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Veröffentlicht: 17.03.2016, 15:24 Uhr

New-York-Roman „City on Fire“ Die dunkelste Stunde

Wie viele Leben braucht man, um eine Stadt zu beschreiben? Garth Risk Hallbergs New-York-Roman „City on Fire“ zeigt die Hauptstadt der westlichen Welt 1977 – als plötzlich alle Lichter ausgingen.

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© alex webb / Magnum Photos / Agen New York, 13. Juli 1977: Beim berühmten „Blackout“ gehen die Lichter aus - bis auf die Feuer, die im Stromausfall überall in der dunklen Stadt ausbrechen.

Als könnte man das: einfach eine ganze Stadt, und dann auch noch die größte von allen, in die Hand nehmen und zu einem Buch formen. Zu einem fast genauso großen Buch. Das man beim Lesen abstützen muss, weil es 1080 eng bedruckte Seiten lang ist beziehungsweise schwer. Man muss sich das klarmachen, bevor man Garth Risk Hallbergs New-York-Roman „City on Fire“ also selbst in die Hand nimmt: Er ist wirklich sehr, sehr, sehr lang.

Tobias Rüther Folgen:

Er hat zwar auch ein paar Bilder, einige hineingestreute Texte anderen Zuschnitts, handgeschriebene Briefe auf liniertem Papier zum Beispiel, ein zusammenfotokopiertes Punkmagazin, das säuberlich getippte Manuskript einer Zeitschriftenreportage, E-Mails auch. Der Roman ist sozusagen postmodern aufgelockert.

Aber drum herum, in sieben Bücher aufgeteilt: enorme Textmassen. Sortiert in kürzere Abschnitte wie der rechtwinklige Stadtplan von Manhattan, in dem Hallbergs Roman vor allem spielt. Es sind solche Massen an Text, dass man sich fragt, ob sich der Autor an jeden einzelnen dieser Sätze erinnern kann, die er da geschrieben hat und die man jetzt anstreicht, Sätze wie: „Er rauchte wie ein Mann, der es eilig hatte, oder einer, der in extremer Kälte aufgewachsen war“; oder: „Es gab nichts, über das New York lieber las als über sich selbst.“

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Und es gibt auch wenig, über das man als Nicht-New-Yorker lieber liest als über diese Stadt. New York also, mal wieder. Das Jahr ist 1977, meistens jedenfalls. Die Lage ist böse. Die Stadt verrottet. Das Geld geht aus und dann das Licht: ein Stromausfall, der berühmte Blackout vom 13. auf den 14. Juli 1977. Der amerikanische Präsident hatte sich zwei Jahre vorher geweigert, der in den Bankrott taumelnden Stadt mit Bundesmitteln zu helfen, was die „Daily News“ in der epochal gewordenen Titelzeile „Ford to City: Drop Dead“ verewigte. Er hatte das so nie gesagt: dass New York also tot umfallen soll. Aber so war es angekommen. Und dieser Stromausfall - Sinatras Stadt, die niemals schläft, stundenlang stockdunkel - wurde dann zum Symbol des anhaltenden Ausnahmezustands.

Hallbergs Roman steuert auf diesen Blackout zu. Er treibt seine Figuren mitten in ihn hinein: ein Dutzend Figuren, die versuchen, wie Amerikaner zu leben, und natürlich scheitern, gut scheitern, erbaulich, versöhnlich, unterhaltsam scheitern - und dann weitermachen. Denn so leben Amerikaner, erzählt es uns die amerikanische Literatur.

Die Flammenwerfer amerikanischer Literatur

„City on Fire“, Hallbergs zweiter Roman, ist vor einem halben Jahr in den Vereinigten Staaten erschienen. Begleitet von jenem standardmäßigen Getöse, wenn gerade mal wieder die nächste Offenbarung der amerikanischen Literatur erscheint. Nach solchen amerikanischen Offenbarungen kann man wirklich die Uhr stellen, und fast immer sind es tolle Bücher: Vor Hallbergs „City on Fire“ kam Rachel Kushners „Flammenwerfer“, davor Chad Harbachs „Kunst des Feldspiels“, lauter ehrgeizige, elegante Romane von Debütanten (mehr oder weniger), die Geschichten erzählen können, das aber nicht tun wollen, ohne zugleich Geschichte zu rekonstruieren. Diese Welthaltigkeit, der eine intensive Recherche vorangeht, unterscheidet neue amerikanische Bücher vor allem von neuen deutschen Büchern, und das schon seit Jahren.

Die Geschichte, die Garth Risk Hallbergs Roman in den Geschichten seiner Figuren erzählen will, handelt von der Hauptstadt der westlichen Welt kurz vor ihrem Kollaps, Mitte der siebziger Jahre. In der Bronx rauchen die Ruinen, ganze Viertel verslummen, die Mittelschicht ist weggezogen, die Unterschicht geblieben, wohin soll sie auch gehen? Und jetzt hoffen die Immobilieninvestoren auf die Vorzüge des warmen Abrisses.

