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: Garderobenzuschüsse besänftigen die Ehefrau

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Philipp Erlach hat bisher keinen großen Wert auf die Beschäftigung mit der Familiengeschichte gelegt. Durch gewisse "unglückliche Umstände" war er "von den genealogischen Informationstransfers, wie sie zwischen Verwandten üblich oder wenigstens nicht unüblich sind, von früh auf abgeschnitten" worden, ...

          Philipp Erlach hat bisher keinen großen Wert auf die Beschäftigung mit der Familiengeschichte gelegt. Durch gewisse "unglückliche Umstände" war er "von den genealogischen Informationstransfers, wie sie zwischen Verwandten üblich oder wenigstens nicht unüblich sind, von früh auf abgeschnitten" worden, und der Gedanke, "daß die Toten uns überdauern", war ihm bis zu dem Tag, an dem seine Großmutter ihm eine Villa bei Wien hinterlassen hatte, vollkommen fremd gewesen.

          Beim ersten Gang auf den Dachboden fühlt er sich in seiner zögerlichen Haltung gegenüber der eigenen Vergangenheit dann auch vollauf bestätigt. Die Kartons, Kisten und Koffer, die sich hier angesammelt haben, sind mit einer dicken Schicht von Taubendreck überzogen, und beim Gedanken an die damit einhergehenden "Parasiten" überfällt Philipp eine geradezu panische Angst davor, sich mit dem Virus der Erinnerung zu infizieren: "Er zog den Kopf sofort wieder zurück, die Tür krachend hinterher, sich mehrmals vergewissernd, daß die Verriegelung fest eingeklinkt war."

          Der österreichische Autor Arno Geiger hegt bekanntlich Sympathie für solche instinktiven Abwehrreaktionen. Seit seinem Debüt "Kleine Schule des Karussellfahrens" (1997) hat er immer wieder über Menschen geschrieben, die mehr oder weniger erfolgreich vor sich selbst davonlaufen. Darum darf auch der Held seines vierten Romans "Es geht uns gut" seine "familiäre Unambitioniertheit" mitsamt seiner Abneigung gegenüber der Vergangenheit über weite Strecken aufrechterhalten. Was soll's: Im Grunde genommen wäre Philipp Erlach als mittelmäßig erfolgreicher Schriftsteller zwar die richtige Besetzung für die Rolle des rekonstruierenden Rechercheurs, doch der gerade einmal 35 Jahre alte Erbe scheut nun einmal den "Aufwand an Phantasie, der nötig wäre, sich auszudenken, wie die Dinge gewesen sein könnten".

          Also streift er lieber durch die Räume der Villa, nimmt hier und da ein Foto in die Hand, befördert ein Bündel Briefe in den Altpapiercontainer und träumt davon, in dem "ausgeputzten, ausgewaschenen, ausgekratzten" Haus die Fenster aufzureißen. Die Geschichte seiner Eltern und Großeltern muß sich erst einmal gewissermaßen von allein schreiben, und Arno Geiger, der sich inzwischen von dem verspielten Ton seiner ersten Romane fast ganz gelöst hat, erledigt das gewissermaßen hinter Philipps Rücken in Form von ausführlichen Rückblenden mit wechselnden Erzählern: Großvater und Großmutter, Vater und Mutter.

          Derzeit boomt das Genre des Familienromans, und im deutschsprachigen Raum führen solche literarischen Unternehmungen in den meisten Fällen zielgerichtet zurück in die Zeit des Nationalsozialismus. Darum ist es erstmal keine große Überraschung, daß auch Arno Geigers "Es geht uns gut" im August 1938 einsetzt, nur wenige Monate nach dem "Anschluß" Österreichs. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht hatte Philipps "christlichsozial gesinnter" Großvater Richard die Auflage bekommen, sich politisch nicht mehr zu betätigen. Er ist kein Held und engagiert sich im weiteren auch nur halbherzig für den offiziell verbotenen niederösterreichischen Bauernbund. Sehr viel mehr beschäftigt Richard in diesen Tagen die Frage, wie er das Verhältnis mit dem Kindermädchen Frieda möglichst elegant beenden kann: "Er würde sie entlassen (jawohl), seiner Frau Alma müßte er im Gegenzug das Haushaltsgeld und die halbjährlichen Garderobenzuschüsse erhöhen."

