20.10.2011 · Albträume in englischen Parklandschaften: G.K. Chestertons Kriminalgeschichten, neu aufgelegt, zeigt seine Meisterschaft jenseits von Spürnasenfolklore.
Von Jürgen KaubeVor fünfzehn Jahren erschien in der kurz danach leider eingegangenen Zeitschrift „The Armchair Detective“ ein Aufsatz mit dem hübschen Titel „Der Fall der vergessenen Detektive“. Er handelt von denjenigen Ermittlern im Werk des 1874 geborenen Gilbert K.Chesterton, die nur noch die wenigsten kennen. Warum? Weil der eine berühmte, beliebte und oft verfilmte Pater Brown sie alle verdeckt. Chesterton, das ist für viele: der Mann, der Pater Brown erfand.
Und wer ist Pater Brown? Er ist ein einziger Protest gegen Kriminalgeschichten in der Tradition Arthur Conan Doyles, die alles auf Sachinformationen als den Schlüssel zur Lösung der Fälle setzen. Bei Chesterton führen nicht unbenutzte Theaterkarten oder getippte Liebesbriefe zum Täter, sondern soziale Sünden, Verstöße gegen den Verstand, übertriebenes Blendwerk. Jemand gibt sich als schlechter Jäger aus, indem er, anstatt das Wild zu treffen, einen Wetterhahn vom Dach holt. Aber so genau daneben trifft nur ein übermütig guter Schütze.
Den Verdacht, nicht Spuren, sondern Widersprüche führten zum Mörder, hat Chesterton zunächst mittels anderer Detektive artikuliert. Schon Basil Grant aus „The Club of Queer Trades“ von 1904 weiß alles, obwohl er seine Mansarde nicht verlässt. „Jede Spur weist in eine Richtung, im allgemeinen in die falsche“, heißt es dort ausdrücklich gegen Sherlock Holmes. Die Geschichten in „Menschenskind“ von 1912 wiederum handeln alle von demselben Verbrecher, der am Ende aber gar keiner ist, was nachzuweisen es zweier Detektive, Cyrus Pym und Michael Moon, bedarf. Auch in „Four Faultless Felons“ von 1930 – zu Deutsch etwa: Vier Verbrecher ohne Fehl – werden die Protagonisten der Tugend überführt, hier allerdings durch sich selbst. Gabriel Gale wiederum, der Detektiv in „Der Dichter und die Verrückten“ von 1929, gehört zu den Figuren, die den Kopf schief halten und darum sehen, dass manche Dinge in der Welt falsch aufgestellt sind. Und schließlich gibt es den stillen, seine inneren Monster nur ganz kurz auftauchen lassenden Mr.Pond, dessen Fälle, darunter einige der schönsten Chestertons, in seinem letzten, 1937 postum publizierten Buch, „The Paradoxes of Mr.Pond“, versammelt sind.
Wir geben das alles so ausführlich wieder, um deutschen Verleger zu empfehlen, was der Manesse Verlag von sich aus getan hat: anstatt wieder und wieder die gewiss netten Father-Brown-Geschichten zu drucken, uns das von ihnen überschattete immergrüne Werk eines der herrlichsten Schriftsteller aller Zeiten neu zu erschließen. In „Der Mann, der zu viel wusste“ – mit dem zwei Filme Alfred Hitchcocks übrigens außer dem Titel rein gar nichts zu tun haben –, das 1922 herauskam und erstmals 1925 ins Deutsche übersetzt wurde, geht es um den Detektiv Horne Fisher.
Er ist ein leicht apathischer, Tagträumen hingegebener junger Mann im Umkreis englischer Regierungszirkel, verwandt mit diesem und jenem Politiker, bekannt mit allen. Gleich in der ersten Geschichte wird von Fisher gesagt, er sehe aus wie ein Angler, aber er angele nicht. Das Zuviel, das er weiß, sind die Machenschaften, die Netzwerke, die Gründe des politischen Lebens. Die Täter, die er überführt, liefert er nicht aus, dazu fehlt ihm nicht nur der Glaube, das mache irgendetwas besser. Er weiß sogar, dass die Schuldigen unbekannt bleiben und ins trübe Wasser zurückgeworfen werden müssen – müssen, weil alles andere die Ordnung gefährden würde. Der Premierminister selbst ist ein Mörder, sein Onkel ein Spion, den der Detektiv erschlägt, der Polizeibeamte tötet seine Kollegen, um es einem irischen Rebellen in die Schuhe zu schieben.
Der Innenseiter der Politik untersteht so nicht nur einer Schweigepflicht, sondern auch der Askese gegenüber moralischem Handeln. „Right or wrong, my country“, diese dreiwertige Logik des Nationalismus hatte Chesterton einst als denselben Unfug bezeichnet, der aus dem Satz „Besoffen oder nüchtern, meine Mutter“ herausschaue – hier aber lässt er den Detektiv verzweifelt dieser Phrase opfern.
Die Geschichten entbehren auf diese Weise aller Heiterkeit, es sind starre Albträume in englischen Parklandschaften, die im Dämmerlicht liegen. Das Wort „Unterwelt“, das die kriminelle Zone wie das heidnischen Jenseits meint, umschreibt den Schauplatz der Fälle gut. Nur dass die Unterwelt hier die Welt der Obertanen ist. Für Detektivgeschichten ganz ungewöhnlich, enthalten diese hier die eindrucksvollsten Landschaftsbilder aus dem ebenso herrschaftlichen wie unheimlichen England. Chesterton, der als Meister des intellektuellen Witzes bekannt ist, hatte ein unglaubliches Gefühl für Atmosphären. In einer Geschichte notiert er beispielsweise, wie beklemmend die Vorstellung wäre, mit einem Taubstummen in einem dunklen Raum eingesperrt zu sein.
Gilbert Keith Chesterton war damals Ende vierzig und, wie das kluge Nachwort von Elmar Schenkel anmerkt, schon zum Angehörigen einer untergegangenen Zeit geworden. Trotzdem schreibt er Geschichten, in denen auf Bemerkungen zum Kubismus, der die Dinge zu dünn erscheinen lasse, ein Automobilunfall folgt, als solle der beweisen, was die Welt wirklich durcheinanderbringt. Diese neue Welt hat Chesterton sich mitunter in kruden Identifikationen zurechtgelegt: Es sind Juden, Ausländer, ehrgeizige Plutokraten und selbstgerechte Funktionsträger, die sie bestimmen. Für ihn waren es Leute, die für ihre neuen Ideen und Theorien den Platz beanspruchtem, den dann die Moral und die Tradition frei zu machen hatten. In „Der Narr der Familie“ setzt er dagegen seine eigene Utopie einer föderalen Welt von Kleinbauern, die sich vom technischen Fortschritt und den Katastrophen abwenden, die sich für Chesterton abzeichneten.
„Detektive wissen so viel über Kriminelle, weil sie halb selbst welche sind“, sagt 1925 der Assistent des Detektivs Adrian Hyde in der Geschichte „The White Pillars Murder“. Horne Fishers Verbrechen ist seine Apathie gegenüber der politischen Gesellschaft, in der etwas faul ist. Staatsräson ist ein anderes Wort für Notlüge, aber die Lüge wendet keine Not. „Hamlet als Detektiv“ hat Siegfried Kracauer seine Rezension der deutschen Erstausgabe überschrieben. Im selben Jahr, in dem das Buch in England herauskam, wurde Chesterton katholisch.