Das ist das Klima des Buchs. Es riecht nach Rauch. Die Feuer, nördlich von Manhattan, sind wie Wetterleuchten über den Seiten, tausend versengte Seiten. Ständig flackern Brände auf, wann immer eine von Hallbergs Figuren - ein verlorener Sohn, seine höhere Schwester, ein schwuler schwarzer Lehrer, ein kaputter Journalist, seine angeknackste Nachbarin, ein amtsmüder Cop, zwei Teenage-Punks aus Long Island - über die Hausdächer hinausschauen. Sie finden, in der Ferne, überall Brände, in Gegenden, wo heute, vierzig Jahre später, nur noch die Immobilienpreise glühen.

Garth Risk Hallberg, author of “City on Fire,” in New York. © ALEX WELSH/The New York Times/Re Vergrößern Der amerikanische Autor Garth Risk Hallberg, geboren 1978. „City on Fire“ ist sein zweiter Roman.

Am unteren Ende von Manhattan, das um 1977 herum fast nur untere Enden hat, regieren damals die Drogen. Und die Kunst: Auf den Trümmern der verwahrlosten südöstlichen Stadtviertel (die Lower Eastside, das East Village, heute unbezahlbar) bauen die Punks etwas ganz Neues auf, indem sie alles andere erst mal einreißen. Eine Gruppe von ihnen, angeführt von einem jungen Ehrgeizling namens Nicki Chaos, gründet eine philosophische Kommune, die aufräumen und abschaffen und vor allem sichtbare Zeichen dieser notwendigen Abschaffung setzen will: Anschläge.

Vielleicht sind sie alle auch nur chronisch druff, Pillen, Kokain, Heroin - aber was die Punks vorhaben, trifft sich mit den Zielen des Ehrgeizlings Amory Gould, der es in den Geldadel von New York geschafft hat und nun, zur Verwirklichung seiner Immobilienprojekte, mit den Philosophenpunks paktiert, die für ihn die Drecksarbeit erledigen und ihre eigene Stadt in Brand stecken. Damit Goulds Konsortium auf den Ruinen neu bauen und daran verdienen kann.

Ein Thriller und sehr viele Familiengeschichten

Das ist der Thriller, der in Garth Risk Hallbergs Buch steckt. Und hat man diese Verschwörung erst einmal identifiziert, fällt es leichter, sich auf den Familienroman zu konzentrieren, der auch in „City on Fire“ steckt. Mehrere Familienromane auf einmal sind es eigentlich. Wenn man so will, spiegelt Hallberg die dysfunktionale, mit Klebestreifen zusammengehaltene kokelnde Weltstadt in den dysfunktionalen, auseinanderstrebenden Familien, die sie bewohnen und die auch von innen ausbrennen. Familien, deren Weg wir hier eine Zeitlang mitgehen dürfen, bis sich am Ende alle Wege einmal gekreuzt haben.

39127968 © S. Fischer Verlag Vergrößern Garth Risk Hallberg: „City on Fire“

Beim ersten Durchblättern wirkt „City on Fire“ deswegen viel experimenteller, als der Roman letztlich ist. Die eingeschobenen Archivmaterialien fallen sofort auf, wenn man das Buch nur anschaut, sie färben die Seiten von außen schwarz, man bleibt gleich an diesen Passagen hängen. Aber eigentlich hat Garth Risk Hallberg einen konventionellen Roman geschrieben - seine Erzählung, das ist der wahre Kunstgriff, ist selbst auch nur ein weiteres Beweisstück dieser Sammlung von Beweisstücken einer Stadt im Prozess des Zerfalls und der Neuorganisation.

Hingeworfene Wahrheiten

Das klingt anstrengender, als es ist. Hallberg ist ein Erzähler der vielen Stimmen: Er kann, je nach Figur, aufgeblasene Worte durch seine Sätze treiben lassen, dann aber, im nächsten Kapitel, kleine Wahrheiten einfach nur so hinwerfen.

Mercer, der schwule schwarze Lehrer, der nach New York gezogen ist, um einen Roman zu schreiben und seine Bestimmung zu finden, kommt zum ersten Mal seit langem nach Hause in den Süden, nach Altana in Georgia (nicht Atlanta, er ist ein Dorfjunge). Seine Mutter holt ihn vom Flughafen ab, Mercer schließt die Augen, zögert diese Heimkehr, die sich nach Niederlage anfühlt, bis zur letzten Sekunde hinaus: „Als er die Augen öffnete, sah er ein einfaches Haus mit Blechdach vor sich, bleich in der Abenddämmerung. Es hätte auch das von jemand anderem sein können, hätte es nicht diese komplizierten Dinge mit seinem Herzen angestellt.“

