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Veröffentlicht: 08.03.2017, 13:00 Uhr

Gesamtausgabe H.D. Hüschs Rosenkohlschnauze

Hanns Dieter Hüsch war mehr als nur ein Witzeonkel: Eine auf acht Bände angelegte Gesamtausgabe seines literarischen Werks zeigt ihn als feinsinnigen Humoristen. Seine poetische Kraft sollte wiederentdeckt werden.

von Oliver Jungen
© Brigitte Friedrich Hanns Dieter Hüsch (1925-2005)

„Der Niederrheiner weiß nix kann aber alles erklären / Und umgekehrt / Wenn man ihm etwas erklärt versteht er nix.“ Auch der Wortführer der Niederrheiner, Hanns Dieter Hüsch, erklärte gern, und zwar besonders gern die Verstocktheit mit Gebrabbel vereinende niederrheinische Mentalität. Gerade solche Aperçus aus kontrolliert regionalem Anbau aber brachten dem im Jahre 2005 gestorbenen Autor und Bühnenkünstler schließlich den Ruf eines betulichen Witzeonkels ein. Es waren junge wilde Humorcowboys wie Eckhard Henscheid und Georg Schramm, die Hüsch als „Allerunausstehlichsten“, als „Kitschgemüt“ oder „Vorleseopa“ anpöbelten: ein handelsüblicher Vatermord. Hüsch war getroffen, aber als guter Christ vergab er seinen Kritikern.

Wer Comedy sucht, ist allerdings falsch bei dem Mann aus Moers, der zwar den Kalauer ehrte, aber auf krachende Witze keinen Wert legte. Selbst das Etikett „Kabarettist“ haftet ihm nur unzureichend an. Die jetzt sukzessive in der „Edition diá“ erscheinende, auf acht Bände angelegte Gesamtausgabe des literarischen Werks von Hanns Dieter Hüsch beweist in ihrer wohltuenden Konzentration auf die reinen Texte, dass dieser feinsinnige Humorist in erster Linie eine poetische, musikalische Natur war. Ein Zusammenführen der bislang auf rund sechzig Bücher (mit meist unsäglichen Covern) verteilten Veröffentlichungen ist verdienstvoll, auch wenn auf eine Kommentierung verzichtet wurde.

45062935 © Edition diá Vergrößern Hanns Dieter Hüsch: „Das literarische Werk“. Band 1: „Ich sing für die Verrückten“. Die poetischen Texte, hrsg. von Helmut Lotz. Edition diá, Berlin 2016, 240 S., br., 22,- Euro.

Wie selbstverständlich macht die von Helmut Lotz edierte Ausgabe mit der dezidierten Lyrik des Autors auf. Dazu zählen die von charmanter Mann-Frau-Rollenkomik lebenden „Frieda-Geschichten“ aus den fünfziger und sechziger Jahren. In deren idyllische Sphäre des Häuslichen dringt das Historische und Politische allenfalls am Rande ein, wenn etwa Essener und Kölner um den Titel der „zerstörtesten Stadt“ konkurrieren. In den übrigen Gedichten sieht es häufig düsterer aus, blickt uns die verwüstete Erde an, wird auf dem Vulkan getanzt, schlägt die Historie zu: „Oft steh ich in der Ferne still / und spür / wie mich Vergangenes / erdrücken will.“ Aber mit derselben existentialistischen Wucht wird auch umarmt und geliebt bis zu den Sternen. Humor ist dabei oft ein eleganter Ausweg aus Melancholie oder Pathos. Ein leiser Humor ist es freilich, eine unerwartete „Schnauze voll mit Rosenkohl“ oder jene Mitteilung der Seele an den Dichter: „verschwinde ich habe zu tun“.

Raum der Fama und des Geredes

Gegen ideologiekontaminierte Intellektuelle verwahrt sich der Dichter auf unnachahmliche Weise. Als ihm ein solcher Dunkeldenker einmal mitteilt, dass man an den Osterhasen, der schließlich ein „Alibi für diese Pseudodemokratie“ sei, wohl kaum mehr glauben könne, entgegnet der Angesprochene kokett: „Doch, sage ich, ich glaube noch dran.“ Zu dieser engagierten Naivität passt die Selbststilisierung als fahrender Händler für „Hampelmänner“ und „Geduldspiele“: „Ich trete keinen Heimweg an, eh nicht ein Witz in allen Köpfen raucht.“ Als obsessiver Infragesteller akzeptierte Hüsch, der Wanderprediger, den Mainstream so wenig wie das Verordnete, stellte seine Fragen aber verschmitzt und hinterrücks. Gegen die Einlullung mobilisierte er gar den sonst eher vermiedenen Volksrhythmus des hoppelnden Vierhebers: „Wer gibt mir Trost wer gibt mir Halt / Der Wahnsinn in den Schädel greift / Weil überall die Staatsgewalt / Die Fantasie zu Tode schleift.“

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