalts geboren wurde und sich 1993 in Miami erschoß, gehört nicht zu dieser Sorte. Und dennoch besitzt sein hundert Seiten langes Prosastück "Boarding Home", das von einer scheußlichen Existenz in einem Heim für Geistesgestörte, Ausgestoßene und Übriggebliebene berichtet, große Schönheit. Sie liegt in der Lakonie und äußersten Verdichtung von Rosales' Stil.

Denn hier schreibt einer um sein Leben oder das, was davon noch übrig ist. Um seinen Verstand zu retten, etwas Würde zu bewahren. Um letzte Meldung zu erstatten, bevor das Licht ausgeht. Daß es unweigerlich ausgehen wird, ahnen wir schon nach zwei Sätzen. "Außen am Haus stand Boarding Home, aber ich wußte, daß es mein Grab sein würde." So beginnt der Erzähler William Figueras, der seinem Schöpfer Guillermo Rosales ziemlich ähnlich sieht, seinen Bericht. "Es war eins jener Heime für Menschen, die das Leben aussortiert hat." Willkommen in den Zonen des Unbürgerlichen, Schmierigen und Kaputten, für die sich die Literatur schon immer zuständig fühlte und in denen einer nur richtig erzählen können muß, um sich die Hauptrolle in seinem eigenen Leben zumindest für die Länge eines Buches zurückzugeben. Das fahle Licht dieser Bewußtseinslandschaften, um einmal die Koordinaten zu nennen, stammt aus "Woyzeck" und "Einer flog übers Kuckucksnest".

Früher, in Kuba, da war William Figueras jemand und hatte kühne Ideen. "Mit fünfzehn hatte ich den großen Proust, Hesse, Joyce, Miller und Mann gelesen. Sie waren für mich, was für einen gläubigen Christen die Heiligen sind." Er schrieb einen Roman, den die kubanische Zensur als morbide und pornographisch einstufte. Dann ging etwas in ihm kaputt. Seitdem hörte er Stimmen, fühlte sich verfolgt und sah Teufel an der Wand. Die Politik wurde ihm egal, auch die Alphabetisierung und der Kommunismus. Für einen Verrückten aber war auf der Insel der Revolutionäre kein Platz, für einen schreibenden, subversiven Verrückten noch weniger. Als er Kuba endlich verlassen durfte, wollte ihn die kubanische Verwandtschaft im Exil von Miami als einen der Ihren begrüßen, sie erwartete vielleicht einen optimistischen Macher, einen Kandidaten für Haaröl und Goldkettchen. "Wer aber am Tag meiner Ankunft am Flughafen erschien, war ein übergeschnappter, magerer, verängstigter Typ mit stark gelichtetem Gebiß, den man noch am gleichen Tag in eine psychiatrische Klinik einweisen mußte, weil er die ganze Familie mißtrauisch beäugte und sie nicht etwa umarmte und küßte, sondern beschimpfte." Und so, als Idiot, Gescheiterter, Gestrandeter, landet Figueras im Boarding Home. "Es ist eines jener Häuser, die den Ausschuß des Lebens auffangen. Menschliche Wesen mit leerem Blick, hohlen Wangen, zahnlosen Mündern, dreckigen Leibern. Solche Orte, glaube ich, gibt es nur in den Vereinigten Staaten . . . Es sind private Häuser, die jeder aufmachen kann, der eine behördliche Genehmigung erhält und einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert." Genauer, es sind profitable Unternehmen, die an der völligen Hilflosigkeit der Insassen und der Gleichgültigkeit von deren Angehörigen verdienen. Señor Curbelo, der Patron, kassiert das Kostgeld und die Sozialunterstützung für Geistesgestörte. Gelegentlich kommt er vorbei, kontrolliert die Medikamentenzuteilung und verteilt an die Insassen ein paar Zigaretten. Im Grunde aber macht er, was er will. Arsenio, sein Mann fürs Grobe, streicht mit der Bierdose durch die Zimmer und wacht über die Disziplin. Eine umnachtete Alte ist sein kommodes Sexualobjekt. Daß geklaut und geprügelt wird, gehört für alle zur Normalität. Irgendwann schlägt auch William Figueras zu, ohne Sinn oder Ziel. Seine kleine Liebesgeschichte, der einzige Hoffnungsschimmer des Buches, beginnt damit, daß er die hilflose Frau fast erwürgt. Er legt ihr auch die Hände um den Hals, wenn er mit ihr schläft, er kann nicht anders. Liebe und Haß sind in seinem kranken Kopf eins geworden.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2004, Nr. 233 / Seite L21
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