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Harper Lees Debüt erscheint : Der zweite Hit der Spottdrossel

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Mit „Wer die Nachtigall stört“ schrieb Harper Lee einen Klassiker des zwanzigsten Jahrhunderts. Jetzt erscheint ihr bisher unveröffentlichtes Debüt, das sich zum berühmten Nachfolger verhält wie Mr.Hyde zu Dr.Jekyll.

          Bevor dieser Roman mit dem etwas sperrigen Titel „Go Set A Watchman“ – am Dienstag in den Vereinigten Staaten, am Freitag als „Gehe hin, stelle einen Wächter“ in deutscher Übersetzung – überhaupt erscheinen konnte, war er von einem dichten Nebel aus strenger Geheimhaltung und vielen offenen Fragen umgeben: Hat Harper Lee trotz ihrer wiederholten Beteuerung, kein weiteres Buch schreiben zu wollen, diese Veröffentlichung selbst gewollt, oder wurde sie überrumpelt von ihrer geschäftstüchtigen Anwältin und Vertrauten Tonja Carter, die das vergessene Manuskript im vergangenen Jahr zufällig in einem Safe gefunden haben will? Wie viel bekommt die Neunundachtzigjährige, die zurückgezogen in ihrem Heimatstädtchen Monroeville, Alabama, lebt, von dem Rummel mit? Und, die größte Sorge: Droht das neu aufgetauchte Werk den Ruhm des berühmten Nachfolgers „To Kill a Mockingbird“, auf Deutsch „Wer die Nachtigall stört“, zu beschädigen? Könnte eines der beliebtesten und meistgelesenen Bücher des zwanzigsten Jahrhunderts, das sich seit seiner Erstveröffentlichung 1960 mehr als vierzig Millionen Mal verkauft hat und mit Gregory Peck in der Rolle des Atticus Finch glänzend verfilmt wurde, durch die Veröffentlichung seines Vorläufers im Nachhinein kompromittiert werden? Die Kunde von der bevorstehenden Veröffentlichung hat Debatten ausgelöst, wie sie sonst höchstens die Herausgabe postum entdeckter Werke großer Autoren begleiten, zuletzt etwa Nabokovs „Modell für Laura“ oder David Foster Wallaces „The Pale King“.

          Angesichts der Mischung aus höchsten Erwartungen und schlimmsten Befürchtungen ist es nicht verwunderlich, dass seit dem letzten Band der „Harry Potter“-Reihe kein Buch weltweit mit solcher Spannung erwartet wurde. HarperCollins, der amerikanische Verlag, verkündete eine Erstauflage von 2,1 Millionen, die Deutsche Verlags-Anstalt ist immerhin bereits sechsstellig unterwegs. Kein Roman der letzten Jahre wurde bei Amazon häufiger vorbestellt, und in Amerika öffneten manche Buchläden schon um Mitternacht, um Lesern „Go Set A Watchman“ schnellstmöglich zugänglich zu machen. Und dabei spielte die dramatische Aktualität, die der Roman aufgrund der mit neuer Schärfe zutage tretenden Rassenkonflikte in Baltimore und Ferguson, in Charleston und zuletzt in Lees unmittelbarer Nachbarschaft in Alabama erhält, noch nicht einmal eine Rolle.

          Ungewöhnliche Fallhöhe für ein Debüt

          Jetzt, nach Lektüre des Werks, stellen sich ganz andere Fragen. Warum riet die erfahrene Lektorin Therese „Tay“ von Hohoff Torrey 1957 Harper Lee davon ab, diesen haltungsstarken Roman zu veröffentlichen, der sicher großes Aufsehen erregt hätte? Warum legte sie der Autorin nahe, stattdessen ein versöhnlicheres Buch zu schreiben, das die Kindheit ihrer Protagonistin Jean Louise, genannt „Scout“, in den Mittelpunkt rückt und den verwitweten Vater, den Anwalt Atticus Finch, zum Inbegriff des rechtschaffenen amerikanischen Bürgers stilisiert? Zwei Jahre lang begleitete die Lektorin die junge Harper Lee bis zur endgültigen Fassung des „Mockingbird“ (der eigentlich eine Spottdrossel ist, aber im Deutschen für immer eine Nachtigall bleiben wird) – aufgrund ihrer Kenntnis von „Go Set A Watchman“ wohl wissend, dass sich die einzelnen Charaktere für Lee sehr viel zwiespältiger darstellten, als sich ihre Leser das bisher hätten träumen lassen. Aber der Reihe nach.

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          Der zweite Roman gilt ja immer als besonders schwierig, zumal nach einem erfolgreichen Debüt. Mit „Gehe hin, stelle einen Wächter“ sind nun solche und andere literarische Gesetzmäßigkeiten auf den Kopf gestellt. Denn dies ist Harper Lees eigentliches Debüt, auf das sie 1960 „Wer die Nachtigall stört“ folgen ließ, das sich in jeder Hinsicht – stilistisch, sprachlich, thematisch – so grandios gehalten hat, wie es nur große Literatur vermag. So kommt es, dass die Fallhöhe des Debüts hier von dem Roman bestimmt wird, der danach geschrieben wurde, anstatt umgekehrt.

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