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Veröffentlicht: 18.06.2017, 08:08 Uhr

Gegenwartsliteratur Im Hinterzimmer die Angst

Lasst uns einen Horrorfilm drehen: Roman Ehrlichs großer und kluger Roman „Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens“ entstellt die Gegenwart zur Kenntlichkeit.

von Wiebke Porombka
© dpa Und wovor haben Sie so Angst? Teilnehmerin des World Zombie Day in London.

Bereits Roman Ehrlichs Romandebüt „Das kalte Jahr“ spielte mit Anklängen an den Horrorfilm: Ein junger Mann verlässt den sterilen neonbeleuchteten Büroalltag und wandert durch eine verschneite Landschaft, entlang von Autobahnen, zurück zu seinem Elternhaus, das nicht nur am Meer, sondern am Rande eines militärischen Sperrgebiets liegt. In diesem eisigen Niemandsland, in dem alle organischen und emotionalen Funktionen maximal heruntergefahren sind, trifft der Ich-Erzähler seine Eltern nicht an, stattdessen öffnet ihm ein Junge die Haustür, der sich in seinem ehemaligen Kinderzimmer eingerichtet hat und dort, vermutlich, aus Elektroschrott eine Bombe baut. Mit traumlogischem Gleichmut wird der Erzähler die unheimliche Gegebenheit hinnehmen.

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Die psychoanalytische Unterströmung scheint kaum zu übersehen zu sein, wenngleich Ehrlich ein viel zu kluger Autor ist, als dass man seine literarischen Kompositionen allzu eilfertig und eindeutig entschlüsseln könnte: die Rückkehr an den Ort der Kindheit, die in Variationen vorgetragene Erzählung von gewaltsamen Ausbrüchen, die eine Erlösung aus der Erstarrung bewirken könnten, die eben nicht nur eine meteorologische ist. Vielmehr wird in der Kältemetapher individuelle wie soziale Verfasstheit ins Bild gesetzt.

Die Erlösung vom Horror vacui

Um die Erzeugung von Entropie in einer in Rationalität erstarrten Gesellschaft, um die mögliche Auflösung des Gefrorenen durch den Wahrnehmungsschock geht es auch in Ehrlichs neuem Roman über ein Horrorfilmprojekt, der den herrlich tautologischen Titel „Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens“ trägt und damit nicht nur die genretypische B-Movie-Namensgebung persifliert, sondern in der Verdoppelung bereits seine eigene Neutralisierung betreibt. Indes sind die einstigen Konzepte der ästhetischen Avantgarde bei Ehrlich einmal durch die Mahlwerke der Kulturindustrie gelaufen. Die Erzeugung von Unmittelbarkeit und ephemerer Erkenntnis durch medial vermittelten Schrecken? Der Horrorfilm als Erlösung vom Horror vacui?

46976140 © dpa Vergrößern Ragt aus der Gegenwartsliteratur hervor: Roman Ehrlichs zweiter Roman.

Man könnte das, was tatsächlich ein theoretisch beschlagener und mit den Möglichkeiten ästhetisch-politischer Utopie arbeitender Roman ist, mit einer Nerd-Geschichte verwechseln. Moritz, der Ich-Erzähler – lethargisch, verlassen von seiner Freundin, allenfalls körperlich anwesend bei einem konturlosen Agentur-Job –, wird von seinem ehemaligen Kommilitonen Christoph eingeladen, an der Produktion eines Horrorfilms mitzuwirken. Keine herkömmliche Produktion allerdings, stattdessen ein Experiment, das irgendwo zwischen Happening, Selbsterfahrungstrip und ästhetischen Provokationsversuchen angesiedelt scheint. Nicht von ungefähr gehören Christoph Schlingensief und Lars von Trier zu den vielen Referenzgrößen, die in diesem Roman aufgerufen werden.

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