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Generationenbücher Golf im Feuchtgebiet

02.07.2008 ·  Das zersplitterte Subjekt der Moderne hat es schwer, zu sich zu finden. Das erklärt den Erfolg von Generationenbüchern wie Charlotte Roches „Feuchtgebiete“, die den Zeitgeist auf den Nenner bringen und einen Erfahrungshorizont anbieten, an dem jeder ein bisschen teilhat.

Von Rainer Moritz
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Zu den litaneiartig wiederholten Glaubenssätzen der Moderne gehört, dass das Individuum in Auflösung begriffen und in einer zunehmend unüberschaubaren Welt verloren sei. Wo die Vermassung rigoros walte, sei der Einzelne nicht mehr als eine austauschbare Nummer, und die Hoffnung, sich in diesem Chaos eine definierbare Identität zu bewahren, so naiv, dass man sich ihr als intellektuell ernstzunehmender Mensch nicht hingeben dürfe.

Natürlich gibt es genügend historische und soziologische Belege, die zeigen, wie die Individuen in den letzten einhundert Jahren in Kriegen und Katastrophen untergingen, wie sie austauschbare Teile autoritärer Systeme oder Opfer medialer Überflutungen und des alles vereinnahmenden Konsums wurden. Dennoch hat dieser Lieblingstopos gestandener Intellektueller auch etwas Wohlfeiles an sich. Es ist schwerlich zu leugnen, dass das Einzelwesen in der Lebenspraxis nicht immer auf der Höhe seiner theoretischen Reflexion ist und kaum davon lassen kann, sich als geistig-psychisches Ganzes und nicht nur als beliebig manövrierbares Objekt zu betrachten.

Sich selbst ein Widerspruch

Der Schriftsteller Wilhelm Genazino zum Beispiel beschreibt seit Jahrzehnten auf liebevoll ironische Weise Gestalten, die mit den Anforderungen des modernen Lebens heillos überfordert sind und sich selbst einreden, dem Zerfall in Einzelteile zu widerstehen. Im Roman „Die Liebesblödigkeit“, dessen Held allenthalben Vorträge über den Niedergang der westlichen Welt hält, heißt es unzweideutig: „Das Problem ist nur, dass ich die vielen Ichs gar nicht haben möchte, im Gegenteil. Ich beharre darauf, dass ich heute genau derjenige bin, der ich schon gestern war und der ich übermorgen wieder sein werde. Ich strenge mich manchmal sogar an, mir selbst möglichst geschlossen und widerspruchsfrei zu erscheinen.“

Menschen, nicht nur Romanfiguren, brauchen - vor allem in Zeiten, die sie überfordern - das Gefühl von Gemeinsamkeit. Sie wollen deshalb eine überschaubare Ebene der verallgemeinerbaren Erfahrungen erreichen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, die scheinbar banale Volksmundweisheit drückt aus, was sich hierzulande in den letzten Jahren mehr denn je breitgemacht hat: die Sehnsucht, das eigene Ich in den Kontext einer „Generation“ zu stellen und zumindest kurzzeitig ein Gefühl der Geborgenheit zu finden.

Bring mir den Zeitgeist auf den Nenner

Erinnern wir uns daran, wie der Journalist Florian Illies im Jahre 2000 mit „Generation Golf“ den um 1970 Geborenen signalisierte, einerseits über Individualität zu verfügen und andererseits aufgehoben zu sein im großen Suppentopf all derer, für die „Helmut Kohl“ und „Bundeskanzler“ Synonyme waren. Acht Jahre später gelingt jetzt der acht Jahre jüngeren Charlotte Roche ein noch größerer Coup: Ihr literarisch belangloser Roman „Feuchtgebiete“ entwickelt sich, wie zahllose Internetkommentare und -rezensionen zeigen, mit einem Mal zum unverhofften „Kultbuch“ mit Wiedererkennungseffekt. Journalisten jedweder Couleur halten nicht an sich und geben Frau Roche jede erdenkliche Bühne zur Selbstdarstellung - offenbar von dem Gedanken beseelt, in der telegenen, intelligenten Grimme-Preisträgerin eine Figur zu finden, die den Zeitgeistwirrwarr auf einen Nenner bringt.

