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: Geld, Matsch oder Liebe

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Rissi weiß alles! Zum Beispiel, wie viele Zähne der Mensch im Mund hat, wie hoch der höchste Berg auf dem Südpol ist, wie lange ein Tag auf dem Neptun dauert und auch wo der Dodo lebte, bevor er ausstarb (32, 5139 Meter, 16 Stunden, Mauritius). Jeden Abend sitzen die Eltern auf dem Sofa, ein dickes Quizbuch auf dem Schoß, und stellen ihrem wundersamen Kind Frage um Frage.

          Rissi weiß alles! Zum Beispiel, wie viele Zähne der Mensch im Mund hat, wie hoch der höchste Berg auf dem Südpol ist, wie lange ein Tag auf dem Neptun dauert und auch wo der Dodo lebte, bevor er ausstarb (32, 5139 Meter, 16 Stunden, Mauritius). Jeden Abend sitzen die Eltern auf dem Sofa, ein dickes Quizbuch auf dem Schoß, und stellen ihrem wundersamen Kind Frage um Frage. Und Rissi antwortet, wie es im Buche steht. Vater und Mutter aber ahnen nicht, was hinter dem ungewöhnlichen Talent ihrer Tochter steckt. Daß da im verborgenen ein merkwürdiges Männchen sitzt: uralt, verstaubt, faltig und aufs kleinste zusammenklappbar wie ein verbotener Spickzettel. Das ist der Vorsager. Er weiß alles, was Rissi nicht weiß. Und das ist viel. Heimlich hockt er im Wohnzimmer unterm Lehnsessel und flüstert ihr die richtigen Antworten ein. Es ist nämlich sein Job, andere ins Licht zu bringen und dabei selbst im Schatten zu stehen. Allerdings verlangt er für seine Dienste einen hohen Preis.

          Nach dem Erfolg von "Weißnich", in dem ein kleines Kerlchen schlichtweg gar nichts weiß, stellt die niederländische Autorin Joke van Leeuwen in ihrem neuen Buch das Thema auf den Kopf. Hier weiß jemand alles und ist doch nicht glücklich. Denn mit dem Berühmtsein ist es so eine Sache. Die Eltern sind stolz auf ihr Kind. Das ist schön - einerseits. Aber es ist irgendwie auch unangenehm, "wenn Vater und Mutter nicht einfach Vater und Mutter sind, sondern Zuschauer, noch dazu Zuschauer, die viel zu nah dran sitzen und viel zu sehr gucken".

          Rissi ist ein ganz normales Mädchen, das manchmal etwas weiß und manchmal nicht. Doch in den Eltern lebt die Vorstellung, daß das nicht reicht. Berühmt muß man werden, bekannt soll man sein. Und auch ein bißchen vornehm. Bloß nicht verstaubt. Dabei wirbelt gerade in dieser Familie viel Staub auf. Der Vater arbeitet bei einer Gebäudeabrißfirma, und die Mutter betreibt einen Trödelladen mit altem Kram. Da staubt's gewaltig. Ihr Kind wagt schließlich den Sprung auf die Bühne des Lebens und bringt zugleich die hohen Erwartungstürme der Eltern zum Einsturz.

          Herzerfrischend komisch und zugleich voller Tiefgang erzählt Joke van Leeuwen von der (un)heimlichen Sehnsucht, etwas Besonderes zu sein. Es geht dabei um große Themen. Um Wissen und Nichtwissen, ums Fehlermachendürfen, um den Blick auf die berühmten Leute und nicht zuletzt um den ehrlichen Blick auf sich selbst. In der Fernsehshow "Matsch oder Millionen" spitzt sich die Dramatik zu. Als "Kind, das alles weiß" steht Rissi mit ihrem wundersamen Gedächtnis im Scheinwerferlicht und weiß doch als einzige, daß sie ohne den Vorsager verloren ist. Beim geringsten Fehler wird sie statt mit Geld mit Matsch überschüttet und vom Publikum ausgelacht. Jeder Mensch würde in so einem Moment wohl am liebsten im Boden versinken. Aber was tut ein Kind nicht alles, um seine Eltern glücklich zu machen.

          Joke van Leeuwen gewährt uns einen Blick hinter die Kulissen des Bühnendaseins. Heimlichkeiten, nächtliche Ängste, der anstrengende Spagat zwischen Schein und Sein - und tief im Herzen der Wunsch, von den Eltern einfach so geliebt zu werden, wie man ist. Als Leser kann man sich dem Hin und Her zwischen den Polen kaum entziehen. Mal freut man sich diebisch an der verrückten Quizshow und lacht schadenfroh über den mit Matsch begossenen Kandidaten. Im nächsten Moment zittert man voller Lampenfieber mit Rissi hinter der Bühne. Der Vorsager wird dabei gleichermaßen ersehnt und gehaßt. Wie ein schwarzer Schatten zischt er seine rettenden Worte aus dunklen Winkeln und raschelt gruselig in Bühnenvorhangsfalten. Die von der Autorin in den Text eingewobenen, skizzenhaften Bilder lassen Rissis wundersame Erlebenswelt noch um einiges greifbarer werden. Eine einzige schwarze Hand genügt, um den Vorsager beim Lesen ganz unerwartet im eigenen Nacken zu spüren.

          Alles endet so, wie es begonnen hat - auf einem Sofa. Doch jetzt sitzen sie alle drei Seite an Seite: Vater, Mutter, Kind. Und wir durften einmal mehr erfahren, wie schwierig es ist, in diesem Beziehungsgefüge seinen Platz zu finden. Ungewöhnlich gewöhnlich ist diese Familie. Ganz und gar besonders ist dieses Buch. Vielleicht wird es ja am Ende sogar ein bißchen berühmt. Das wäre dann aber kein Wunder.

          CORDULA GERNDT

          Joke van Leeuwen: "Rissi, das Kind, das alles wußte". Mit Bildern der Autorin. Aus dem Niederländischen übersetzt von Hanni Ehlers. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2006. 160 S., geb., 11,90 [Euro]. Ab 9 J.

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