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Friedhof der Analytiker

01.09.2008 ·  Hanne Kulessa lädt zum Plausch von Grab zu Grab

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Friedhöfe sind als Orte der Trauer und Erinnerung auch ergiebige literarische Orte. Dass allerdings ein umgefallener Grabstein in der Literatur zu einer Art Analytikercouch mutiert, ist auch für den literarischen Ort Friedhof einigermaßen ungewöhnlich. Genau das geschieht in Hanne Kulessas Roman "Der Große Schwarze Akt". Am umgekippten Stein des mütterlichen Grabes begegnet die Ich-Erzählerin einem Fremden, dessen interessiert-zurückhaltende Gegenwart sie dazu ermutigt, aus ihrer Vergangenheit zu erzählen. Aus der ersten, zufälligen Zusammenkunft wird das Ritual des täglichen Friedhofstreffens. Und aus den Gesprächen mit dem Fremden setzt sich allmählich die Geschichte der Kindheit der Erzählerin in den späten fünfziger und sechziger Jahren in einer neurotischen Kleinbürgerfamilie zusammen. Deren Schieflagen und hilflos-brachiale Umgangsformen haben in ihre Gegenwart hineingewirkt, ihre Ängste und Lebensentscheidungen beeinflusst und zum finalen Zerwürfnis zwischen Mutter und Tochter geführt.

Ob sich die Familiengeschichte allerdings tatsächlich so zugetragen hat, bleibt offen. Denn die Erzählerin leidet, wie sie selbst sagt, unter "phantastischer Pseudologie", dem krankhaften Zwang, Lügengeschichten zu erzählen. Aus der Ununterscheidbarkeit von Empirie und Phantasie innerhalb des Romangeschehens gewinnt die Lektüre des klugen und witzigen Buches ihren besonderen Reiz. Der eingangs eingeführte Kunstgriff mit dem Lügenzwang hält beim Lesen den Prozess des trickreichen Überlagerns von Wahrheit und Dichtung präsent und verweist darauf, dass jedes beiläufig erzählende Erinnern eines Einzelnen, erst recht aber das literarische Erzählen, immer bestimmten Konstruktionsprinzipien gehorcht und Realitätsverwandlungsprozessen unterworfen ist.

Die 1951 geborene Hanne Kulessa, die als freie Autorin und Moderatorin für den Hessischen Rundfunk arbeitet, dreht diese Schraube noch weiter. Sie stellt den Begegnungen mit dem Fremden kontrastierend das Erleben der Protagonistin mit sich allein bei der Arbeit gegenüber. Diese ist mit der Übersetzung eines englischen Schauerromans aus dem 19. Jahrhundert befasst, dessen phantastisch-überspannter Plot irgendwo zwischen E. A. Poe und H. P. Lovecraft angesiedelt ist. Was durch die Gespräche mit dem Fremden im Prozess des erzählenden Erinnerns noch nicht ins Wanken geraten ist, erledigt die identifizierende Auseinandersetzung der Erzählerin mit dem Text über einen verrückten Arachnologen, der sich in einen Wahnzustand steigert und schließlich von ekstatischen Spinnenweibchen ausgesaugt wird. Einmal mehr verweist der Roman auf die komplexen Mechanismen, die greifen, wenn ein (literarischer) Text entstehen oder übersetzt werden soll, dessen Reiz sich aus der Spannung von narrativer Kohärenz und der Brüchigkeit inneren Erlebens speist.

Dass Kulessa aus den unterschiedlichen Strängen ihres Romans einen dichten und plausiblen Text webt, macht "Der Große Schwarze Akt" zu einem von entspannter Überlegenheit bestimmten Buch. Entspannt, weil es auch ohne den Blick auf narrative Finesse mit Freude gelesen werden kann. Überlegen, weil es zeigt, wie aus solidem Handwerk etwas Kunstvolles entsteht. Friedhöfe können sehr lebendig sein.

BEATE TRÖGER

Hanne Kulessa: "Der Große Schwarze Akt". Roman. Weidle Verlag, Bonn 2008. 218 S., geb., 21,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2008, Nr. 204 / Seite 34
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