Worum es in „Feuchtgebiete“ geht, ist vielfach dargestellt worden. Ein 18 Jahre altes Mädchen liegt mit einer Analfissur im Krankenhaus, erinnert sich in drastischer Weise an ihre markantesten Ausscheidungs- und Paarungserlebnisse und sehnt sich - so der kitschige Teil der Geschichte - danach, ihre Eltern wieder vereint zu sehen. Was den Roman offenkundig zu einem „Generationenbuch“ macht, hat Charlotte Roche zum Erscheinen in vielen Interviews hervorgehoben: der Wunsch, eine Sprache für weibliche Sexualität zu finden und gleichzeitig gegen den von Industrie und Frauenmagazinen propagierten Reinlichkeitswahn anzugehen. Nieder mit der Achselrasur, ja zur geruchsintensiven Körperausdünstung - das sind die Eckpunkte der bewusst als Provokation angelegten Rocheschen Weltanschauung.

Identifikation und Utopie

Als das „Zeit“-Magazin neulich den Roche-Boom bediente, die Autorin auf Lesereise begleitete und sie schlammbesudelt zum Covergirl machte, durften die passenden Zitate aus der Fangemeinde nicht fehlen, etwa von einer 24 Jahre alten Leipziger Studentin: „Charlotte hat ein Bild unserer Generation gezeigt, wie sie sein könnte, wenn der Schönheitswahn uns nicht so unfrei gemacht hätte.“ Eine vielsagende Bemerkung, denn zum einen reklamiert sie automatisch, dass „Feuchtgebiete“ kollektive Generationserfahrungen spiegele und zum anderen eine gleichsam revolutionäre Tat vollbringe. Wer sich in diesem Buch „wiederfindet“, erkennt seine Unfreiheit und sprengt die Grenzen der gesellschaftlichen Einschränkung. Helen Memel, Roches sekretverliebte Hauptfigur, habe - so die Leipziger Lesart - utopisches Potential.

Anders als jene Bücher, die sich auf reine Identifikationsangebote - wie war das damals, als wir am Samstagabend Rudi Carrell anschauten? - beschränken, scheint „Feuchtgebiete“ seinen Leserinnen den Weg zur Befreiung von gesellschaftlichem Zwang zu signalisieren. Die einförmigen Maßstäbe, die Heidi Klum und Konsorten anlegen, sollen hinweggefegt werden - ganz so, als sei ein Wühlen in Blut und Eiter bereits ein Heilsversprechen. Bei aller Ironie, die in „Feuchtgebiete“ zu finden ist: Die Vorstellung, Roches Protagonistin würde als Leitbild einer Generation fungieren, löst mehr als leichtes Schaudern aus.

Zusammenschluss und Machtanspruch

Charlotte Roche, deren lächelnd vorgetragene Provokationen zwischen Infantilität und Cleverness schwanken, mag das alles nicht gewollt haben, doch für den Erfolg von „Generationenbüchern“ spielt das keine Rolle. Ob „Flakhelfergeneration“, „Lost Generation“, „Generation X“ oder „Generation Praktikum“ - das gemeinsame Band von Gruppierungen soll helfen, Identität zu stiften, und formuliert gleichzeitig einen Machtanspruch. Denn diejenigen, die sich zu einer Generation bekennen, ahnen zumindest, gegen wen sich ihr Zusammenschluss richtet.

