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Gabriele Wohmann: Eine souveräne Frau : Kurz und unbändig

Bild: Verlag

Gabriele Wohmanns gefährliche Erzählungen kommen auf Samtpfoten daher. „Schön“ sind sie nicht, aber alles, was aufregend ist: wild, wütend, ironisch bis sarkastisch - großartig eben.

          Da ist dieses schon ganz von den Zeitläuften verfärbte rororo-Bändchen aus den Siebzigern, es heißt ein „Unwiderstehlicher Mann - Erzählungen“. Dieser unwiderstehliche Mann ist inzwischen - auch wenn es letal für ihn ausgeht in der Geschichte, die Gabriele Wohmann 1956 geschrieben hat - einigermaßen unsterblich. Sie war damals 24 Jahre alt, ihre Ich-Erzählerin Marcelle verfügte aber über den Groll einer frustrierten vierzigjährigen Intellektuellen, deren Weihnachtsfest „nicht sinnvoller begangen werden kann als mit der intensiven Versenkung in eine Vergangenheit, die ihr die Erbärmlichkeit ihres Jungfernstandes recht grausam vor Augen führte“.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Diese Vergangenheit lag gerade ein Jahr zurück und bestand, während eines Aufenthalts in Kalifornien, im Auflodern der aussichtslosen Verliebtheit in einen gewissen Allan, der seinerseits schon selbstverliebt zwischen Gattin und Geliebter hampelte. In einem spätabendlichen Gespräch schlägt Marcelle, die Französin ist, ihm vor: „Mein einziger Rat ist, dich zu erschießen. Ich kannte einen Franzosen, der das in einem ähnlichen Fall tat. Und es war noch nicht einmal so verzwickt bei ihm.“ Nun ja, Allan wählt die Pistole. Und die Erzählung schließt so: „Sollte ich nicht zufrieden sein, wenigstens einen Anteil am Leben eines Mannes zu haben, der mich zu lieben und zu empfinden lehrte, wie ich es Jahre der Langeweile hindurch nicht verstand: die Schuld an seinem Tod.“ Einen solchen Satz darf man sich bis heute auf der Zunge zergehen lassen.

          „Etwas Pädagogisches immer im Blick“

          Vor vielen Jahren bekamen noch junge Frauen von auch noch jungen Männern, die irgendwie engagiert waren, broschierte Bücher von genau zwei Autoren geschenkt: von Gabriele Wohmann und von Wolf Wondratschek. Die Wondratschek-Fraktion hatte bei Zweitausendeins eingekauft, ihr Signal war unmissverständlich. Die Wohmann-Fraktion dagegen setzte auf Einfühlung statt Eros. Um es kurz zu machen: Welch ein Irrtum. Denn ärger als mit Wohmann wäre das projektierte Einvernehmen der Geschlechter kaum zu denunzieren gewesen. Wo sie ihre Klauen, die auf Samtpfoten daherkommen, eingeschlagen hat, wächst kein Gras mehr.

          „Verliebt, oder?“ hieß das rosafarbene Sammlung-Luchterhand-Taschenbuch von 1983, und in der nun wieder gedruckten Titelgeschichte leidet auf weniger als zweieinhalb Seiten eine namenlose Ich-Erzählerin darunter, dass ihr Ehemann mit einer anderen Frau ins Kino geht, „immer noch eine Spur aufgeregt kurz vor der Begrüßung dieser neuen Sigrid-Trophäe in ihrer aller Senioren-Wohnstift - wo sie ihn zwar vermutlich überleben müsste, und dennoch so eifersüchtig auf ihn war wie vor 53 Jahren und wie er auf sie von jeher“. Jedoch „bei aller Liebe, bei aller Nachsicht, etwas Pädagogisches behielt man besser immer im Blick“, so der letzte Satz. Als Gabriele Wohmann das schrieb, ätzend wie ein Fläschchen Vitriol, war sie grade fünfzig Jahre alt.

          Die Königin der Kurzstrecke

          „Eine souveräne Frau“ heißt der aktuelle Band mit 26 Geschichten von Gabriele Wohmann, geschrieben über mehr als ein halbes Jahrhundert hin; „Die schönsten Erzählungen“ lautet der Untertitel. Das trifft glatt an ihrer phänomenalen Kunst vorbei: Wohmann selbst ist zweifellos souverän, ihre Frauengestalten aber sind es nicht. Sie sind von Wünschen zerklüftete, von Sehnsucht getriebene, von Boshaftigkeit, auch das, zerfressene, vor der Zeit überreife Aktricen im Lebensspiel um das, was gemeinhin als Liebe firmiert.

          Und „schön“ sind diese Erzählungen schon gar nicht, aber alles, was aufregend ist: wild, wütend, ironisch bis sarkastisch - großartig eben. Man darf ihren Furor nicht befrieden, auch wenn sie aus noch nicht allzu lang eingeebneter Vergangenheit datieren, in der Begriffe wie Frauenemanzipation und Feminismus noch ernst gemeint waren.

          Gabriele Wohmann ist keine literarische Ausdauerläuferin, sie ist die Königin der Kurzstrecke - und in dieser schwierigen Distanz der kleinen Form war sie viel zu lange Zeit verkannt. Sie folgt keinem eingespielten Novellenschema, das dicke Ende kommt am Schluss, und es ist meist katastrophisch. Zum Ende dieses Bands hin, in einer bisher unveröffentlichten Erzählung lässt sie ein „Schweizer Messer“ aufblitzen, scharfkantiges Adieu für die Selbstüberschätzung ihrer Protagonistin. Aber Gabriele Wohmann, die gerade achtzig Jahre alt geworden ist, soll unbedingt noch bei ihren Lesern bleiben - auch den souveränen Männern.

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