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Roman „Kleines Land“ : Als Blut und Raserei Alltag waren

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Der Verlust lässt die Mutter alt werden: Opfer von Polizeigewalt in Bujumbura. Bild: AFP

Ein Rapper schreibt afrikanische Geschichte: Gaël Fayes Roman „Kleines Land“ blickt von Burundi aus auf den Völkermord in Ruanda – in Frankreich war das Buch ein großer Erfolg.

          Eine Sackgasse ist das sinnreiche Bild, das Gaël Faye gefunden hat, um eine persönliche und historische Ausweglosigkeit zu schildern. Für sich genommen ist der Ausdruck sprichwörtlich, ja banal, aber Faye macht in seinem Romanerstling „Kleines Land“ auch erst einmal nur ein alltägliches Setting daraus: Die letzten Jugendmomente des Helden Gaby (Gabriel) spielen sich in besagtem idyllischen Straßenende ab; Faye reichert den Ort langsam, fast unmerklich mit Bedeutung an. Am Ende wird das Bild sinnfällig, da mutiert die Sackgasse zur lebensbedrohlichen Falle, und eine Flucht wird unausweichlich. Denn Gaby lebt Anfang der neunziger Jahre in Bujumbura, Burundi, und aus dem benachbarten Ruanda, der Heimat von Gabys Mutter, schwappen Bürgerkrieg und Genozid ins Land.

          Gaël Faye, „Kleines Land“. Roman. Aus dem Französischen von Brigitte Große und Andrea Alvermann. Piper Verlag, München 2017. 224 S., geb., 20 Euro.
          Gaël Faye, „Kleines Land“. Roman. Aus dem Französischen von Brigitte Große und Andrea Alvermann. Piper Verlag, München 2017. 224 S., geb., 20 Euro. : Bild: Piper Verlag

          Zunächst sind die Sorgen also gewöhnlich, der einzige Konflikt ein Rosenkrieg: Gabys Eltern, Yvonne, eine Tutsi aus Ruanda, und Jacques, ein Franzose aus dem Jura, trennen sich lautstark. Gaby, zehn Jahre alt, und seine Schwester Ana, sieben, erleiden das Familienchaos still. Es folgt der Beginn der Pubertät mit Mangodiebstahl, ersten Zigaretten und Bieren sowie vor allem mit den „Kinanira Boyz“, Gabys Freundesgruppe aus dem wohlhabenden Viertel. Doch 1993, Gaby ist elf Jahre alt, explodieren die Konflikte in Ruanda abermals, und in Burundi nehmen die Spannungen zu: „Ich frage mich immer noch, wann meine Freunde und ich anfingen, Angst zu haben.“ Die historischen freien Wahlen bringen zwar einen demokratisch gewählten Präsidenten hervor, der jedoch wird ermordet; zu den Klängen von Wagners „Götterdämmerung“ übernimmt das Militär die Macht.

          Faye, 1982 in Burundi geboren, ist von Haus aus Rap-Sänger und beherrscht Rollenspiele gut. Die Stärke seines Romans ist das Eintauchen in die Kinderperspektive, der naive Blick auf eine unerfreuliche Wirklichkeit, welche er aus eigener Erfahrung kennt. Den großen Erfolg bei Publikum und Kritik – Faye hat 2016 unter anderen den Prix Goncourt des lycéens und den Prix du roman Fnac erhalten – verdankt „Kleines Land“ sicher dieser Perspektive, die es ihm erlaubt, eines der schrecklichsten Kapitel des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts erstmals direkt darzustellen; Scholastique Mukasongas Roman „Die heilige Jungfrau vom Nil“ (2012) hatte sich dem Vorfeld des ruandischen Völkermords gewidmet und das kommende Gemetzel eher erahnen lassen.