Ganz folgerichtig hat sich Charlotte Roche von feministischen Vorläuferinnen abgesetzt, verkörpert durch Alice Schwarzer, die mittlerweile vor allem durch Allmachtsfantasien auffällt. Auch die Generation der Achtundsechziger, die sich in den vergangenen Monaten so ausgiebig zu Wort meldete, leidet bis heute darunter, dass die ihr Nachgeborenen die historischen Verdienste von APO & Co. partout nicht angemessen würdigen wollen.

Die Vereingemeindung der Individualisten

Am besten lässt sich ihr Geist von Libertinage und Weltbefriedungsdrang in Gisela Gettys und Jutta Winkelmanns Erinnerungen „Die Zwillinge oder Vom Versuch, Geld und Geist zu küssen“ nachlesen. „Alles in allem geht es darum, die Welt zu verändern“, so lautete das erschütternd nebulöse Credo der Kasseler Bohemiennes, das für einige Jahre in Künstler- und Studentenkreisen auf fruchtbaren Boden fiel. Sätze wie „Wir haben eigentlich keine moralischen Bedenken, weil unsere Moral die höhere ist“ werden von den Geschwistern auch im Rückblick kaum mit Selbstkritik versehen. Sie brauchen ein Zeitgeistumfeld, das Meinungsführern das Gefühl gibt, auf der richtigen Seite zu stehen. Abgesehen davon war die von Getty und Winkelmann beschriebene und in vielen Talkshows nachgebetete Anmaßung auch damals nur in einem begrenzten Milieu gültig.

Als der 1955 geborene Schriftsteller Matthias Politycki in den neunziger Jahren seine Altersgenossen dazu aufrief, sich als „Achtundsiebziger-Generation“ zu definieren, tat er dies nicht zuletzt, um jene, die seinerzeit zu jung waren, den Geist der Studentenbewegung selbst zu befeuern, anzuspornen. Sie sollten aus den Nischen der Selbstgenügsamkeit hervorkommen und Machtpositionen in der Gesellschaft anstreben. Die Reaktionen waren geteilt; groß war die Zahl derjenigen, die sich von keiner „Generation“ eingemeinden lassen und ihren Hang zum Individualismus nicht aufgeben wollten.

Unter dem Joch der Achselrasur

„Generationen“ lassen sich, auch wenn es halbjährlich versucht wird, nicht ausrufen. Ohne einen aufnahmefähigen Boden, wie ihn Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ vorfanden, versickern alle Appelle ans Gemeinschaftserleben. Die Lust, sich selbst unbedingt als Teil eines größeren Ganzen zu sehen, ist verständlich und rätselhaft zugleich. Sie prophezeit Unheilvolles, wenn man wie der Journalist und Autor Alexander von Schönburg, Jahrgang 1969, in dem Gesprächsband „Tristesse Royale“ die eigene Langeweile zur Richtschnur nimmt und gewagte Vergleiche zum England vor dem Ersten Weltkrieg zieht: „England war damals ebenfalls - wie heute Europa - am Ende einer Phase des Wohlstands und der Stabilität angekommen. Junge Menschen sehnten sich nach Aufregung, nach Heldentum, ja, Heldentod letztendlich. In einer ganz ähnlichen Verfassung befindet sich unsere Generation heute. Wir werden von vorne bis hinten entertained. Die Spannung ist weg.“

Das Schwadronieren des von Spannungslosigkeit befallenen Adligen zeigt immerhin einen Aspekt überdeutlich: Wer den Bund einer Generation formen will, geht stillschweigend davon aus, dass sich nur Selbstgefühltes und Selbstgedachtes als Maßstab eignet. Er neigt dazu, Erfahrungen anderer Altersstufen und Milieus beseitezuschieben. Vielleicht gibt es ja heutzutage sogar Frauen, denen die Probleme der Charlotte-Roche-Generation herzlich gleichgültig sind und die Achselrasur nicht als Folge einer Unterjochung sehen.

Der Autor ist Leiter des Literaturhauses in Hamburg.

Quelle: F.A.S.
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