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Fritz J. Raddatz: Rilke. Überzähliges Dasein : Einsamer nie als unter Bäumen

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Bild: Verlag

Zwischen Silbenkonfektion und Sphärenmusik: In seinem Rilke-Buch erweist sich Fritz J. Raddatz wieder einmal als der Turbo unter den deutschsprachigen Essayisten.

          Sollen wir es mit Thomas Mann halten, den der „österreichische Snob“ Rainer Maria Rilke anwiderte? „Sein Ästhetizismus, sein adliges Getu’, seine frömmelnde Geziertheit waren mir immer peinlich und machten mir seine Prosa ganz unerträglich.“ Ist es Fritz J. Raddatz’ letztes Wort, wenn er in den ersten Gedichten Rilkes die „gefältete Seide eines Silbenkonfektionärs“ rauschen hört? Die Antwort deutet er in seiner Biographie schon fast im selben Atemzug an, mit dem Hinweis auf die spätere „unnachahmliche und betörende Sphärenmusik“ seiner Dichtung. Am Ende feiert er das Gedicht „Rose, oh reiner Widerspruch ...“, das Rilke auf seinen Grabstein gesetzt wünschte: „Er gab uns nun ein letztes Geheimnis auf mit jenem unauflöslichen, unauslöschlichen Gedicht, das er in die Pforte zur Unendlichkeit meißelte.“

          Zwischen den Polen Respektlosigkeit und der höchsten, die Verzückung streifenden Achtung für das Genie spannt sich Raddatz’ temperamentvolles Durchdringen der Individualgeschichte eines Dichters, den eine Mutter mit Adelstick, solange es ging, wie ein Mädchen aufzog und der sich später mit Vorliebe auf Schlössern und in Luxushotels aufhielt – der, man muss es schon sagen, eine subtile Art des Schmarotzertums entwickelte, zu dem ihn allerdings die Verehrerinnen und die Mäzene einluden. Was aber wiegt alles dies, so darf man Raddatz verstehen, gegen ein Werk der Weltliteratur?

          In großen Schritten

          Gegen Ende lässt Raddatz keinen Zweifel daran, dass es sich bei seinem Buch um einen biographischen Essay handelt. Auch schon für seine Heine-Bücher von 1977 und 1997 und für seine kürzlich erschienene Benn-Biographie galt seine Absage an eine akademische Germanistik und das „Seminardeutsch“, was nicht zugleich den Verzicht auf die Ergebnisse der Editionsphilologie bedeutet. In der Bibliographie fehlt sogar eine auf der Grenze zum Essay stehende Rilke-Biographie wie die von Wolfgang Leppmann (1981); erfasst werden nur „Titel, die zum Erarbeiten dieser Biographie benutzt wurden“. Das ist legitim, sobald der Autor sein ganz eigenes Interesse an der Biographie Rilkes zu erkennen gibt.

          Die Kindheit in Prag und die Erziehung der Mutter haben die Psyche Rilkes tief geprägt. Gegen die Psychoanalyse aber hat er sich gewehrt. Raddatz durchmisst die Lebensgeschichte Rilkes nach Kindheit und quälendem Drill auf österreichischen Militärschulen in großen Schritten. Das Münchner Studium bringt die erste entscheidende Begegnung mit der Nietzsche-Kennerin Lou Andreas-Salome (1897), mit der er zwei Russland-Reisen unternimmt (1899/1900), die in ihm eher ein Wunsch- denn ein reales Bild des Landes hinterlassen haben. Es folgt die Worpswede-Episode, eingeleitet durch den Besuch auf dem „Barkenhof“ des Künstlers Heinrich Vogeler, wo Rilke die Bildhauerin Clara Westhoff kennenlernt, die er 1901 heiratet, von der er trotz gemeinsamer Tochter zwar bald getrennt lebt, ohne aber je geschieden zu werden.

          Ein Fremdes für uns

          Man mag sich fragen, was Rilke, den schmächtigen Sucher nach adeliger Herkunft seiner Familie und den Träumer von herrschaftlichem Wohnen, zur kargen Landschaft des Teufelsmoors nördlich von Bremen, zum Dorf Westerwede, dem Nachbarort der Malerkolonie, hingezogen hat. Eine Antwort scheint mir der Essay „Worpswede“, Rilkes Beitrag zur Geschichte der Landschaftsmalerei, zu geben. „Denn gestehen wir nur“, heißt es da, „die Landschaft ist ein Fremdes für uns, und man ist furchtbar allein unter Bäumen, die blühen, und unter Bächen, die vorübergehen. Allein mit einem toten Menschen, ist man lange nicht so preisgegeben wie allein mit Bäumen.“ Solche Sätze bestätigen von der Kehrseite her Raddatz’ Beobachtung, dass die „innere Struktur“ Rilkes „hermetisch“ bleibe. So heiße „Liebesfähigkeit“ „Alleinsein“. Rilke lebe, einer Schnecke gleich, im selbsterrichteten Haus, nämlich im Haus der Kunst.

          Raddatz sieht Rilkes Werk durchdrungen von Metaphern der eigenen Weiblichkeit und findet bei ihm auch Briefe von damenhafter Manieriertheit, zugleich eine manische Angst vor dem Geliebtwerden; ihm bleibe Liebe immer eine Nebenform schöpferischer Erfahrung. Sicherlich glimmt in Rilke eine Sehnsucht nach dem Androgynen. Skepsis stellt sich aber ein, wenn das Verhältnis „Rilke-Rodin“ zur „homoerotischen Ehe“ stilisiert wird. Versteht man darunter nicht nur Bewunderung und hingebungsvolle Verehrung, sondern eine wechselseitige Beziehung, so war der Pariser Bildhauer, der „frauenverschlingende“ Rodin, dessen Sekretär er Ende 1905/Anfang 1906 war (wofür ihn sein Rodin-Buch von 1903 empfohlen hatte), gewiss kein homoerotischer Partner.

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