          Das Villenviertel als Komfortzone

          Die sozialen und ethnischen Spannungen nimmt Fayes Hauptfigur wie durch Watte wahr, Schüsse sind unwirkliche Hintergrundgeräusche: Sein Villenviertel ist eine Komfortzone in einem Land am Abgrund. Während Gaby sich darin verkriecht, bildet sich in der Freundesgruppe eine andere Fraktion, angeführt vom älteren, sozial schlechter gestellten Francis, der mittlerweile hinzugestoßen ist. Mit Gabys bestem Freund Gino vertritt Francis die Vorstellung, dass man das Viertel verteidigen muss; das legt ein Bündnis mit Milizen nahe. Die Gruppe wird von den Spannungen schier zerrissen, und das ist der spannende Aspekt von „Kleines Land“: die moralische Frage, ob man sich angesichts roh entfesselter Gewalt in irgendeiner Weise verantwortungsvoll verhalten kann oder einfach fliehen sollte.

          Gaby entdeckt die Literatur als Rückzugsort; er flüchtet sich in eine Brieffreundschaft mit Laure, einer Französin, die er noch nie gesehen hat. Seinen eskapistischen Tendenzen zum Trotz wird er in die Ereignisse hineingezogen. Eine Flucht ist im Grunde unmöglich: Nolens volens riskieren die Menschen Leib, Leben und seelische Gesundheit. Auf einem Gang zur Post wird Gaby Zeuge einer Lynchszene, ein Mann wird beiläufig gesteinigt: „Raserei und Blut begleiteten unser tägliches Tun.“ Vor allem aber machen die Unruhen vor dem Viertel nicht halt, Bedienstete verschwinden, Bewaffnete laden sich ein.

          Ein kleines, bis heute armes Land: Burundische Flüchtlinge in einem Lager in Ruanda.
          Ein kleines, bis heute armes Land: Burundische Flüchtlinge in einem Lager in Ruanda. : Bild: dpa

          Symptomatisch und anrührend ist die Geschichte von Gabys Mutter Yvonne. Als die Massaker in Ruanda ausbrechen, ruft ihre Schwester sie an: Ihr Viertel sei ein Schlachtfeld, sie verlasse das Haus, um Hilfe zu suchen. Das sind ihre letzten Worte. Yvonne reist nach Ruanda und findet ihre Neffen und Nichten niedergemetzelt in ihrer Wohnung. Ihr gelingt es nicht einmal, die Leichenspuren zu beseitigen, „ihre Haut und ihr Blut hatten sich im Zement festgesetzt“. Die einst attraktive Frau kehrt verheert nach Burundi zurück: „Ich sah ihre abgespannten Züge, die gelben Augen mit den tiefen Schatten, die welke Haut und durch den offenen Hemdkragen den Grind von Pusteln auf ihrem Körper. Mama war alt geworden.“ Schlimmer noch steht es um ihre Psyche, die zwischen Apathie und unkontrollierten Eruptionen schwankt.

          Rückkehr in ein fremd gewordenes Land

          Während diese Darstellung dank der simplen Mechanik des Schreckens literarisch gelingt, wirkt die Reaktion von Gaby auf seine Mutter weniger entwickelt: Es überzeugt kaum, dass ein Junge an der Schwelle zur Pubertät seine Mutter, ihre Abwesenheit, ihre Gefährdung, ihre Zerstörung auf diese distanzierte Weise schildert; wie generell die psychologische Darstellung nicht das Momentum entwickelt, welches „Kleines Land“ vollends mitreißend machen würde. Auch stoffliche und sprachliche Mittel werden – der einen Trouvaille oder dem anderen Glücksgriff zum Trotz – eher skizziert als konsequent eingesetzt.

          Schön ist der fast versöhnliche Schluss des Romans. Faye lässt seinen Helden im Rückblick berichten: In der Gegenwart ist er ein 33 Jahre alter Exilant, der in einer Schlafstadt lebt und in Paris arbeitet; das christliche Alter ist vermutlich kein Zufall. Die Erinnerung wird Gaby schließlich zur Rückkehr bewegen, in ein fremd gewordenes Viertel, wo jedoch zwei Menschen auf ihn warten. Ohne dass dies ausgeführt würde, wird eine Anknüpfung an die Vergangenheit möglich, welche eine relative Befriedung verspricht. Alles andere wäre angesichts der Schrecken schlicht zu viel erwartet.

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