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Veröffentlicht: 24.01.2013, 17:20 Uhr

George Oppen: Die Rohstoffe Die lockere Mechanik der Welt

Kriegsfreiwilliger, Kommunist, Exilant, Lyriker und radikaler Sprachskeptiker: Mit dem zweisprachigen Gedichtband „Die Rohstoffe“ ist der amerikanische Poet George Oppen zu entdecken.

von Thomas Leuchtenmüller
© luxbooks

Kein amerikanischer Lyriker des zwanzigsten Jahrhunderts hat seine Wiederentdeckung so verdient wie George Oppen (1908 bis 1984). In der Regel erweitert der übliche Anlass für das Erscheinen neuer primärer oder sekundärer Werke - ein runder Geburts- oder Todestag - den Stand der Kenntnis nur marginal und verändert den sichtbaren Rang eines Autors nicht. Im Falle Oppens jedoch hat die Flut von angelsächsischen Publikationen in den letzten Jahren viele Facetten freigelegt und den Dichter endlich als Zentralfigur der amerikanischen Poesie der Moderne etabliert.

Mit Gleichgesinnten wie Louis Zukofsky und Charles Reznikoff begründete er in den dreißiger Jahren den „Objektivismus“, eine Bewegung, die den Imagismus weiterentwickeln wollte und dem Gedicht Dingqualität zugestand: Verse, so die Objektivisten, existieren in sich und für sich. Gerade weil sie mitnichten die Gefühle und Meinungen des Verfassers transportierten, träfen sie gültige Aussagen über das, was uns umgibt. In den Vordergrund rückten Einfachheit, Klarheit und Kürze, indes formale Struktur, Reim, Metapher und Bild weniger wichtig wurden.

Erstmals auf Deutsch

Oppen verlegte William Carlos Williams und Ezra Pound, reüssierte mit eigener Dichtung, entschloss sich aber Mitte der dreißiger Jahre, das Schreiben einzustellen. Für ihn waren die Auswüchse des Kapitalismus und das Heraufziehen des Faschismus äußerste Bedrohungen der wahren amerikanischen Demokratie. In diesem Klima traute er dem Gedicht kaum noch eine Wirkung zu. Und so wurde er jahrelang zum aktiven Kommunisten, bevor er nach freiwilligem Kriegseinsatz in Frankreich aus Angst vor Joseph McCarthys Schergen 1950 nach Mexiko emigrierte. Erst fast zehn Jahre später kehrte er zurück und begann wieder vermehrt zu dichten.

Die erste Kollektion seiner während der sechziger und siebziger Jahre veröffentlichten Lyrik hieß „The Materials“. Unter dem Titel „Die Rohstoffe“ ist der Band nun zweisprachig im verdienstvollen Wiesbadener Verlag Luxbooks erschienen. Erstmals wird damit die neben „Primitive“ wichtigste Auslese Oppens auf Deutsch zugänglich. Norbert Lange hat einfühlsam übersetzt und wie auch Paul Auster ein erhellendes Nachwort geliefert; ferner hat Lange zu den rund vierzig, selten mehr als eine Seite umfassenden Poemen detailreiche Anmerkungen beigesteuert, die vertiefte Einblicke in seine eigene Werkstatt und in Oppens Schaffen bieten.

Abbild der Maschine

“Die Rohstoffe“ reflektieren den - mitunter eben doch subjektiven und illustrativen - Ansatz des Pulitzerpreisträgers von 1969 in konzentrierter Weise. Man merkt den Zeilen an, dass ihr Schöpfer, der nichts und niemandem so sehr misstraute wie der Sprache, alles immer wieder überarbeitete, um es zu verknappen. Gegenstände, Namen, Momente tauchen nur blitzartig auf und sind verwoben in Meditationen über das Menschsein, Geschichte und Natur. Es ist, als vernehme man ein Rufen jedes einzelnen Gedichts: Ich bin so, wie ich bin, war stets von dieser Gestalt und werde daher relevanter Teil dieser Sphäre bleiben. Schau mich an, auch ich bin du!

Oppens Skepsis gegenüber Neuerungen im Arbeitsleben kommt nirgendwo besser zum Ausdruck als im fünfstrophigen Gedicht mit dem Titel „Abbild der Maschine“, wo von einem „heißen Klotz“ die Rede ist, der verzahnt ist „in die lockere Mechanik der Welt mit klappernden Ventilen“. Die Kriegserfahrungen in den Ardennen, wo Oppen nach Beschuss als Einziger in einem verschütteten Graben nicht umkam, artikuliert am nachhaltigsten „Überleben: Infanterie“. „Woher waren all diese Steine gekommen? / Und die Spuren von Explosivem / Eisen das im Schlamm steckt.“ Die Angst vor totaler Vernichtung durch nukleare Energie vermittelt „Die übervölkerten Länder der Bombe“: „Gehen in den Bunker, / Die Jungen und die Alten, / Einander über Rücken und Schultern // Betreten dasjenige Land, das / Unantastbar uns gehört.“

Nie verzweifelt, nie verbissen

Oppen schreibt Gedichte über seine geliebte Heimat New England (“Geburtsort: New Rochelle“) oder zu Booten (“Produkt“, „Sturmbö“) sowie über seine Abneigung gegenüber sozialem Wohnungsbau (“Aus Unglück“) und Massentransportmitteln (“Vulkan“). Anspielungen auf Vergil, Chaucer, Shakespeare, Donne, Hobbes, Whitman oder Yeats machen die unscheinbar daherkommenden Gedichte bisweilen zu vielschichtigen Rätseln. Erinnerungen an Mexiko oder England schließlich ergänzen das Nachdenken über amerikanische Verhältnisse und offenbaren einen Mann, der in Dasein und Kunst bis zu seinem Tod unterwegs war - besorgt, aber nie verzweifelt; ernst, aber nie verbissen; experimentell, aber nie unzugänglich. Willkommen diesseits des Atlantiks, Mr Oppen!

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