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Gehen wie ein Ägypter

28.04.2008 ·  Krampf der Kulturen: Alaa al-Aswanis "Chicago"

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Statistisch gesehen sind sie deutlich besser gebildet als der Durchschnittsamerikaner, ihr Verdienst ist höher, und sie sind bestens integriert. Gemeint sind Einwanderer aus dem Nahen Osten, die in den Vereinigten Staaten eine kleine, aber feine Aufsteigergruppe von inzwischen gut zwei Millionen Menschen ausmachen. Im Verständnis amerikanischer Einwanderungsbehörden erstreckt sich der Nahe Osten von Marokko bis Pakistan. Auch die Ägypter gehören also zu dieser Gruppe, in großer Zahl zugewandert erst seit den siebziger Jahren: hochqualifizierte Fachkräfte, politische und religiöse Flüchtlinge, Studenten.

Als Student verbrachte auch der heute wieder in seiner Heimatstadt Kairo lebende Zahnarzt und Schriftsteller Alaa al-Aswani Mitte der achtziger Jahre einige Semester an der renommierten Medizinischen Fakultät der Universität von Illinois in Chicago. Deren Institut für Histologie, der Gewebeforschung also, gibt den Handlungsraum für seinen neuen, in die Zeit nach dem 11. September 2001 verlegten Roman "Chicago" ab.

Wie bereits in dem Bestseller "Der Jakubijan-Bau" über ein legendäres Gebäude in Kairo, das zum sozialen Kristallisationspunkt im modernen Ägypten avanciert, zieht al-Aswani auch in seinem neuen Buch alle Register schlüpfriger Belletristik und politischer Kolportage. Dadurch soll Gesellschaftskritik spannend verpackt werden. Der Autor lässt ein illustres Ensemble ägyptischer und amerikanischer Wissenschaftler samt Angehörigen aufmarschieren. Entweder berichtet ein allwissender Erzähler aus unterschiedlichen Perspektiven, oder wir lesen Monologe der Figuren. Viele Einzelszenen reihen sich aneinander.

Ein frommes, kluges und ein wenig spätes Mädchen etwa verliebt sich in einen strebsamen und ziemlich verklemmten Mitstudenten und sucht mehr schlecht als recht, ihre Ehre und Unschuld zu verteidigen. Der junge Schöngeist Nâgi, ein Dichter und Medizinstudent, findet seinen Seelenverwandten in einem amerikanischen Altlinken, der wiederum sein Herz - allen Rassen- und Klassenschranken zum Trotz - an eine alleinstehende schwarze Verkäuferin verloren hat, während Nâgi es nach erschütternder Begegnung mit einer schwarzen Hure mit einer jüdischen Brokerin treibt. Ein Dreiergespann aus erfolgreichen und überassimilierten ägyptischstämmigen Wissenschaftlern und Ärzten leidet an der Verdrängung von Herkunft und Identität, was bei dem einen zu Impotenz, bei dem anderen zum Zerwürfnis mit der Tochter und beim dritten, einem Kopten, zu einer zaghaften Neuzuwendung zur alten Heimat führt.

Als Bösewichte fungieren die Statthalter des ägyptischen Staates in den Vereinigten Staaten: der wissenschaftlich unbegabte, dafür aber umso korruptere Vorsitzende der studentischen Landsmannschaft, Achmad Danâna, der seine aus einer wohlhabenden Kairoer Kaufmannsfamilie stammende Ehefrau misshandelt und finanziell ausnutzt, und die politischen Abgesandten aus der Heimat, in diesem Fall der Chef des Geheimdienstes an der Botschaft. Er ist es auch, der seinen Adlatus Achmad dazu anhält, in Vorbereitung eines Staatsbesuchs des Präsidenten (hier ist Mubarak ziemlich leicht auszumachen) mögliche Gegner zu bespitzeln und auszuschalten. Der Regimegegner und Freigeist Nâgi, ein Sympathieträger, wird ihm in die Fänge gehen, wobei der CIA nicht unbeteiligt ist. Während der "Jakubijan-Bau" in eindrucksvoller Weise zu einem Spiegelbild der ägyptischen Gesellschaft wurde, gelingt es al-Aswani in seinem neuen Roman "Chicago" nicht so recht, das imposante Ensemble auf eine wirklich spannende Handlung zu verpflichten. Irgendwie zerfleddert der Roman zu einem szenischen Archipelago, geraten allzu viele der Charaktere zu holzschnittartigen Karikaturen, was der doppelten ideologischen Speerspitze des Buches geschuldet sein mag. Der beißenden Kritik am korrupten Regime Mubaraks und an der bigotten Moral frömmelnder Muslime, die zum Verblüffen des Westens die ägyptische Zensur passieren konnte, stellt der Autor eine naive ideologische Kritik Amerikas aus der Klassenkampf-Retorte gegenüber, die an Glaubwürdigkeit wenig Interesse hat.

Dass ein Elite-Professor sofort in finanzielle Engpässe gerät, nur weil das Einkommen seiner Freundin, einer Verkäuferin, für ein paar Monate ausfällt, ist ebenso wenig überzeugend wie die arg klischeehaften Rassismen: Die schwarze Freundin wird vom Arbeitgeber sexuell missbraucht, findet aufgrund ihrer Hautfarbe keinen Job, und bei Restaurantbesuchen ist das Paar missbilligenden Blicken ausgesetzt. Dass Diskriminierung nicht aus der Gesellschaft verschwunden ist, ist nicht neu, doch weiß sie sich in Zeiten der Political Correctness gemeinhin subtiler zu tarnen. Überhaupt dient Sexualität bei al-Aswani diesmal allzu durchsichtig als Seismograph gesellschaftlicher Erschütterungen. Wirkt sie bei den Ägyptern nicht selten brutal oder bigott, so wird sie bei den Amerikanern enggeführt mit Drogenrausch, Rassendiskriminierung, sozialer Misere oder dekadenter Einsamkeit, die an Seifenopern wie "Desperate Housewives" erinnert, etwa, wenn die Ehefrau des vor lauter Heimweh impotent gewordenen Professors Sâlach es allein im Bett mit dem Dildo "Jack der Superhase" treibt.

So reichlich die Zahl der Protagonisten ist, eine Heldin fehlt. So scheint es, als gehe man zu einer Geburtstagsparty ohne Jubilarin. Chicago, diese herbe Stadtschönheit mit ihren sich im Michigansee spiegelnden Wolkenkratzern, die dem Buch seinen Namen gab, kommt bis auf zwei lapidare Eingangsseiten, die einem Reiseführer entnommen sein könnten, nicht vor.

SABINE BERKING

Alaa al-Aswani: "Chicago". Roman. Aus dem Arabischen von Hartmut Fähnrich. Lenos Verlag, Basel 2008. 465 S., geb., 22,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.04.2008, Nr. 99 / Seite 36
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