Home
http://www.faz.net/-gr4-q1jq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Gedanken im Seelenverlies

Marcelle Sauvageots exemplarische Abrechnung mit der Liebe

Dieser Text hat die Klarheit und Härte eines Kristalls. Der schöne deutsche Titel gibt ihm eine elegische Note. Die hat er nicht. "Lassen Sie mich", wie er in der französischen Neuauflage zuletzt hieß, ist bereits eine Interpretation. Schnörkellos richtig ist der Originaltitel von 1933: "Kommentar".

Denn die Schreibende, gerade in einem Lungensanatorium angekommen, kommentiert den Abschiedsbrief ihres Geliebten, den sie dort vorfindet. Ihr literarischer Kunstgriff besteht darin, den Brief nur in wenigen Sätzen zu zitieren, vor allem diesen: "Ich heirate ... Unsere Freundschaft bleibt." Schreibend tritt sie mit dem Mann in ein Gespräch, das keine Nähe trübt. Die Frauenklage wird zur Selbstbefragung: Was ist Liebe, was ist Freundschaft, wer war der Mann, wer bin ich, die dem Tod entgegengeht? Sie spottet über die bürgerliche Ehe, über die "mein Mann, mein Mann" zwitschernden Frauen, von denen sie umgeben ist. Mit einer Unbedingtheit, die dem Leser Respekt abnötigt, nimmt sie das Nicht-Haben an, befiehlt sich das Vergessen. Der Text endet mit einem Kuß, den sie am Ende eines Tanzabends einem anderen Mann gibt. Er ist kein Ausdruck von Liebe, sondern ein Zeichen der Befreiung.

Marcelle Sauvageots Test spielt in einem geschlossenen Raum, der nicht das Krankenzimmer ist, sondern ein Seelenverlies. Die Außenwelt dringt kaum herein in diese metaphysische Leere. Liebe bedeutet hier niemals Glut, geschweige denn Sex, sondern sie ist etwas Gedachtes. Mildernde Umstände billigt die Autorin weder dem Mann zu, der keinen Namen trägt, noch der Frau. Niemals streift sie der Gedanke, daß diese beiden vielleicht einfach nicht zusammenpassen noch daß dieser Mann eben, wie es in einem der Nachworte heißt, von "instinktiver, organischer Falschheit" sei. Bei Marcelle Sauvageot wird er zum Inbegriff des sich verweigernden Lebens. Nur junge Menschen ohne Lebens- und Liebeserfahrung sind eines so reinen, so trostlosen Rigorismus fähig.

Marcelle Sauvageot, geboren 1900, von Beruf Lehrerin, hat, als sie diese confessio niederschrieb, an keine Veröffentlichung gedacht. Der französische Kritiker Charles Du Bos entdeckte und publizierte sie mit Einwilligung der Verfasserin. Es ist ihr einziges Buch; sie starb 1934 in Davos. Ihr Journal intime, das in der Tradition der analytischen Bekenntnisliteratur Frankreichs steht, faszinierte Literaten wie Valéry und Claudel und erlebte in den dreißiger Jahren mehrere Auflagen. Auch in Deutschland erschien eine Übersetzung. Mais hélas, möchte man da ausrufen, aber ach: Die Schönheit des schmalen Textes ist im Deutschen schwer nachzuempfinden. Hier wirkt er streng und kahl (und das "Sie", mit dem die Frau den Mann anredet, skurril), während im Französischen, das zur Rhetorik neigt, die Kühle und Simplizität dieser Sätze klassische Erhabenheit ausstrahlen. So wird das schmale Bändchen hierzulande wohl nicht den Kultstatus erreichen, den es in Frankreich im vorigen Jahr erlangt hat.

RENATE SCHOSTACK

Marcelle Sauvageot: "Fast ganz die Deine". Mit einem Nachwort von Ulrike Draesner. Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Kalscheuer. Verlag Nagel und Kimche, München und Wien 2005. 109 S., geb., 12,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2005, Nr. 65 / Seite 40

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Der meistverkaufte Roman 2014 Die Heldin als Anziehpuppe

Wodurch wird ein Buch zum Bestseller? Die Lektüre von Lori Nelson Spielmanns Mutter-Tochter-Roman Morgen kommt ein neuer Himmel wirft mehr Fragen auf als er beantwortet. Mehr Von Felicitas von Lovenberg

18.01.2015, 11:36 Uhr | Feuilleton
Der audiovisuelle Urknall unserer Literatur

Archivgut 20520: Unter dieser Signatur findet sich im Filmarchiv des Bundesarchivs der erste und einzige Tonfilm eines deutschen Dichters vor 1933. Der Dichter ist, nahezu naturgemäß, Thomas Mann. Mehr

19.09.2014, 10:30 Uhr | Feuilleton
Luc Bondy inszeniert Iwanow Der Mann, der nicht mehr kann

Herr Iwanow möchte nicht mehr mitmachen beim Leben und Lieben. Das ist seine Tragödie. Die Gesellschaft lässt ihn nicht. Das ist ihre Komödie. Luc Bondy triumphiert in Paris mit einem Untergeher-Stück Anton Tschechows. Mehr Von Gerhard Stadelmaier, Paris

31.01.2015, 14:06 Uhr | Feuilleton
Partnerschaft Was hält die Liebe frisch?

Eine Liebe fürs Leben: Das klingt romantisch, doch die Hürden des Alltags lassen viele Paare scheitern. Psychologe Eric Hegmann erklärt, wie Sie die Liebe frisch halten können. Mehr

05.01.2015, 16:48 Uhr | Gesellschaft
Unter Blasphemie-Verdacht Der Mann am Kreuz will uns etwas sagen

Der Maler George Grosz hat in den zwanziger Jahren einen Jesus gezeichnet, an den sich ähnliche Fragen heften wie an die Mohammed-Karikaturen von Charlie Hebdo. Der Fall landete vor Gericht. Mehr Von Ursula Scheer

31.01.2015, 15:19 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.03.2005, 12:00 Uhr