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: Gequältes Herz in großem Maßstab

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Rund fünfzehn Jahre hat Fjodor M. Dostojewski für die Niederschrift der fünf großen Romane seiner letzten Schaffensphase (1866 bis 1880) gebraucht. Merkwürdigerweise beruht sein Ruhm nur auf vieren dieser fünf Romane, mal etwas mehr auf diesem, mal mehr auf jenem. Da ist "Verbrechen und Strafe" (mindestens neun ...

          Rund fünfzehn Jahre hat Fjodor M. Dostojewski für die Niederschrift der fünf großen Romane seiner letzten Schaffensphase (1866 bis 1880) gebraucht. Merkwürdigerweise beruht sein Ruhm nur auf vieren dieser fünf Romane, mal etwas mehr auf diesem, mal mehr auf jenem. Da ist "Verbrechen und Strafe" (mindestens neun Verfilmungen), der formal gelungenste seiner Kolosse, dann "Böse Geister" (zwei Verfilmungen und drei Dramatisierungen, darunter "Die Besessenen" von Camus) sowie "Der Idiot" (drei Verfilmungen, darunter die von Kurosawa) und natürlich das Spätwerk "Die Brüder Karamasow", das es auf immerhin sechs Verfilmungen bringt und mit einem einzigen Kapitel, der "Legende vom Großinquisitor", sogar Zugang zu philosophischen Seminaren und Weltanschauungsdebattierzirkeln gefunden hat.

          Nichts von all dieser Aufmerksamkeit ist für "Der Jüngling" abgefallen, wie der vorletzte Roman aus dem Jahr 1875 bisher auf deutsch hieß. Absolut nichts: keine Verfilmung, keine Dramatisierung, keine Vertonung. Eine Umfrage in der lesenden Bekanntschaft ergab, daß dort niemand Dostojewskis "Jüngling" gelesen hatte. Auch die Suchmaschinen spucken zum "Jüngling" nur einen Bruchteil der Einträge der anderen Romane aus. Wenn einem Freunde, Bekannte und Suchmaschinen nicht weiterhelfen können, dann vielleicht die Nachschlagewerke. Immerhin, der Roman wird aufgeführt, aber meist mit einer Zeile abgetan. Auch "Wikipedia" weiß nichts darüber. Während sie bei den anderen vier großen Romanen eigene Links mit zusätzlichen Informationen anbietet, erscheint beim "Jüngling" die Notiz: "Diese Seite existiert noch nicht. Du kannst hier einen neuen Wikipedia-Artikel verfassen." Mal sehen, wann sich jemand erbarmt.

          Um ehrlich zu sein, die eigene Lektüre, vor rund fünfundzwanzig Jahren, ist in der Erinnerung auch ziemlich blaß geworden. Nicht die Atmosphäre des Romans, aber seine Handlung. Und die wesentlichen Ideen sowieso. Beim Lesen von Swetlana Geiers Neuübersetzung, die jetzt im Ammann Verlag unter dem Titel "Ein grüner Junge" erschienen ist, enthüllte sich auch der Grund. Dostojewski setzt für diese achthundert Seiten einen Ich-Erzähler ein, dessen Verfahren wie eine Nebelmaschine wirkt.

          Denn einerseits will sich der neunzehnjährige Arkadij Dolgorukij, der "grüne Junge", Aufschluß über die Beziehung zu seinem leiblichen Vater geben, dem verarmten Adeligen Werssilow, der mit Arkadijs Mutter, einer ehemaligen Leibeigenen, gleich zwei uneheliche Kinder hat und sich aufgrund langer Europa-Reisen um den Sohn kaum je kümmerte. Andererseits wollen die Aufzeichnungen keinen literarischen Eindruck machen und noch nicht einmal eine "Autobiographie" sein. Streckenweise stapelt der Erzähler seine Sätze ziemlich unelegant aufeinander, fällt sich selbst ins Wort oder ergeht sich in weitschweifigen Kommentaren zu der Frage, warum er gerade jetzt so weitschweifig wird. "Keinen Zweifel", schreibt er, "diese dumme Anekdote ist kaum wert, erzählt zu werden, und es ist sogar besser, sie wäre ungekannt untergegangen; außerdem ist sie abstoßend kleinlich und überflüssig, wiewohl sie ziemlich ernste Folgen nach sich zog. Aber um mich selbst noch empfindlicher zu strafen, werde ich sie zu Ende erzählen."

          Nun ja, gelegentlich straft er damit eher den Leser. Auch seine Emotionen hat Arkadij noch nicht richtig sortiert. "Man muß schon allzu erbärmlich selbstverliebt sein", findet er, "um über die eigene Person schreiben zu können, ohne sich zu schämen." Warum aber schreibt er dann? Er schreibt, sagt er, weil ihn "alles Geschehene betroffen" hat. Der Satz gilt natürlich auch für Dostojewskis Leser, und wie! So sind also beide gemeinsam betroffen, Erzähler und Leser, und stolpern durch die Handlung dieses Entwicklungsromans, der ständig in anderen Farben leuchtet und vieles nebeneinander bietet, eine heikle Vater-Sohn-Beziehung, Ehrenhändel, kompromittierende Briefe, eine Liebesgeschichte (Vater und Sohn wollen zeitweise dieselbe Frau), ein Spieler-, Kranken- und Selbstfindungsdrama, außerdem erschütternde Selbstmorde (Dostojewski hat die Fähigkeit, seine schrecklichsten Wahrheiten in die Nebenfiguren zu verlegen) und, gleichsam als religiöses Dach, von dem das Regenwasser gleich viel reicher und schimmernder fließt, die Figur des weisen Bauern Makar Dolgorukij, der als Pilger von Kloster zu Kloster zieht und dem grünen Jungen (dessen gesetzlicher Vater er ist) gerade noch rechtzeitig eine wichtige Lehre mitgibt.

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