          Nicht alle Probleme lassen sich so einfach mit buchhalterischen Mitteln lösen. In den letzten Kriegstagen fällt Richards gerade vierzehn Jahre alter Sohn im "Volkssturm", und während Alma sich in die Lektüre von Stifter-Romanen vergräbt, stürzt er sich nun in seine Arbeit als Minister in der Regierung Figl und verhandelt Tag und Nacht mit den Abgesandten der UdSSR über die Zukunft Österreichs. Er schläft mit seiner Sekretärin, und in den wenigen Stunden, die er noch zu Hause verbringt, streitet er sich mit seiner Tochter Ingrid, die sich schließlich kurz nach dem Abschluß des Staatsvertrages 1955 aus der Tristesse ihres Elternhauses in die absehbar traurige Ehe mit einem Angestellten des Kuratoriums für Verkehrssicherheit flüchtet: "Das Leben wird aus Kompromissen bestehen", ahnt sie, "mit den Eltern, mit den Sowjets, mit Peter, mit den Kindern, die sie irgendwann mit Peter haben wird."

          Tatsächlich wird es "das große Glück" auch für Ingrid, die Mutter von Philipp, nicht geben. "Die Zeit ist einfach weg", denkt sie 1970 am Silvesterabend, als sie müde von der Arbeit kommt und ihr Mann sich umgehend im Hobbykeller verschanzt: "Was habe ich gemacht? Die letzten sechs Monate? Im letzten Jahr?"

          Es geht also um die verlorene Zeit, und damit unterscheidet sich "Es geht uns gut" von vielen anderen, oft bestürzend gut gemeinten Familienromanen aus dem deutsprachigen Raum. Der 1968 geborene Arno Geiger versucht als Angehöriger der Enkelgeneration gerade nicht, die letzten dunklen Familiengeheimnisse bis in die Jahre des nationalsozialistischen Sündenfalls zurückzuverfolgen. Bei ihm verschwindet die Vergangenheit einfach so, auch ohne historisch motivierte Verdrängungsleistung, im Nichts: Über Ingrids Ehejahre hat sich der Grauschleier des Alltags gelegt, ihre Mutter verbietet sich mit der Disziplin einer Beamtengattin jeden Gedanken an die Affären ihres Mannes Richard - und daß dieser vor dem Zweiten Weltkrieg noch fest "davon ausgeht", daß er sich eines Tages an die glücklichen Stunden im Garten der Familienvilla "erinnern wird", erweist sich fünfzig Jahre später schlicht als falsch. Der Minister a. D. leidet mittlerweile unter einer schweren Demenz und kann sich nicht einmal mehr den Namen seiner eigenen Frau ins Gedächtnis rufen.

          Angesichts dieser familiären Generalamnesie kann man es dem unglücklichen Erben Philipp kaum zum Vorwurf machen, daß er im Frühling des Jahres 2001 zunächst am liebsten die letzten Türen zu den Zimmern der Vergangenheit krachend zuwerfen und für immer fest verriegeln möchte. Ganz gleich, wieviel Verständnis Arno Geiger seiner ambitionslosen Romanfigur auch entgegenbringt: Die zunächst hartnäckig aufrechterhaltene Schutzbehauptung, daß "das Mögliche in der Vergangenheitsform das Vergebliche ist", läßt er dem familiären Totalverweigerer dann aber offenbar doch nicht durchgehen. Zuletzt füllt sich nämlich nach und nach auch Philipps Notizbuch, selbst wenn er sich dabei - "als kleine Huldigung an die Gebrechlichkeit der Welt, die jeder sich zusammenbaut" - nicht immer an die Fakten hält.

          Ein Widerspruch liegt darin nicht. Es ist ebendie Literatur, die gleichzeitig vom Vergessen und von der Erinnerung erzählen kann und der es mit den Mitteln der Fiktion manchmal gelingt, ein wenig von der verloren geglaubten Zeit als Möglichkeit zurückzugewinnen. "Es geht uns gut" ist ein sehr überzeugender Beweis dafür.

          Arno Geiger: "Es geht uns gut". Roman. Hanser Verlag, München 2005. 389 S., geb., 21,50 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.09.2005, Nr. 217 / Seite 54

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