http://www.faz.net/-gr3-8ygki

Gegenwartsliteratur : Im Hinterzimmer die Angst

  • -Aktualisiert am

Und wovor haben Sie so Angst? Teilnehmerin des World Zombie Day in London. Bild: dpa

Lasst uns einen Horrorfilm drehen: Roman Ehrlichs großer und kluger Roman „Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens“ entstellt die Gegenwart zur Kenntlichkeit.

          Bereits Roman Ehrlichs Romandebüt „Das kalte Jahr“ spielte mit Anklängen an den Horrorfilm: Ein junger Mann verlässt den sterilen neonbeleuchteten Büroalltag und wandert durch eine verschneite Landschaft, entlang von Autobahnen, zurück zu seinem Elternhaus, das nicht nur am Meer, sondern am Rande eines militärischen Sperrgebiets liegt. In diesem eisigen Niemandsland, in dem alle organischen und emotionalen Funktionen maximal heruntergefahren sind, trifft der Ich-Erzähler seine Eltern nicht an, stattdessen öffnet ihm ein Junge die Haustür, der sich in seinem ehemaligen Kinderzimmer eingerichtet hat und dort, vermutlich, aus Elektroschrott eine Bombe baut. Mit traumlogischem Gleichmut wird der Erzähler die unheimliche Gegebenheit hinnehmen.

          Die psychoanalytische Unterströmung scheint kaum zu übersehen zu sein, wenngleich Ehrlich ein viel zu kluger Autor ist, als dass man seine literarischen Kompositionen allzu eilfertig und eindeutig entschlüsseln könnte: die Rückkehr an den Ort der Kindheit, die in Variationen vorgetragene Erzählung von gewaltsamen Ausbrüchen, die eine Erlösung aus der Erstarrung bewirken könnten, die eben nicht nur eine meteorologische ist. Vielmehr wird in der Kältemetapher individuelle wie soziale Verfasstheit ins Bild gesetzt.

          Die Erlösung vom Horror vacui

          Um die Erzeugung von Entropie in einer in Rationalität erstarrten Gesellschaft, um die mögliche Auflösung des Gefrorenen durch den Wahrnehmungsschock geht es auch in Ehrlichs neuem Roman über ein Horrorfilmprojekt, der den herrlich tautologischen Titel „Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens“ trägt und damit nicht nur die genretypische B-Movie-Namensgebung persifliert, sondern in der Verdoppelung bereits seine eigene Neutralisierung betreibt. Indes sind die einstigen Konzepte der ästhetischen Avantgarde bei Ehrlich einmal durch die Mahlwerke der Kulturindustrie gelaufen. Die Erzeugung von Unmittelbarkeit und ephemerer Erkenntnis durch medial vermittelten Schrecken? Der Horrorfilm als Erlösung vom Horror vacui?

          Ragt aus der Gegenwartsliteratur hervor: Roman Ehrlichs zweiter Roman.
          Ragt aus der Gegenwartsliteratur hervor: Roman Ehrlichs zweiter Roman. : Bild: dpa

          Man könnte das, was tatsächlich ein theoretisch beschlagener und mit den Möglichkeiten ästhetisch-politischer Utopie arbeitender Roman ist, mit einer Nerd-Geschichte verwechseln. Moritz, der Ich-Erzähler – lethargisch, verlassen von seiner Freundin, allenfalls körperlich anwesend bei einem konturlosen Agentur-Job –, wird von seinem ehemaligen Kommilitonen Christoph eingeladen, an der Produktion eines Horrorfilms mitzuwirken. Keine herkömmliche Produktion allerdings, stattdessen ein Experiment, das irgendwo zwischen Happening, Selbsterfahrungstrip und ästhetischen Provokationsversuchen angesiedelt scheint. Nicht von ungefähr gehören Christoph Schlingensief und Lars von Trier zu den vielen Referenzgrößen, die in diesem Roman aufgerufen werden.

          Weitere Themen

          Jerusalem-Proteste werden fortgesetzt Video-Seite öffnen

          Berlin : Jerusalem-Proteste werden fortgesetzt

          In Berlin haben abermals hunderte Menschen gegen die Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt durch Donald Trump protestiert. Teilnehmer äußerten sich äußerst aufgebracht.

          Topmeldungen

          CSU-Parteitag : Marmor, Merkel und Seehofer

          Auf dem Parteitag in Nürnberg wird der große Friedensschluss inszeniert – in der CSU und CDU. Die Kanzlerin ist gerührt und beschwört die wiedergewonnene Einigkeit.
          Union und SPD sitzen bald wieder in einer Wanne

          Fraktur : Bätschi, bätschi

          Die SPD badet gerne lau. Doch wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.