Es sind nur Häuser, aber sie tun komplizierte Dinge mit unseren Herzen: Das gilt genauso für die große Stadt New York. Die, die sie bewohnen, rechnen ständig damit, dass New York sie verändert, suchen nach Beweisen dafür, dass New York das schon getan hat, zählen die Tage und Monate und Jahre, in denen es noch nicht geschah, rufen in die Stadt hinein und hoffen auf Antwort und geben sie sich dann selbst, denn wer sollte es sonst tun? Wie Charlie, ein kleiner, verlorener Punkjunge aus einer Schlafstadt auf Long Island mit Expresszugverbindung nach Manhattan, wachgeküsst vom Anblick des East Village: „Eigentlich“, sagt dieser Charlie irgendwann zu sich selbst, „ist New York das Einzige, was ihn noch nie im Stich gelassen hat.“

Blackout In Manhattan © The LIFE Picture Collection/Gett Vergrößern Auch den Blackout von 1977 inszeniert Hallberg als biographische Notwendigkeit seiner Figuren.

Das ist natürlich Unsinn, weil New York sich ja gar nicht um Charlie schert noch um irgendeinen anderen, New York ist eine Ansammlung von Beton und Steinen, ein Behältnis, ein Dings - dem aber jeder Bewohner, jeder Besucher, jeder Film, jedes Buch, auch dieses großartige „City on Fire“, eine Seele andichtet.

In der amerikanischen Tradition ist, anders als in der europäischen, ja nie groß unterschieden worden zwischen dem Naturschönen und dem Sozialschönen. Europäische Romantiker beten Berge und Flüsse an, amerikanische Romantiker Berge und Flüsse und Autos und Straßen und Häuser. Das macht amerikanische Literatur vordergründig realistischer, zupackender, moderner - dabei ist sie im Inneren genauso sentimental und von Erlösungsphantasien angetrieben wie, sagen wir, die deutsche.

Zufallsgenerator Großstadt

Und so kommt es dann, dass aus dem Zufallsgenerator Großstadt - in die immer neue Menschen ziehen, die sich dann begegnen - ein großer Erzähler wird: Sinnstiftung gegen die hilflos machende Kontingenz, Trost, wo keiner ist, denn am Werk sind ja nur wir. Schon eine Stadt „Zufallsgenerator“ zu nennen ist ja Interpretation. Ach, ist das alles herrlich.

Mitten im Blackout, drei Uhr morgens am 14. Juli 1977, fragt sich Mercer, wie groß ein Buch sein müsste, um das echte Leben abzubilden. Er kalkuliert mit dreißig Seiten pro gelebter Stunde, achthundert am Tag, mal 365 sind 280.000 pro Jahr, drei Millionen in zehn Jahren, also: 24 Millionen in einem durchschnittlichen Menschenleben! Es bräuchte 2500 Menschenleben, komplett mit Schreiben zugebracht, um dieses eine Leben aufzuschreiben!

Eine unmögliche Aufgabe. Sie muss jeden Schriftsteller überfordern, der wie Garth Risk Hallberg versucht, eine Stadt in die Hand zu nehmen und zu einem Buch zu formen. Es geht nur mit Kompromissen. Und deswegen passieren in „City on Fire“ nur die Dinge in New York, die in „City on Fire“ passieren. Alles spielt sich nur unter den Figuren des Romans ab, selbst der Blackout wird als biographische Notwendigkeit inszeniert.

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Mercer ist mit William zusammen. William ist der Gründer einer Punkband, aus der die Philosophen-Gang hervorgeht, die sich Amory Gould zunutze macht, um seine Immobiliengeschäfte voranzutreiben. Amorys Schwester ist die Stiefmutter von William - und von Regan, die versucht, das Familienunternehmen vor den bösen Goulds zu retten. Regans Ehemann hat eine Affäre mit der jungen Sam. Sie ist die beste Freundin von Charlie. Die beiden gehören zu den Philosophenpunks. Sam wird in der Silvesternacht 1976/1977 im Central Park angeschossen, wo sie Mercer findet, der gerade eine Feier von Williams Familie verlässt, bei der er Regan kennengelernt hat. Larry Pulasky, der Cop, der den Fall übernimmt, ist ein Freund von Richard Groskoph, einem Journalisten, der über Sams Vater eine Reportage schreibt. Sams Vater ist Feuerwerkskünstler. Mit den Sprengstoffen aus seiner Werkstatt bauen die Anarchisten eine Bombe. Charlie geht zum selben Therapeuten wie Regan. Und so weiter und so schön. (Der deutschen Übersetzung liegt ein Personenverzeichnis bei, nach dreihundert Seiten braucht man es nicht mehr.)

Es ist, als gäbe es New York nur für diese Figuren. Und damit spiegelt sich im Bau des Romans eine der Erkenntnisse, die er gleichzeitig sichtbar macht: dass eine Stadt nur das ist, was man von ihr erzählt, über sie empfindet, von ihr hält, an ihr hasst, von ihr erwartet. „City on Fire“ handelt von einer Stadt, die in Brand gesteckt wird, ja. Aber in Wirklichkeit ist es immer die Stadt, die uns in Brand steckt.

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